Text Referat im Rahmen des Seminars "Wo die Bibel Mühe macht..."
in Ichenheim, November 2003
(auf dem Seminar wurde nicht der ganze Text vorgetragen, Teile des Textes sind aus anderen Referaten entnommen)
Copyright: M.Kreplin

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Die Bibel, das Wort Gottes

Wenn wir als Menschen, die nach Gott suchen, die Bibel lesen, lesen wir sie nicht nur aus historischem oder literarischem Interesse. Wir lesen in diesem Buch in der Hoffnung, dass Gott durch die Worte dieses Buches uns begegnet, uns anspricht und uns hilft, die Fragen unseres Lebens zu klären und die Nöte unseres Lebens zu bestehen. Wir hoffen, dass Gott durch die Worte der Bibel zu uns spricht, dass die Bibel für uns zum Wort Gottes wird. Doch was bedeutet es, wenn wir sagen, die Bibel ist das Wort Gottes? Und in welcher Haltung sollen wir in der Bibel lesen, damit wir in der Beschäftigung mit ihr, Gott erfahren und eine Hilfe zum Leben finden?

Diese Fragen werden in der Kirche seit einigen Generationen auf zwei grundsätzlich verschiedene Arten beantwortet. Und so entstand eine fundamentalistische und eine historisch-kritische Art der Bibelauslegung - beide Begriffe sollen hier nicht wertend verstanden werden. Je nachdem, auf welche Art man sich der Bibel nähert, wird auch der Gewinn verschieden beim Lesen der Bibel verschieden sein. Darum sollen diese beiden Zugänge zur Bibel hier vergleichend dargestellt werden.

  1. Fundamentalistische Bibelauslegung und ihre Kennzeichen

    Die fundamentalistische Bibelauslegung wird in verschiedenen Nuancen und Variationen betrieben. Hier sollen Grundsätze dieser Art der Bibelauslegung dargestellt werden, die selbstverständlich bei verschiedenen Menschen, die auf diese Weise die Bibel lesen, je noch einmal auf eigene Weise gewichtet werden.

    1. Irrtumsfreiheit der Bibel aufgrund göttlicher Inspiration

      Ausgangspunkt fundamentalistischer Bibelauslegung ist das Beharren auf der unbedingten Wahrheit der Schrift. Die Bibel ist wahr, weil sie das Wort Gottes ist. Es wird davon ausgegangen, das alles Berichtete historisch zuverlässig ist, dass alles über Gott Gesagte für den Glauben verbindlich und alles, was als Gottes Willen bezeichnet wird, für im Handeln zu befolgen ist. Die Bibel ist also buchstäblich wahr. Undenkbar ist es, eine biblische Erzählung als „Erfindung" oder bloße „Dichtung" zu bezeichnen.

      Der absolute Wahrheitscharakter liegt nach fundamentalistischer Auffassung darin begründet, dass die biblischen Texte den jeweiligen Autoren vom Heiligen Geist eingegeben wurden. Diese Vorstellung wird als Verbalinspiration bezeichnet (von lat. verbum=Wort und inspiratio=Eingebung). Weil die Bibel von Gott inspiriert ist, ist sie auch irrtumsfrei. Um das Dogma der Irrtumsfreiheit zu stützen zu erhalten, wird häufig versucht, auch scheinbar nebensächliche Details als wahr zu erweisen.

      Weil die Bibel als Ganzes irrtumsfrei ist, sind grundsätzlich alle Bibelstellen von gleichem Gewicht. Eine unterschiedliche Wertung der einzelnen Stellen wird abgelehnt. Erst recht wird abgelehnt, einzelne Bibelstellen zu kritisieren. Wenn eine Aussage in der Bibel ein einziges Mal gemacht wird, kommt ihr unumstößliche Geltung zu.

    2. Harmonisierung

      Fundamentalistische Bibelauslegung versucht biblische Aussagen, die zueinander in Spannung stehen, zu harmonisieren, das heißt: miteinander vereinbar zu machen. Sie geht davon aus, dass Gott als eigentlicher Verfasser aller biblischen Bücher zwar den verschiedenen Schreibern verschiedenes gesagt hat, doch ist in der Auslegung diese Verschiedenheit zu überwinden. So werden z.B. unterschiedliche Darstellungen eines Ereignisses damit erklärt, dass es sich in Wahrheit um zwei verschiedene Ereignisse gehandelt habe. Es ist unvorstellbar, dass es innerhalb der Bibel einen Konflikt zwischen verschiedenen „Theologien" geben könnte.

      Eine Ausnahme von der Annahme der Widerspruchsfreiheit wird nur dort gemacht, wo alttestamentliche durch neutestamentliche Aussagen explizit aufgehoben werden (z.B. die Pflicht zur Beschneidung). In diesem Falle wird das Alte Testament dem Neuen untergeordnet. Das Alte Testament gilt an allen anderen Stellen aber trotzdem wortwörtlich, weil Jesus selbst es als von Gott eingegeben bezeichnet hat.

    3. Der Bibel gilt Gehorsam

      Weil die Bibel von Gott stammt und irrtumsfrei ist, genießt sie höchste Autorität in allen Fragen des Glaubens und der Lebensführung. Dieser Grundansatz lässt sich nicht einschränken, so dass etwa nur bestimmte Aussagen der Bibel, die unmittelbar den Glauben betreffen, für uns verbindlich seien. Weil die Bibel zuverlässige Offenbarung Gottes ist, gibt es keine Norm, die da, wo die Bibel spricht, für den Glauben und die Lebensführung eine höhere Autorität darstellen könnte, als es die Heilige Schrift ist. Alle anderen Autoritäten und Wahrheiten - sei es der Zeitgeist, die Wissenschaft oder auch das eigene Denken, Fühlen und Wollen - müssen der Autorität der Offenbarung Gehorsam leisten. Gegenüber der Bibel ist keine Kritik möglich. Auslegung der Bibel heißt: Verstehen und gehorchen.

    4. Unterschiedliche Ansatzpunkte

      In der Praxis finden sich zwei verschiedene Ansätze, mit der Annahme der Irrtumsfreiheit umzugehen. So gibt es einen doktrinären Ansatz, der die Irrtumsfreiheit der Bibel ohne Ausnahme behauptet. Schließlich gibt es auch einen maximalistischen Ansatz. Er gesteht zu, dass z.B. einige unwichtige Details vielleicht nicht historisch sind, versucht aber für so viele Aussagen als möglich die Wahrheit der Bibel zu verteidigen. Dabei wird auch auf Ergebnisse der Archäologie zurückgegriffen oder z.B. mit einer biologischen Kritik der Evolutionstheorie die Wahrheit der Schöpfung in sieben Tagen verteidigt.

    5. Die Bibel als Gottes Wort

      Durch die Lehre der Verbalinspiration ergibt sich, dass die Bibel eine grundsätzlich andere Art von Literatur darstellt, als andere Schriften und Bücher. Dadurch ergibt sich auch, dass zu ihrer Auslegung nicht einfach dieselben Methoden und Verfahren angewandt werden können, die zur Interpretation anderer Arten von Literatur verwendet werden. Die Bibel steht als das Buch der Bücher über allen anderen Büchern und nimmt einen grundsätzlich anderen Rang ein.

  2. Anliegen und Probleme fundamentalistischer Bibelauslegung

    Fundamentalistische Bibelauslegung hat ein ernstes Anliegen: Sie will die Einsicht der Reformation, dass Glaube und Kirche sich allein auf die Bibel gründen können, festhalten. Die fundamentalistische Bibelauslegung will also die Verbindlichkeit der Bibel als Norm für die Kirche und für den christlichen Glauben sichern. Sie versucht dies mit der Lehre von der Verbalinspiration, da sie meint, dass der Glaube seine sichere Grundlage verliere, wenn die Bibel selbst der Kritik unterzogen werde. Fundamentalistische Bibelauslegung will deshalb mit dem Behauptung der Irrtumsfreiheit der Bibel dem Glauben eine klare Grundlage bieten (Darum auch der Name: lat. fundamentum=Grund, Grundlage). Die Lehre von der Verbalinspiration soll die Qualität der Bibel als Wort Gottes sichern.

    Zugleich will eine fundamentalistische Bibelauslegung auf diese Weise die Menschen davor bewahren, in den Strudel seiner selbstgestrickten Ideen und Lebenskonzepte zu geraten, da diese in der Gefahr stehen, in den Abgrund zu führen. Fundamentalistische Bibelauslegung geht davon aus, dass nur das, was von Gott her kommt, den Menschen den Weg zum wahren Leben eröffnen kann. Der Mensch kann sich nicht selbst das Leben geben.

    Diese Anliegen sind festzuhalten, auch wenn die Probleme, die die fundamentalistische Bibelauslegung mit sich bringt, nicht zu übersehen sind:

    1. Religionsgeschichtliche Zusammenhänge und Widersprüche in der Bibel selbst

      Auch die Annahme der Verbalinspiration hat die Bibel nicht davor bewahrt, wissenschaftlich und bibel-kritisch untersucht zu werden. Dadurch kamen Fakten ans Licht, die Schwierigkeiten machen: So finden sich zu manchen biblischen Texten außerbiblische Parallelen, die deutlich machen, dass die biblischen Autoren Traditionen anderer Religionen aufgenommen und übernommen haben. Zu Psalm 104 wurde zum Beispiel eine viel ältere ägyptische Vorlage, der Sonnenhymnus des Pharaos Echnaton aus dem 14. Jahrhundert vor Christus, entdeckt. Auch wurde deutlich, dass die biblischen Bücher doch Widersprüche enthalten, die sich nicht auflösen lassen. So gehen zum Beispiel die ersten drei Evangelien davon aus, dass Jesus am Tag nach dem Passamahl - im jüdischen Kalender der 15. Nissan - hingerichtet wird und schildern so auch das letzte Abendmahl Jesu als Passamahl. Das Johannes-Evangelium dagegen datiert die Hinrichtung Jesu auf den Tag vor dem Passafest (Joh.18,28; 19,31) - in jüdischen Kalender der 14. Nissan. Eine dieser beiden Datierungen ist also zumindest historisch unzutreffend.

    2. Widersprüche zum naturwissenschaftlichen Weltbild

      Ein zweites grundsätzliches Problem der fundamentalistischen Bibelauslegung besteht darin, dass manche biblischen Aussagen in Widerspruch stehen zu modernen wissenschaftlichen Erkenntnissen. Dies beginnt damit, dass die Bibel die Entstehung der Welt und des Lebens anders darstellt, als moderne wissenschaftliche Theorien. Dabei muss man die gegenwärtigen Urknall- und Evolutionstheorien noch keinesfalls als unfehlbar anerkennen. Dennoch bleiben zumindest zwischen den wissenschaftlichen Erkenntnissen über das Alter der Welt und biblischen Zeitangaben unauflösbare Widersprüche. Und diese Widersprüche setzen sich fort mit Wundergeschichten, die fundamentale naturwissenschaftlichen Gesetze verletzen: Wenn zum Beispiel eine Sonnenuhr rückwärts geht (Jes.38,8) oder die Sonne gar einen ganzen Tag lang still am Himmel stehen bleibt (Jos.10,12-14), dann wird jeder moderne Naturwissenschaftler sagen: Dies ist unmöglich.

    3. Gebundenheit der Bibel an antike Gottesbilder und Moral-Vorstellungen

      Dieser Widerspruch zum neuzeitlichen Weltbild betrifft nicht nur naturwissenschaftliche Aussagen. Auch manche Gottesbilder und manche moralischen Traditionen der Bibel werden heute hinterfragt: Wenn es zum Beispiel am Ende der Sintflutgeschichte über das Opfer Noahs heißt: „Der Herr roch den beruhigenden Duft" (1.Mose 8,21), dann kommt darin ein Gottesbild zum Ausdruck, das uns heute fremd ist: Der zornige Gott kann durch Verbrennen eines Tieres beruhigt werden. Oder wenn es in einer - vielleicht erst nachträglich im Laufe der Überlieferung in den 1. Korintherbrief eingewanderten - Ermahnung heißt, die Frauen sollen schweigen in der Gemeinde (1.Kor.14,33-35), oder wenn im Alten Testament ganz selbstverständlich die Todesstrafe für eine Reihe von Verbrechen gefordert (z.B. 3.Mose 20,9) und auch im Neuen Testament dies vorausgesetzt wird, dann wird dem heute zu recht widersprochen. Ebenfalls wird in unseren Tagen von den meisten die Vielehe abgelehnt oder von den Frauen nicht mehr gefordert, dass sie im Gottesdienst ein Kopftuch aufsetzen (so 1.Kor.11,5). Dies weist darauf hin, dass nicht alle biblischen Gottesbilder und Moralvorstellungen heute für uns einfach Gültigkeit beanspruchen können. Und dieses Problem ist nicht damit zu lösen, dass man das Alte Testament gegenüber dem Neuen entwertet.

    4. Das Problem der Vielfalt der Bibel

      Das letzte Beispiel weist bereits darauf hin, dass es schwierig ist, alle Aussagen der Bibel gleich zu gewichten. Faktisch vollziehen in der Auslegung der Bibel auch alle irgend eine Art der Gewichtung zwischen zentralen und weniger bedeutsamen Stellen. Die Grundannahme der Verbalinspiration, alle Schriftworte seien gleichermaßen Gottes Wort an uns, lässt sich nicht durchhalten. Schon das Neue Testament selbst vollzieht in seiner Auslegung des Alten Testaments eine solche Gewichtung. Es erklärt zum Beispiel bestimmte rituelle Vorschriften wie die Beschneidung oder Speisevorschriften des Judentums zu Regeln, die von Christen, die selbst keine Juden sind, nicht beachtet werden müssen. Dagegen betont sie - auch in Abgrenzung gegenüber dem Judentum - die Bedeutung der prophetischen Tradition des Alten Testaments. Auch jede gegenwärtige fundamentalistische Auslegung der Bibel nimmt solche Gewichtungen vor - auch wenn dies manchmal bestritten wird. Denn in der Vielzahl der biblischen Bücher und Traditionen braucht es Grundlinien, die helfen, die verschiedenen Überlieferungen einzuordnen und auch miteinander in Beziehung zu setzen. Problematisch wird Bibelauslegung dann, wenn sie diese Grundlinien nicht selbst hinterfragt, sondern als unumstößlich setzt.

    5. Tendenz zu einer autoritären Schriftauslegung

      Wenn die Bibel als unhinterfragbares Wort Gottes gilt, dann gewinnt die Beschäftigung mit der Bibel leicht einen autoritären Zug. Wer die Bibel so liest, muss sich unterordnen, auch wenn die eigenen Gefühle, Ängste, Wünsche und Meinungen dem widersprechen. Sicher sind auch unsere eigenen Erfahrungen, Einstellungen und Befindlichkeiten zu hinterfragen und kein unmittelbarer Zugang zu Gott, aber eine einfache Unterwerfung unter eine vorgegebene Wahrheit kann nicht die Lösung aller Probleme bringen. Dies geht an der Komplexität des Lebens vorbei.

      So ergibt sich, dass ein Zugang zur Bibel zu suchen ist, der die Anliegen der fundamentalistischen Bibelauslegung festhält und gleichzeitig die Probleme vermeidet, welche ein fundamentalistischer Zugang zur Bibel mit sich bringt.

  1. Der Ansatz einer historisch-kritischen Bibelauslegung

    Hier soll der Verbalinspiration ein anderer Zugang entgegensetzt werden: der als historisch-kritischer Zugang zu bezeichnen ist. Auch der historisch-kritische Zugang versucht die Bibel als Wort Gottes wahrzunehmen. Er geht davon aus, dass in der Bibel Erfahrungen und Einsichten von Menschen aufgezeichnet sind, die diese Gott verdanken und dass in diesen überlieferten Erfahrungen und Einsichten die Kraft steckt, uns zu neuen Gotteserfahrungen zu verhelfen und uns zu stärken im Glauben, Hoffen und Lieben. Diese in der Bibel überlieferten Erfahrungen und Einsichten sind aber gemacht in der Lebenswelt vergangener Zeiten, nicht nur Gotteserfahrungen werden darum überliefert, sondern auch zeitgebundene Einstellungen und Ansichten. Wir haben sozusagen den Schatz des göttlichen Wortes nur in irdenen Gefäßen (vgl. 2.Kor.4,7). Gelegentlich sind darum in der Bibel auch problematische Überzeugungen und Einsichten zu finden, die wir heute nicht einfach übernehmen können, sondern kritisieren müssen.

    1. Die Lebendigkeit des Wortes Gottes

      Die biblischen Bücher gewinnen ihre Besonderheit und Heiligkeit erst durch die Erfahrungen, die die Menschen im Laufe der Kirchengeschichte mit den Büchern der Bibel immer wieder gemacht haben. Denn offenbar begegnet uns in diesen biblischen Büchern eine Wahrheit und Kraft, die dafür sorgt, dass in der Beschäftigung mit dieser Literatur Gott wieder neu zu uns spricht, dass wir also neue Erfahrungen mit Gott machen und eigene Einsichten über Gott, uns selbst und die Welt gewinnen, und auf diese Art und Weise die Bibel immer wieder neu Wort Gottes wird. Die Bibel ist also nicht statisch Wort Gottes, sondern sie ist eine Sammlung von Büchern, durch die Gott uns immer wieder neu begegnet. Das Wort Gottes ist also nicht ein für allemal in bestimmten Buchstaben und Sätzen festgehalten, sondern es ereignet sich immer wieder neu durch die Begegnung mit biblischen Texten. Paulus sagt einmal: Der Buchstabe tötet, der Geist aber macht lebendig (2.Kor.3,6). Die Buchstaben der Bibel sind an sich tote Worte, wenn aber der Geist Gottes durch sie an uns wirkt, dann werden sie lebendige Worte Gottes.

    2. Zwei Schritte in der Auslegung

      Die historisch-kritische Betrachtung der Bibel geht darum in zwei Schritten vor. Sie betrachtet zunächst die biblischen Texte in ihrer geschichtlichen Entstehungssituation und versucht sie auf diesem Hintergrund zu verstehen. Das ist der historische Schritt. Und weil die Buchstaben und Worte der Bibel an sich nicht heilig sind, dürfen sie auch ganz nüchtern betrachtet und analysiert werden. Die historische Analyse der Bibel verwendet darum ganz selbstverständlich alle wissenschaftlichen Einsichten, die zur Interpretation einer antiken Schrift hilfreich sind. Und zur historischen Analyse biblischer Texte können auch Menschen etwas Sinnvolles beitragen, die diese Texte nicht als heilige Texte für sich selbst betrachten, sondern ganz nüchtern und distanziert, vielleicht sogar bewusst ungläubig lesen. Der zweite Schritt ist der kritische Schritt. Er fragt nach der Bedeutung dieser Texte für heute und ihrer Wahrheit für uns. Dabei kann es geschehen, dass unser heutiges Denken kritisch hinterfragt wird, genauso wie es im Einzelfall geschehen kann, dass wir einzelne biblische Aussagen kritisch hinterfragen müssen. Bei diesem Schritt geht es darum, dass die Bibel mit uns heute ins Gespräch kommt und so ihre Wahrheit und Kraft neu erweist, dass sie uns also neu als Wort Gottes anspricht. Kritisch heißt also nicht, dass wir uns zu Lehrmeistern über die Bibel erheben, sondern gerade anders herum: dass wir uns von der Bibel in Frage stellen und ansprechen lassen. Dass wir aber auch unsere Rückfragen an die Bibel stellen. Dieser kritische Schritt versucht also nun die Bibel als heilige Schrift für uns heute zu entdecken - er setzt natürlich einen gläubigen Standpunkt voraus. Das bedeutet noch nicht, dass ein voll entwickelter und tiefer Glaube vorausgesetzt wird, aber doch zumindest das Zutrauen, dass durch die biblischen Texte Gott zu uns sprechen will.

  2. Die verschiedenen Ebenen von Wahrheit

    Die Grundfrage für die Beschäftigung mit der Bibel lautet darum: Wie kommt es dazu, dass biblische Texte zu uns sprechen, dass sie uns ansprechen und stärken, aber auch herausfordern und in Frage stellen, dass sie also für uns zum Wort Gottes werden können? Aber wie sollen dies Texte tun, bei denen wir zum Beispiel von Vornherein sagen müssen, dass sie wissenschaftlichen Erkenntnissen widersprechen und so nicht geschehen sein können? Um hier nicht in falsche Alternativen zu verfallen hilft die Unterscheidung verschiedener Ebenen, auf denen Texte Wahrheit vermitteln. Diese verschiedenen Ebenen von Wahrheit haben nicht nur biblische Texte, sondern andere Texte auch. Sie lassen sich leicht am Beispiel eines Märchens - konkret am Beispiel von Hänsel und Gretel - veranschaulichen. An einen solchen Text lassen sich verschiedene Fragen stellen, die verschiedene Arten von Wahrheit ans Licht bringen.

    1. Historische Wahrheit

      Zunächst einmal gibt es die historische Wahrheitsfrage. Sie fragt: Was ist in der Vergangenheit wirklich geschehen? Wird diese Frage an das Märchen „Hänsel und Gretel" gestellt, so würden wohl die meisten sagen, dass es niemals zwei Kinder gab, die im Wald ein Hexenhaus aus Lebkuchen fanden samt Hexe und so fort. Historisch gesehen ist das Märchen also nicht wahr. Auch wenn in diesem Märchen sicher einige historisch zutreffende Erinnerungen an Notzeiten stecken, in denen Eltern sich nicht anders zu helfen wussten, als ihre Kinder auszusetzen. Man könnte also von einem historischen Kern des Märchens sprechen. Dazu gehören sicher auch noch Aussagen über Lebensweise und Verhaltensweisen, die im Märchen mit überliefert werden und die es sicher einmal so gegeben hat.

    2. Existenzielle Wahrheit

      Offenbar interessiert an einer Geschichte aber nicht nur die historische Wahrheit. Neben dieser Ebene von Wahrheit begegnen in diesem Märchen auch existenzielle Wahrheit. Existenzielle Wahrheiten sind Einsichten und Überzeugungen, die dem Leben Halt, Orientierung und Hoffnung geben. Sie geben Antwort auf die Fragen: Was sollen wir glauben, worauf sollen wir unser Vertrauen setzen, worauf sollen wir hoffen? Existenzielle Wahrheiten sind Grundüberzeugungen über Gott, das Leben und die Menschen. Eine psychologische Auslegung des Märchens spürt zum Beispiel solchen existenziellen Wahrheiten nach. Aber auch schon ganz vordergründig transportiert das Märchen "Hänsel und Gretel" eine Reihe von existenziellen Wahrheiten. Zum Beispiel die Einsicht, dass das Gefährliche manchmal zunächst zuckersüß erscheint. Oder die Hoffnung, dass man durch List und Schlauheit auch übermächtige Feinde besiegen kann. Wahrheiten und Lebenserfahrungen, die auch heute noch gültig sein können.

    3. Ethische Wahrheit

      Eng verbunden mit solchen existenziellen Wahrheiten sind ethische Wahrheiten. Sie antworten auf die Frage: Was sollen wir tun, was sollen wir lassen? Was ist gut und richtig, was ist böse und falsch? So vermittelt das Märchen zum Beispiel den Grundsatz: Haltet zusammen und seid schlau, dann könnt ihr gemeinsam Gefahren bestehen!

      An diesem Märchen wird deutlich, dass eine Geschichte ihre Wahrheit also auf existenzieller oder ethischer Ebene haben kann, auch wenn sie historisch gesehen falsch ist. Angewandt auf die Bibel bedeutet dies: Ein biblischer Text kann für uns immer noch Wahrheit enthalten, er kann für uns immer noch Wort Gottes werden, auch wenn er historisch gesehen falsch ist.

      Damit soll nicht gesagt werden, dass alle biblischen Berichte und Erzählungen historisch unzutreffend sind. Die Bibel ist über weite Strecken auch eine historisch zuverlässige Quelle. Aber in der Bibel finden sich auch Geschichten, die historisch nicht so geschehen sind. Dennoch können auch sie wichtige existenzielle und ethische Wahrheiten für uns enthalten.

  3. Kriterien zur Beurteilung historischer Aussagen

    Die meisten Zeitgenossen werden stimmen, dass "Hänsel und Gretel" keine historische Geschichte ist. Aber wie kommt es zu diesem Urteil? Zur Beurteilung der historischen Wahrheit von Texten hat die Geschichtswissenschaft eine Reihe von Prinzipien entwickelt, die auch auf die Bibel angewendet werden können. Zwei der wichtigsten seien hier herausgegriffen:

    1. Quellenlage

      Historische Aussagen eines Textes sind dann mit um so größer Wahrscheinlichkeit zutreffend, je mehr sie mit anderen Quellen, die aus der betreffenden Zeit vorliegen, übereinstimmen. Solche Quellen können andere historische Berichte sein, aber auch archäologische Funde. So weiß man zum Beispiel von einigen Ereignissen, die im Alten Testament berichtet werden, auch aus ägyptischen, assyrischen und babylonischen Texten. Außerdem gibt es historische Ausgrabungen, die manche biblischen Texte bestätigen, andere aber auch widerlegen. Die Übereinstimmung mit anderen Quellen ist so ein wichtiges Kriterium zur Beurteilung der historischen Wahrheit eines Textes.

      Bei der Auswertung von Quellen ist natürlich auch die Aussageabsicht der Quellen zu berücksichtigen. Wenn der Text eine bestimmte Wahrheit vermitteln will, steht er in der Gefahr, die Erinnerung so zu verstärken oder abzuschwächen, dass die Aussageabsicht deutlicher zum Ausdruck kommt. In Erzählungen kommt es darum - nicht nur in der Antike - zum Beispiel zu Übertreibungen. Dies findet sich auch in der Bibel. So heißt es zum Beispiel in Mk.8,9 im Abschluss der Geschichte von der Speisung: „Es waren aber etwa viertausend". Matthäus, der die Geschichte von Markus übernimmt, verändert den Abschluss so: „Und die gegessen hatten, waren viertausen Mann, ausgenommen Frauen und Kinder". (Mt.15,38).

    2. Das Analogieprinzip und Plausibilität

      Ein zweites, wichtiges Kriterium zur Beurteilung historischer Wahrheit von Texten ist das so genannte Analogieprinzip. Das Analogieprinzip besagt, dass in der Vergangenheit nur geschehen sein kann, was wir in der Gegenwart auf analoge, also ähnliche und entsprechende Weise auch erleben. Man kann das Analogieprinzip auf eine Weise zunächst so zuspitzen: Die Naturgesetze, die beschreiben, wie die Welt heute funktioniert, galten auch schon früher. Also muss alles, was in der Vergangenheit geschehen ist, sich im Rahmen der heute allgemein anerkannten Naturgesetze vollzogen haben. Damit sind nicht alle biblischen Wunder für historisch unmöglich erklärt. Denn es gibt zum Beispiel auch heute noch Heilungen, die sich medizinisch nicht erklären lassen. Aber eine ganze Reihe von biblischen Geschichten lassen sich dann nicht mehr als geschichtliche Berichte verstehen. Sie sind einfach von den Naturgesetzen her undenkbar. So zum Beispiel die Geschichte von der Sintflut oder eben auch die biblischen Schöpfungsgeschichten. Auch die Erzählung, wie Jesus Wasser in Wein verwandelt (Joh.2), fällt in diese Kategorie. Ohne jetzt die moderne Naturwissenschaft als unfehlbar bezeichnen zu wollen, ist doch naturwissenschaftlich klar, dass die Welt nicht in sechs Tagen entstanden ist, dass der Mensch nicht aus Erde geformt ist, dass Wasser sich nicht in Wein verwandelt.

      Eine zweite Variante des Analogieprinzips ist die Frage nach der Plausibilität. Die Darstellung einer geschichtlichen Entwicklung muss zumindest in Ansätzen nachvollziehbar sein. Wenn zum Beispiel jemand behaupten würde, die Ureinwohner Nordamerikas hätten bereits über Computer-Technologie verfügt, diese dann aber aus einer bewusst kritischen Haltung gegenüber dieser Technik wieder zerstört und alle Spuren davon beseitigt, dann ist das historisch nicht plausibel. Dieses Kriterium ist nicht einfach zu handhaben, denn selbstverständlich gibt es in der menschlichen Geschichte auch Überraschendes und Unerwartetes. Aber auch für das Überraschende und Unerwartete gibt es Grenzen. Dabei ist das Plausibilitätskriterium oft ein Argument, das weniger biblische Geschichtsdarstellungen in Frage stellt, als vielmehr extrem spekulative Ansichten über den angeblich „wahren" Verlauf der Geschichte in die Schranken weist.

  4. Exkurs: Anwendung dieser Prinzipien auf die Geschichte Jesu

    Nun gibt es biblische Geschichten, deren historische Glaubwürdigkeit für den christlichen Glauben von großer Bedeutsamkeit ist. Es mag noch möglich sein, die beiden biblischen Schöpfungsgeschichten als Mythen zu verstehen, die weniger sagen, wie die Welt entstanden ist (historische Wahrheit), als was Gott mit der Welt und dem Menschen im Sinn hat (existenzielle Wahrheit) und wie wir uns in dieser Welt verhalten sollen (ethische Wahrheit). Aber wenn Jesus nur eine fiktive Gestalt wäre, die sich jemand im 2. Jahrhundert ausgedacht hätte, dann wäre dem christlichen Glauben seine Grundlage entzogen. Ebenso wenn die Auferstehung Jesu lediglich eine Erfindung der Jünger Jesu gewesen wäre. Darum soll hier in Grundzügen die historische Frage nach Jesus geklärt werden.

    1. Die Existenz Jesu

      Dass Jesus von Nazareth als historische Gestalt wirklich existiert hat, in den 30-er Jahren des 1. Jahrhunderts als Wanderprediger einen Kreis von Anhängerinnen und Anhängern um sich geschart hat und dann unter dem römischen Prokurator Pontius Pilatus am Kreuz hingerichtet wurde, steht für die historische Wissenschaft außer Frage - auch wenn manche antikirchlichen Historiker dies gelegentlich bestreiten. Für die beiden eben genannten Kriterien - Quellenlage und Analogieprinzip - ergibt sich folgender Befund:

      Jesus wird in einigen antiken, nicht-christlichen Quellen erwähnt. Es gibt römische und jüdische Texte aus dem 1. und 2. Jahrhundert n. Chr., die kurze Notizen über Jesus enthalten und sogar einen syrischen Philosophen, der ihn erwähnt. Alles Genauere, was wir über Jesus wissen, verdanken wir jedoch christlichen Überlieferungen. Dennoch setzen alle diese Quellen, die zum Teil neutral über das Christentum urteilen, zum Teil jedoch dem Christentum gegenüber auch feindlich eingestellt sind, die Geschichtlichkeit Jesu voraus. Ein Teil der Erwähnungen Jesu bestätigt Überlieferungen den Bibel, z.B. berichten sie von seinem gewaltsamen Tod. Die Quellenlage für manch andere Persönlichkeit der Antike, der historische Geschichtlichkeit nicht bestritten wird, ist viel dürftiger.

      Die These, die Gestalt Jesu sei ein Mythos und somit eine „Erfindung" des Urchristentums des 1. oder 2. Jahrhunderts, widerspricht außerdem dem Plausibilitätsprinzip. Durchaus kommen in dieser Zeit im römischen Reich neue Religionen auf, die sich auch auf mythische Urgestalten beziehen. Aber warum hätten dann die Missionare dieser neuen Religion von ihrer mythischen Urgestalt Jesus erzählen sollen, dass dieser Jesus gekreuzigt worden sei? Die Kreuzigungsstrafe war im römischen Reich eine Schande. In den 1. Jahrhunderten finden sich darum im christlichen Bereich fast keine Darstellungen des Gekreuzigten. Paulus spricht einmal davon, dass Jesus, der Gekreuzigte, den Juden eine Ärgernis und den Griechen eine Torheit sei (1.Kor.1,13). Für die ersten Christen war es geradezu ein Problem, dass Jesus am Kreuz gestorben war. Eine solche Geschichte „erfindet" man darum nicht, wenn man eine neue Religion schaffen will. Plausibel ist nur, dass die Kreuzigung Jesu als historisches Ereignis den ersten Christen vorgegeben war, dass sie aber auf Grund besonderer Erfahrungen dazu kamen, in diesem Sterben Gottes befreiendes Handeln am Werke zu sehen.

    2. Jesus als Wundertäter

      Von Jesus werden viele Wundergeschichten erzählt: er heilt Menschen, die an verschiedenen Krankheiten und Gebrechen leiden, er weckt sogar Tote auf, er verwandelt Wasser in Wein und vermehrt auf wundersame Weise Brot, er rettet Menschen im Sturm aus Lebensgefahr, er läuft über das Wasser. Wie sind diese Geschichten historisch zu beurteilen?

      Das Analgogieprinzip verbietet es, die so genannten Naturwunder (Verwandlung von Wasser zu Wein, Laufen auf dem Wasser) als historische Berichte zu verstehen. Das dort berichtete widerspricht so offensichtlich den Naturgesetzen, dass es für uns undenkbar ist - oder einer Interpretation bedarf, die das „Wunder" wegerklärt (z.B. die Toten, die Jesus auferweckt habe, seien gar nicht wirklich tot, sondern nur scheintot gewesen).

      Auch das Argument, Jesus habe als Gottes Sohn übernatürliche Kräfte gehabt, hilft hier nicht wirklich weiter. Denn ließe sich dann noch sagen, dass Jesus wirklich ganz Mensch gewesen sei, ein Mensch wie wir, der genau denselben Begrenztheiten des menschlichen Lebens unterworfen war, wie wir? Die Behauptung, Jesus habe die Kraft gehabt, selbst Naturgesetze zu durchbrechen, macht Jesus zu einem Übermenschen und Scheinmenschen, der dadurch gerade nicht mehr der sein kann, in dem uns Gott wirklich nahe kommt.

      Hier sind wir in der Moderne in einer grundsätzlich anderen Situation als die Menschen der Antike. Für antike Menschen war es durchaus selbstverständlich, dass die besondere Würde und göttliche Geistbegabung eines Menschen ihm übermenschliche Fähigkeiten verleiht. Naturgesetze, die Grenzen für das prinzipiell Mögliche aufzeigten, waren nicht in dem Sinne wie heute bekannt. Wundergeschichten (bis hin zu Jungfrauengeburt) werden darum auch von anderen antiken Personen erzählt, und auch sie wurden größtenteils „erfunden". So dürfte sich auch ein Teil der biblischen Wundergeschichten „frommer Fantasie" verdanken. Dabei darf man den biblischen Autoren nicht bewusste Fälschung unterstellen, sondern muss anerkennen, dass sie in den sprachlichen Mitteln und in den Denkweisen der Antike versuchen die besondere Bedeutung Jesu für uns Menschen zum Ausdruck zu bringen.

      Das Analogieprinzip verbietet es jedoch nicht, Jesus eine besondere Begabung zum Heilen zuzuschreiben. In allen Kulturen finden sich Menschen, die durch rituelle Praktiken Menschen von Krankheiten heilen. Auch wenn diese Heilungen manchmal nur schwer medizinisch erklärbar sind, geschehen sie, auch heute noch. Von keiner antiken Person werden auch nur annähernd so viele Heilungen berichtet, wie von Jesus. Auch außerchristliche Quellen kennen Jesus als Heilenden. So spricht die Quellenlage dafür, dass Jesus eine außergewöhnliche Fähigkeit hatte, durch seine Worte und Gesten, durch seine ganze Ausstrahlung Menschen zur Gesundheit zu verhelfen. Diese Fähigkeit Jesu war sicher außergewöhnlich, aber sie war nicht übermenschlich und grundsätzlich einmalig. Auch andere Menschen verfügten und verfügen über sie - vielleicht in geringerem Maße.

      Allerdings ist damit zu rechnen, dass im Laufe der zunächst mündlichen Überlieferung auch Heilungsgeschichten immer mehr gesteigert wurden und schließlich manche Geschichte auch frommer Fantasie entsprang. Dennoch ist davon auszugehen, dass Jesus als Heilender aufgetreten ist und auch wirklich Menschen gesund machte. Der historische Kern jeder einzelnen Heilungsgeschichte ist meistens jedoch sehr schwer zu bestimmen.

    3. Die Auferweckung Jesu

      Die Berichte von der Auferweckung Jesu haben für den christlichen Glauben, eine zentrale Bedeutung. „Ist Christus nicht auferweckt worden, dann ist unsere Verkündigung leer und euer Glaube sinnlos" sagt Paulus einmal (1.Kor.15,14). Wie ist die Auferweckung Jesu historisch zu beurteilen?

      Die neutestamentlichen Ostergeschichten lassen sich in zwei Kategorien einteilen. Zunächst haben wir vier Erzählungen von der Auffindung des leeren Grabes (Mk.16,1-8; Mt.28,1-8; Lk.24,1-12; Joh.20,1-10) am Morgen des Sonntags nach der Kreuzigung. Dann finden wir eine Reihe von Erzählungen, die davon berichten, dass Jesus Menschen erschienen sei: Mt.28,9+10 (Jesus erscheint den Frauen am Grab, Mt.28,16-20 (Jesus erscheint den Jüngern auf einem Berg in Galiläa), Lk.24,13-35 (Jesus begegnen zwei Jüngern auf dem Weg nach Emmaus), Lk.24,36-49 (Jesus begegnet den Jüngern in ihrem Haus in Jerusalem), Lk.24,50-53 und Apg.1,4-11 (Jesus fährt in den Himmel auf), Joh.20,11-18 (Jesus erscheint Maria aus Magdala am Grab), Joh.20,19-23 (Jesus erscheint den Jüngern in ihrem Haus in Jerusalem), Joh.20,24-29 (Jesus erscheint dem zweifelnden Thomas), Joh.21,1-23 (Jesus erscheint den fischenden Jüngern am See Genezareth und spricht mit Petrus und den Jüngern), 1.Kor.15,1-8 (Jesus erscheint Petrus, den Zwölfen, fünfhundert Personen, Jakobus, allen Aposten und zuletzt Paulus); Apg.9,1-19; 22,1-21; 26,1-23 (Jesus erscheint Paulus).

      All diese Erzählungen wurden zunächst mündlich überliefert und es ist damit zu rechnen, dass sie im Laufe der Überlieferung ausgemalt wurden. Wahrscheinlich wurden auch zur Abwehr von Missverständnissen bestimmte Elemente hinzugefügt. So soll zum Beispiel das Essen Jesu vor aller Augen zeigen, dass der Auferstandene kein Geist ist - Lk.24,41-43). Sicher wurden auch manche Geschichten ausgemalt und gesteigert. So erzählt das Johannes-Evangelium lediglich, dass Maria aus Magdala das Grab Jesu leer vorfinden, Markus bereits berichtet, dass im leeren Grab ein junger Mann mit weißen Kleidern bekleidet saß, der den Frauen das leere Grab deutet, bei Lukas sind es zwei Männer mit leuchtenden Kleidern, bei Matthäus tritt ein Engel auf, der mit einem Erdbeben den Stein zur Seite wälzt und dessen Gestalt wie ein Blitz leuchtete und der den Frauen die Auferweckung Jesu verkündet. Reduziert man alle Geschichten auf den wesentlichen Kern, so gibt es zwei verschiedene Osterüberlieferungen: Die Frauen finden zweiTtage nach der Hinrichtung Jesu das leere Grab und Jesus erscheint verschiedenen Menschen, die dadurch zum Glauben an seine Auferweckung finden. Beide Überlieferungen sind nun je für sich zu behandeln.

      Die Erzählung von der Auffindung des leeren Grabes findet sich nur bei den Evangelien, nicht aber bei Paulus. Dafür, dass diese Geschichte dennoch einen historischen Kern hat, spricht, dass in allen überlieferten Varianten Frauen das leere Grab finden. Die Männer kommen jeweils erst in zweiter Linie hinzu. Wäre die Geschichte vom leeren Grab lediglich die Erfindung frommer Fantasie, wäre schwer zu erklären, warum Frauen eine solche Rolle spielen. Denn Frauen galten nach jüdischem Recht nicht als brauchbare Zeugen. Auf ihre Aussage hin konnte kein Tatbestand begründet werden. Es spricht also einiges dafür, dass die Geschichte eine historische Wurzel hat.

      Dennoch kann die Auffindung des leeren Grabes nicht den Glauben an die Auferweckung Jesu begründen. Zu viele Möglichkeiten gibt es, die das leere Grab auch anders erklären können und die bereits in den biblischen Erzählungen angesprochen werden: Jemand aus dem Kreis der Anhänger Jesu oder auch aus dem Kreis seiner Feinde könnte den Leichnam an einen anderen Ort gebracht haben (vgl. dazu Mt.27,62-66 und 28,11-15; Joh.20,13). Die Auffindung des leeren Grabes begründet darum nicht den Glauben an die Auferweckung Jesu, weder damals, wo mehrmals betont wird, dass die Frauen sich fürchteten und ratlos zurückblieben (vgl. Mk.16,8; Lk.24,11; Joh.20,9-11), noch heute. Ein verschwundener Leichnam ist noch kein Beweis für die Auferweckung vom Tode.

      Darum hängt - sowohl für die ersten Christen als auch für unseren Glauben heute - der Glaube an die Auferweckung Jesu an den Erscheinungen. Der älteste Bericht über Erscheinungen von Paulus in 1.Kor.15,1-8 spricht davon, dass verschiedene Menschen Jesus gesehen haben. Es ist nicht plausibel anzunehmen, die Jünger Jesu hätten sich diese Geschichten einfach ausgedacht, damit die Sache Jesu irgendwie weitergeht. Denn eine bewusste Erfindung der Auferstehungsgeschichten hätte nicht die Wendung von den verzweifelten und ängstlichen Menschen nach dem Tod Jesu zu den frohen, mutigen und glaubensstarken Jüngern nach Ostern ermöglicht. Auch die These, Jesus sei gar nicht wirklich tot gewesen, hilft hier nicht weiter. Das wäre für die Jünger zwar ein Glücksfall gewesen, aber keine Auferweckungserfahrung. Es ist darum historisch am plausibelsten, davon auszugehen, dass die verschiedenen Geschichten von der Erscheinung des Auferweckten auf für die Jünger überwältigende Erfahrungen zurückgehen, die am ehesten als Visionen verstanden werden können.

      Dass Menschen visionäre Erfahrungen machen können, bezeugen nicht nur die biblischen Texte, sondern auch die Überlieferungen anderer Kulturen. Umstritten bleibt lediglich die Interpretation visionärer Erfahrungen. Manche Interpreten gehen grundsätzlich davon aus, dass visionäre Erfahrungen in der Seele der Menschen ihren Ursprung haben und sagen: Die Jünger haben auf Grund ihrer Schuldgefühle und Verzweiflung, auf Grund ihrer Trauer und ihrer Trostlosigkeit unbewusst selbst diese Visionen hervor gebracht, um den Schmerz und die Schuldgefühle zu kompensieren. Die Jünger haben sich also die Auferweckung Jesu nur eingebildet, allerdings unbewusst, so dass sie selbst an die Realität des Gesehenen glauben können. Dies wäre eine Erklärung für die Erscheinungsgeschichten, die die Realität der Auferstehung letztlich leugnen würde. Aber auch eine andere Erklärung ist möglich. Denkbar ist auch, dass die Jünger in ihren Visionen einen Einblick hatten in die Wirklichkeit Gottes, die hinter unserer wahrnehmbaren Wirklichkeit liegt und die ihnen in der Vision für einen Moment enthüllt worden ist. Diese Erklärung geht also davon aus, dass die Visionen der Jüngerinnen und Jünger also ihren Ursprung in einer Wirklichkeit hatten, die außerhalb dieser Personen lag, dass sie sich also nichts einbildeten, sondern etwas Objektiven auf eine andere Art und Weise wahrgenommen haben. Die Auferweckung Jesu wäre damit real geschehen, allerdings in die uns nicht zugängliche Wirklichkeit Gottes hinein. Eine Entscheidung zwischen beiden Erklärungen ist wissenschaftlich nicht möglich. Beide Erklärungen sind möglich, die zweite setzt allerdings voraus, dass es hinter der Wirklichkeit, die wir mit unseren Sinnen wahrnehmen können, noch eine andere Wirklichkeit, die Wirklichkeit Gottes gibt. Die Auferweckung Jesu ist darum historisch nicht greifbar, der Glaube an sie ist genauso wenig beweisbar wie der Glaube an Gott überhaupt. An sie zu glauben heißt aber nicht, in Widerspruch zum Analogieprinzip zu geraten und unwissenschaftlich zu werden.

    4. Christlicher Glaube und geschichtliche Wahrheit

      Bei der Frage nach der historischen Wahrheit eines biblischen Textes gelten Kriterien, die im Prinzip auch an andere Texte angelegt werden, deren historische Aussagekraft zu diskutieren ist. Das Analogieprinzip hat sich dabei als praktikables Instrument erwiesen, modernes Denken und biblische Überlieferung zusammen zu bringen - vorausgesetzt, dieses Prinzip wird nicht mit einem bestimmten Wirklichkeitsverständnis aufgeladen, das die Wirklichkeit Gottes grundsätzlich ausschießt. Damit wird aber durch die Beschäftigung mit der Bibel auch unser neuzeitliches Denken herausgefordert. Es kann nicht einfach als absolut gesetzt werden, sondern auch dieses Denken muss sich durch Beschäftigung mit der Bibel herausfordern lassen, ohne sich allerdings einfach einem antiken Weltbild und Wirklichkeitsverständnis unterordnen zu müssen.

      Die historisch-kritische Betrachtung von biblischen Texten ist prinzipiell auch Menschen möglich, die die Bibel nicht als Wort Gottes sehen, sondern lediglich als historische Quelle. Wir brauchen als Christen auch keine Angst zu haben, wenn die historischen Überlieferungen der Bibel kritisch untersucht werden. Denn die für den christlichen Glauben unabdingbaren historischen Tatsachen - zum Beispiel, dass Jesus lebte und gekreuzigt wurde - sind historisch sicher so geschehen. Und die entscheidende Aussage - Jesus ist auferstanden - ist historisch und wissenschaftlich weder beweisbar noch widerlegbar. Wenn darüber hinaus bestimmte historische Aussagen der Bibel als historisch nicht wahr eingeschätzt werden, dann ist damit die Wahrheit der Bibel noch nicht hinfällig geworden. Denn der christliche Glaube hat ja seinen Inhalt nicht in erster Linie darin, dass wir glauben, dass vor drei- oder zweitausend Jahren dieses oder jenes geschehen ist, sondern in den existenziellen und ethischen Grundüberzeugungen, die die Bibel vermittelt. Darum ist jetzt zu fragen, wie die existenziellen und ethischen Wahrheiten der Bibel für heute auszulegen sind.

  5. Kriterien zur Beurteilung existenzieller Aussagen

    Gibt es bei historischen Aussagen einigermaßen allgemeingültige Kriterien, nach denen ihr Wahrheitsgehalt beurteilt werden kann, so wird dies bei existenziellen und ethischen Aussagen schwieriger. Denn es ist zu fragen, was das Kriterium sein kann, vor dem sich einzelne biblische Aussagen als wahr erweisen, wenn doch grundsätzlich möglich ist, dass auch die Bibel irrt? Eine allgemein gültige, für alle Menschen vernünftig zu begründende Weltanschauung oder Philosophie, die als Wahrheitsprüfer für biblische Aussagen eingesetzt werden könnte, gibt es nicht und kann diese Stelle auch nicht einnehmen. Sie gibt es nicht, weil wir heute in einer Welt leben, in der verschiedene Weltanschauungen und Überzeugungen miteinander konkurrieren und keine allgemein gültig ist. Eine bestimmte Weltanschauung darf aber auch nicht in die Rolle des Richters über die Wahrheit biblischer Texte kommen, weil wir dann nicht mehr die Bibel als Grundlage des Glaubens haben, sondern eben jene Weltanschauung. Dann bräuchten wir die Bibel letztlich auch nicht mehr. Was aber kann Maßstab sein, um die Wahrheit biblischer Aussagen, die auf existenzieller und ethischer Ebene liegen, zu beurteilen?

    1. Der kirchliche Konsens

      Im Laufe des Mittelalters wurde zur Lösung dieser Frage das katholische Modell entwickelt. Es setzt die Kirche, repräsentiert durch die Bischöfe und den Papst in die Position ein, über die Wahrheit biblischer Aussagen zu entscheiden. Wo verschiedene biblische Aussagen miteinander in Spannung stehen, entscheidet das kirchliche Lehramt darüber, was für den christlichen Glauben gültig ist und was nicht. Voraussetzung ist, dass die Kirche unter der Verheißung steht, dass der Heilige Geist auch heute noch in ihr am Wirken ist. Dieser Lösungsansatz des Problems wurde dann aber durch die Reformation wieder in Frage gestellt. Denn Luther und die anderen Reformatoren haben darauf hingewiesen, dass auch Konzilien und Bischöfe, dass also auch das kirchliche Lehramt irren kann. Festzuhalten am katholischen Modell aber ist, dass nicht die einzelnen Christen, sondern die Gemeinschaft der Christen, die Kirche also, die Auslegung der Bibel beurteilt. Der einzelne kann eher irren als die Kirche.

    2. Die Grundlinien der Bibel

      Für die Reformatoren sollte die Bibel selbst allein das Wahrheitskriterium für den christlichen Glauben sein. Aber wenn die Bibel manchmal Verschiedenes sagt, wenn manche biblische Aussagen in ihrer Zeitgebundenheit heute so nicht mehr überzeugen, wie kann dann entscheiden werden zwischen gültig und ungültig? Die Frage war wieder offen. Die Lösung, die die Reformatoren fanden, bestand darin, dass nicht einzelne biblische Aussagen zur Norm für den christlichen Glauben wurden, sondern die durchgehenden Grundlinien der Bibel - man spricht auch von der Mitte der Schrift. Gemeinsame Grundüberzeugungen, die sich durch einen Großteil der biblischen Bücher hindurchziehen, sind die Grundlage für den christlichen Glauben. Diese Grundlinien der Bibel werden herausgearbeitet, indem nach dem Gemeinsamen der verschiedenen biblischen Texte und Traditionen gefragt wird. Dazu sind die einzelnen Texte zunächst einmal für sich zu betrachten und für sich zu verstehen.

    3. Sachkritik

      Die existenzielle und ethische Wahrheit eines biblischen Textes erweist sich darin, dass er in Übereinstimmung steht zu diesen Grundlinien der Bibel. Stehen einzelne biblische Aussagen in Spannung zu diesen Grundlinien, dann sind sie von diesen Grundlinien her zu begrenzen oder auch zu kritisieren. Dies nennt man in der theologischen Sprache Sachkritik. Es ist also in existenziellen und ethischen Fragen eine Kritik an der Bibel durchaus möglich, dann aber von der Bibel her selbst begründet. So haben wir uns im protestantischen Raum entschieden, an der Unterordnung der Frau unter den Mann, wie sie sich im zweiten Schöpfungsbericht findet, Sachkritik zu üben. Bei uns sind Frauen und Männer gleichberechtigt, weil dies eine Grundüberzeugung der Bibel darstellt (vgl. z.B. Gal.3,28).

      Die aus der Bibel ermittelten Grundlinien ermöglichen Sachkritik an einzelnen Texten

    4. Bibel, Vernunft und Lebenserfahrung

      Für unsere Sicht von Gott, Menschen und Welt und vor allem auch für die ethische Urteilsfindung reicht es oft nicht einfach aus, die Grundlinien der Bibel zur Grundlage zu machen. Diese Grundlinien müssen ins Gespräch gebracht werden mit Erkenntnissen der Wissenschaften, mit Einsichten in die Gegebenheit der Welt und mit den eigenen Lebenserfahrungen. Wer zum Beispiel fragt, welches Lohnsystem gerecht ist, kann nicht einfach nur von der Bibel her argumentieren, sondern muss auch wirtschaftliche Faktoren berücksichtigen und sich mit philosophischen Theorien auseinandersetzen, die versuchen Gerechtigkeit zu definieren. Bei dieser Beschäftigung dürften auch der gesunde Menschenverstand und die eigenen Lebenserfahrungen eine Rolle spielen. Ähnliches gilt zum Beispiel in der Frage, wie wir als Menschen fröhlicher und zufriedener werden können. Auch hier ist die Bibel ins Gespräch zu bringen mit psychologischem Wissen und Lebenserfahrung. Umgekehrt dürfen aber solche wissenschaftlichen Theorien, oder auch allgemeine Grundüberzeugungen und biografische Erfahrungen nicht einfach für unantastbar gehalten werden. Auch sie müssen sich von den Grundlinien der Bibel her hinterfragen und kritisieren lassen. Somit muss die oben abgebildete Skizze noch ergänzt werden:

      Die Auslegung der Bibel im Gespräch mit den Erkenntnissen der Gegenwart

      Dieses Verfahren wirkt so kompliziert, dass es der Theologie vorbehalten zu sein scheint. Und in der Tat ist es Aufgabe der Theologie, in Beschäftigung mit der Bibel und Auseinandersetzung mit den Wahrheiten der Gegenwart die christliche Lehre immer wieder neu zu formulieren. Doch haben auch nicht studierte Christenmenschen durchaus die Kompetenz und Fähigkeit, in der Beschäftigung mit der Bibel und der Auseinandersetzung mit ihrer Gegenwart den christlichen Glauben für sich selbst und für andere auf den Punkt zu bringen. Jede und jeder, der sich mit der Bibel und den Wahrheitsansprüchen seiner Zeit beschäftigt, treibt Theologie. Theologie ist nicht nur auf die wissenschaftliche Theologie an der Universität beschränkt. Und der Heilige Geist hat schon oft den „einfachen" Christenmenschen mehr Weisheit geschenkt als den Studierten.

  6. Kriterien zur Beurteilung ethischer Wahrheiten

    Die Gewinnung von Kriterien zur Beurteilung ethischer Aussagen der Bibel geschieht im Grunde ganz analog zu existenziellen Aussagen. Bei ethischen Aussagen ist noch offensichtlicher, dass gegenwärtige Einsichten und wissenschaftliche Erkenntnisse unbedingt berücksichtigt werden müssen. Denn aus der Bibel lassen sich zwar Grundwerte ableiten, nicht aber Handlungsanweisungen für alle Felder des menschlichen Lebens in der Gegenwart. Denn zur Zeit der Bibel gab es noch keine Massenvernichtungsmittel und Umweltverschmutzung, keine Genforschung und Biomedizin.

    Das im Folgenden dargestellte Verfahren kann helfen, durch die Bibel in ethischen Fragen der Gegenwart Orientierung zu finden.

    1. Schritt 1: Die biblischen Weisungen in ihrem historischen Kontext verstehen.

      Zunächst gilt es, die biblischen Weisungen in ihrem damaligen historischen Kontext zu verstehen. So ist zu fragen, was genau die biblische Weisung anordnete oder verbot, wie die biblischen Weisungen begründet wurden, welche Auswirkungen für die Betroffenen die Weisungen in der damaligen Situation hatte, welche Normen in der damaligen Umwelt zum entsprechenden Problem vorhanden waren und wie sich die biblischen Weisungen davon unterscheiden. Es geht zunächst darum, die Bedeutung der biblischen Weisungen in der Situation ihrer Entstehung und Überlieferung zu verstehen. Bei dieser historischen Nachfrage ist zunächst die Frage auszuklammern, ob bzw. in wiefern diese Weisungen für uns heute gültig sind. Vielmehr geht es darum, die ursprüngliche Bedeutung der biblischen Weisungen so genau als möglich in den Blick zu bekommen.

    2. Schritt 2: Ethische Grundlinien der Bibel erfassen

      Aus der Betrachtung der vielen einzelnen ethischen Weisungen, die in der Bibel überliefert sind, sind in diesem zweiten Schritt die ethischen Grundüberzeugungen der Bibel herauszuarbeiten, die sich durch die verschiedenen biblischen Schriften und Traditionsgruppen durchhalten, auch wenn sie dort in verschiedenen Varianten und Ausprägungen erscheinen. Solche ethischen Grundlinien der Bibel sind - ohne Anspruch auf Vollständigkeit:

      Das Gebot, Gott zu lieben und ihn als einzigen Gott zu achten, an ihn zu glauben und ihm zu vertrauen. Es gilt in alt- wie in neutestamentlicher Tradition als das Hauptgebot (1. Gebot des Dekalogs - 2.Mose 20,2+3; 5.Mose 5,6+7; Höre Israel - 5. Mose 6,4+5; Doppelgebot der Liebe bei Jesus - Mk.12,29+30parr). Dieses Gebot richtet sich u.a. dagegen, andere Größen zu vergöttern, indem sie für allein maßgeblich gehalten werden.
      Das Gebot, seinen Nächsten zu lieben wie sich selbst (vgl. Mk.12,31parr) oder auch in der Fassung der Goldenen Regel (Mt.7,12): "Alles, was ihr wollt, dass euch die Leute tun sollen, das tut ihnen auch." Beide Formen des Liebesgebotes gelten als Zusammenfassung der so genannten zweiten Tafel des Gesetzes, in der die sozialen Gebote des Dekalogs stehen (vgl. Röm.13,9+10). Nächstenliebe fragt dabei nach dem, was der andere braucht und was ihm gut tut (vgl. das Gleichnis vom barmherzigen Samaritaner - Lk.10,25-37). Sie hat keine Grenze, so dass sie auch die Feindesliebe einschließt (Mt.5,38-48).
      Das Gebot, dem Frieden zu dienen und für soziale Gerechtigkeit einzutreten. Dies erhält in der Bibel den besonderen Akzent im Gebot, die Schwachen besonders zu schützen und ihnen besondere Aufmerksamkeit entgegenzubringen, seien es nun soziale Randgruppen (Witwen und Waise), religiös Deklassierte (Zöllner und Sünder), materiell Schwächere (Arme, Verschuldete), Alte und Kranke, Fremde und Ausländer. Im Alten Testament gibt es schon eine Reihe von Schutzbestimmungen für Schwächere (Gebot, die [alt gewordenen] Eltern zu ehren - 2.Mose 20,12; 5.Mose 5,16; Hilfe für Arme - 5.Mose 15,7-11; Schutz für Fremde, Waisen und Witwen - 2.Mose 23,9; 5.Mose 24,17+18+20-22), im Neuen Testament wird diese Grundhaltung durch Jesu Zuwendung zu Menschen, die am Rand stehen, fortgeführt. So lässt sich sagen: Die Bibel vertritt eine Option für die Armen und Schwachen, d.h. sie versucht gerade die Rechte der Armen und Schwachen besonders zu beachten, da diese am ehesten unberücksichtigt bleiben.

      Das Gebot, die Schöpfung als gute Gabe Gottes zu achten, sie zu bewahren und sie vor unnötiger Zerstörung zu bewahren (1.Mose 1,28; 2,15). Damit verbunden ist das Gebot, den Sabbat als gute Gabe Gottes für die Menschen zu achten (2.Mose 20,8-11; 5.Mose 12-15), ohne ihn zum drückenden Gesetz zu machen (vgl. Mk.2,27).

      Dabei stehen diese Gebote in einem Begründungszusammenhang, der von Gottes gutem Willen gegenüber dem Menschen ausgeht. Dafür sind besonders folgende Überlegungen besonders wichtig:

      Gott hat die Welt geschaffen und damit den Menschen einen guten Lebensraum gegeben (1.Mose 1,31). Der Mensch hat als Gottes Ebenbild eine einmalige Würde, die ihm durch sein Geschöpf-Sein zukommt und die unabhängig ist von seinen Fähigkeiten und Leistungen. Zugleich steht er damit Gott gegenüber in der Verantwortung.

      Gott will für alle Menschen das Gute (1.Tim.2,4), allen bietet er Vergebung von Sünde und Schuld und Erlösung von den Mächten des Unheils und des Todes an (Joh.3,16), alle sind dazu berufen in Gemeinschaft mit Gott zu leben und damit zur Erfüllung und zum Glück zu finden. Bei Gott soll niemand verloren gehen (vgl. Luk.15). Dabei ist vorauszusetzen, dass menschliches Handeln danach streben sollte, dem Handeln Gottes zu entsprechen (vgl. Phil.2,5).

      Gott hat für die Welt eine Zukunft des Heils und des Glücks, er wird seine Herrschaft aufrichten und die Herrschaft von Tod und Unheil überwinden (vgl. Offb.21,1). Auf diese Zukunft hin sind die Menschen, die Gott vertrauen, bereits jetzt ausgerichtet (vgl. Mt.6,33). Menschliches Handeln soll damit dem Himmel auf Erden den Weg ebnen, ohne dass es unter dem Druck steht, den Himmel auf Erden verwirklichen zu müssen. Alle Ordnung und alles Recht wird damit als vorläufig qualifiziert und in Anspruch dafür genommen, dem zukünftigen Reich Gottes - so sehr es unter gegenwärtigen Bedingungen möglich ist - zu enstprechen. Darum sind auch nicht bestimmte, gegebene Ordnungen, Lebens- und Rechtsformen mit einem Ausschließlichkeitsanspruch als gottgewollt zu bezeichnen. Dies widerspricht einer ethischen Tradition, die bestimmte Ordnungen wie den Staat oder die Ehe als mit der Schöpfung gegebene und damit von Gott gesetzte Ordnungen ansieht. Ein solcher Ansatz übersieht allerdings, dass die faktische Ausgestaltung von Staat und Ehe seit biblischen Zeiten sich derart verändert hat, dass die antiken Ordnungsvorstellungen nicht einfach auf die Gegenwart zu übertragen sind. Darum ist es problematisch, von "Schöpfungsordnungen" als ethische Grundkategorien auszugehen.

    3. Schritt 3: Die gegenwärtigen Verhältnisse und Einsichten genau wahrnehmen

      In diesem Schritt geht es darum, die gegenwärtigen Bedingungen für das Handeln genau wahrzunehmen. Es ist also zu fragen nach den gesellschaftlichen, sozialen, politischen, wirtschaftlichen und psychologischen Faktoren, die das zu klärende ethische Problem mitbestimmen. Dabei sind kritisch so genannte Sachzwänge ins Auge zu fassen. Es ist außerdem zu fragen, welche Personen und Personengruppen beteiligt sind, welche Interessen eine Rolle spielen. Die Rechtslage ist - soweit sie von Bedeutung ist - zu klären. Außerdem sind wissenschaftliche Einsichten, die das zu bearbeitende Handlungsfeld beschreiben, wahrzunehmen und gegebenenfalls auch kritisch zu hinterfragen.

    4. Schritt 4: Auf dem Hintergrund der Grundlinien der Bibel die möglichen Verhaltensalternativen bewerten

      In diesem letzten Schritt geht es nun darum, verschiedene Verhaltensmöglichkeiten genau zu beschreiben und sich zwischen diesen Möglichkeiten zu entscheiden. Dabei sind die einzelnen Verhaltensmöglichkeiten im Licht der biblischen Grundlinien wie auch auf dem Hintergrund der im 3. Schritt gewonnenen Einsichten zu betrachten. Zugleich sind die Folgen zu beachten, die mit den jeweiligen Entscheidungsoptionen gesetzt sind. Denn eine biblische Ethik kann nicht nur nach der reinen Gesinnung fragen, sondern muss auch Verantwortung übernehmen für die absehbaren Folgen.

      Wird ein solcher Durchgang in vier Schritten vorgenommen, so kann ein ethisches Urteil beanspruchen, an der Bibel orientiert zu sein. Dies gilt auch dann, wenn - im Einzelfall, der sicher die Ausnahme ist - ethische Entscheidungen getroffen werden, die biblischen Traditionen und Aussagen direkt widersprechen. Dies war schon öfters in der Geschichte der Kirche der Fall: so bei der christlichen Kritik an Sklaverei und Todesstrafe oder etwa bei der christlich motivierten Gleichstellungen von Frauen und Männern und der Zulassung von Frauen zu allen Diensten in der Kirche.

      In der Auslegung der Bibel - und so zum Beispiel auch in der Predigt - ist es durchaus möglich, einzelne biblische Weisungen direkt auf die Gegenwart zu beziehen, ohne jeweils den oben beschriebenen Weg in vier Schritten für die Zuhörer aufzuzeigen. Allerdings muss die vorgenommene Auslegung einer Überprüfung durch das oben beschriebene Verfahren standhalten. Dass ein solches Verfahren nicht mechanisch anzuwenden ist, sondern immer Interpretationsspielräume bleiben, die verschiedene ethische Optionen ermöglichen, dürfte selbstverständlich sein. Auch um das ethische Urteil im Namen der Bibel muss - wie um die richtige Bibelauslegung überhaupt - gestritten werden. Allerdings ist auch deutlich, dass das oben beschriebene Verfahren nicht einfach beliebige ethische Urteile im Namen der Bibel zulässt, sondern die Bibel als einen wirklichen ethischen Maßstab erschließt.

  7. Exkurs: Anwendung dieser Prinzipien auf die Beurteilung von Homosexualität

    Das eben beschriebene Verfahren soll nun auf ein aktuelles ethisches Problem angewendet werden, das innerhalb wie außerhalb der Kirche zur Zeit heftig umstritten ist: das Problem der Stellung der Kirche zur Homosexualität. Konkret geht es darum, wie die Kirche sich zu dem inzwischen verabschiedeten Gesetz stellt, homosexuellen Paaren die Möglichkeit zu verschaffen, ihre Partnerschaft registrieren zu lassen und damit diese Partnerschaft unter einen gewissen rechtlichen Schutz zu stellen. Zugleich geht es um die Frage, ob die Kirche homosexuelle Paare - vergleichbar dem Segen bei einer Trauung - segnen soll und ob sich zu ihrer Homosexualität bekennende Menschen Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen der Kirche werden können.

    1. Die biblischen Aussagen zum Thema Homosexualität

      Die beiden Schöpfungserzählungen der Bibel (1.Mose 1+2) sprechen von der Erschaffung des Menschen als Mann und Frau. Beide setzen sie voraus, dass Menschsein nicht in der Individualität aufgeht, sondern dass Menschsein nur zu seiner Vollendung kommt durch die Ergänzung durch eine andere Person. Dabei wird vorausgesetzt, dass diese Ergänzung durch das andere Geschlecht geschieht. Dass menschliches Leben aber diese gegengeschlechtliche Ergänzung braucht und nur in der Ehe zur Vollendung kommt, lässt sich nun nicht aus dem biblischen Zeugnis entnehmen. Sowohl Jesus als auch Paulus raten zum zölibatären Leben (vgl. Mt.19,10-12; 1.Kor.7,8). Allerdings dürfte sich aus der Schöpfungserzählung ableiten lassen, dass menschliches Leben auf partnerschaftliche Gemeinschaft angewiesen ist. Erst im Miteinander verwirklicht sich die Gottesebenbildlichkeit der Menschen.

      Das Alten Testament spricht über Homosexualität nur sehr selten. Im so genannten Heiligkeitsgesetz im dritten Buch Mose heißt es: "Schläft einer mit einem Mann, wie man mit einer Frau schläft, dann haben sie eine Greueltat begangen; beide werden mit dem Tod bestraft; ihr Blut soll auf sie kommen." (3.Mose 20,13; vgl. 18,22).

      Auch im Neuen Testament wird Homosexualität nur in paulinischen Briefen erwähnt (1.Kor.6,9-11; 1.Tim.1,10, Röm.1,26+27). Die ausführlichste Aussage findet sich im Römerbrief: "Darum hat Gott sie (die Nichtjuden) dahin gegeben in schändliche Leidenschaften; denn ihre Frauen haben den natürlichen Verkehr vertauscht mit dem widernatürlichen; desgleichen haben auch die Männer den natürlichen Verkehr mit der Frau verlassen und sind in Begierde zueinander entbrannt und haben Mann mit Mann Schande getrieben und den Lohn ihrer Verirrung, wie es ja sein musste, an sich selbst empfangen."

      Diese biblischen Aussagen zur Homosexualität sind nun in ihrem historischen Umfeld zu betrachten. Homosexuelle Praktiken in der Antike sind meist Handlungen ansonsten heterosexuell lebender und meist auch verheirateter Männer an jüngeren Männern oder gar Jugendlichen, die so genannte Knabenliebe (vgl. 1.Kor.6,9-11; 1.Tim.1,10). Solche Praktiken sind von einem starken Ungleichgewicht geprägt und steigern das Selbstbewusstsein des erwachsenen Mannes. Der Sexualpartner wird dabei benutzt. Dass auch im Alten Testament homosexuelle Praktiken als Demütigung des passiven Teils verstanden wurden, zeigen zwei altertümlich anmutende Erzählungen. So wird 1.Mose 19 erzählt, wie sich die Männer von Sodom auf die Gäste Lots stürzen wollen, um sie sexuell zu missbrauchen. Eine ähnliche Szene schildert auch Richter 19,22-26.

      In der Antike begegnete homosexuelle Praktiken häufig im Zusammenhang mit heidnischen Kulten. Darum ist es nicht zufällig, dass Homosexualität im Alten Testament als eine Greueltat bezeichnet wird. Dieses Stichwort wird ansonsten für die Verehrung heidnischer Götter verwendet. Auch bei Paulus ist Homosexualität charakteristisch für heidnische Kulte, denn Homosexualität ist für ihn an die heidnische Lebensform gebunden, von der die Christen Abstand zu nehmen haben.

      Zusammenfassend lässt sich sagen: Die wenigen direkten biblischen Aussagen zur Homosexualität haben homosexuelle Praktiken im Auge, bei denen der eine Partner den anderen benutzt. Sie sehen Homosexualität im Zusammenhang mit Götzendienst. Sie setzen voraus, dass homosexuelle Praxis das Ergebnis einer Willensentscheidung von Menschen ist, die auch heterosexuell leben könnten, aber "den natürlichen Verkehr vertauscht" haben.

      Zu ergänzen sind zwei Splitter in der biblischen Überlieferung, die gerne als biblische Rechtfertigung für Homosexualität verwendet werden. So werden in der Beziehung zwischen David und seinem Freund Jonatan häufig homoerotische Untertöne entdeckt, da David in seiner Totenklage sagt: "Es ist mir leid um dich, mein Bruder Jonatan, ich habe große Freude und Wonne an dir gehabt; deine Liebe ist mir wundersamer gewesen, als Frauenliebe ist." (2.Sam.1,26 - Lutherübersetzung). Schließlich wird auch Jesus eine tolerante Haltung gegenüber Homosexualität unterstellt, da er bedingungslos bereit ist, den Knecht des römischen Hauptmanns von Kapernaum zu heilen (Mt.8,5-13parr), wo er doch annehmen musste, dass es sich dabei um einen so genannten "Lustknaben" handeln könnte - andernfalls wäre das Eintreten eines Hauptmanns für einen Knecht recht ungewöhnlich. Aus beiden Stellen eine biblische Rechtfertigung für Homosexualität zu begründen, dürfte jedoch zu weit gehen.

    2. Überlegungen zu hier relevanten ethischen Grundlinien der Bibel

      Der Mensch lebt als Geschöpf Gottes. Wir finden uns vor als Männer oder Frauen, mit Begabungen und Stärken und mit Mängeln und Schwächen. In dieser unserer geschöpflichen Begrenzung sind wir gerufen, Gott mit unserem Leben zu dienen und ihn zu ehren. Dabei gilt die Grundüberzeugung, dass jeder Mensch - wie seine geschöpflichen Begabungen und Begrenzungen auch sein mögen - Gott lieben und ehren kann. Diese geschöpflichen Begabungen und Begrenzungen werden so von Gott in Dienst genommen. Wenn Homosexualität als eine solche geschöpfliche Ausstattung des Menschen zu werten ist, dann kann sie auch positiv gewertet werden.

      Homosexualität wird in den biblischen Texten als Tat verstanden, die aus freiem Willen heraus begangen wird und die auch unterlassen werden könnte. Genau deshalb kann sie auch als Sünde verstanden werden. Die Willensfreiheit ist also gerade Voraussetzung, um eine Tat als Sünde zu bezeichnen.

      Christliches Leben ist vom Dank für das Geschenk des Lebens bestimmt. Dieser Dank an Gott schließt auch die Bereitschaft zur verantwortlichen Weitergabe des Lebens ein. Da dies nur in heterosexuellen Partnerschaften geschehen kann, ergibt sich ein Ungleichgewicht zwischen heterosexuellen und homosexuellen Beziehungen. Von diesem Gedanken aus ergeben sich Vorbehalte, homosexuelle Partnerschaften den heterosexuellen Partnerschaften völlig gleichzustellen.

      Bei der Gestaltung von Beziehungen kommt es ganz entscheidend darauf an, dass diese von Liebe geprägt sind. Die Liebe versucht dem anderen Achtung entgegenzubringen und verzichtet auf Unterwerfung und Demütigung. Liebe in einer Partnerschaft ist zugleich angelegt auf Dauer und Treue - dies ist der Sinn des biblischen Verbots der Ehescheidung.

    3. Die gegenwärtigen Verhältnisse und Einsichten genau wahrnehmen

      Homosexuelle sind in unserer Tradition und in der Gegenwart eine diskriminierte, bis vor kurzem auch strafrechtlich verfolgte Minderheit. Bei ethischen Urteilen über Homosexualität ist darum immer genau wahrzunehmen, ob damit Menschen diskriminiert und ausgegrenzt werden.

      Homosexuelle Anteile und homoerotische Tendenzen finden sich - in unterschiedlich starker Ausprägung - bei allen Menschen; wie auch männliche und weibliche Hormone bei Männern und Frauen vorhanden sind. Warum nun bei einigen Menschen - und zwar in allen Kulturen und Epochen - homosexuelle Neigungen überwiegen, ist umstritten. Von einigen Medizininern werden genetische Ursachen angenommen, bei anderen wird die frühkindliche Prägung als ausschlaggebend angesehen. Eine erfolgreiche hormonelle Therapie zur "Heilung" von Homosexualität gibt es nicht, ob psychotherapeutische Ansätze zur "Heilung" von Homosexualität möglich sind, wird unterschiedlich beurteilt.

      Auf jeden Fall gilt: viele homosexuell geprägte Menschen finden sich in ihrer sexuellen Orientierung vor, bevor sie sich ihrer Geschlechtlichkeit voll bewusst sind. Sie gehört also zu ihrer menschlichen Konstitution. Viele Homosexuelle können darum ihre Homosexualität nicht beeinflussen, sondern nur verschiedene Möglichkeiten entwickeln, mit ihr zu leben. Ihre homosexuelle Ausrichtung ist für viele Homosexuelle keine Frage des freien Willens und der Entscheidung.

      Auf Grund des gesellschaftlichen Drucks, den Homosexuelle (immer noch) erfahren und auf Grund der Wahrnehmung, dass sie nicht zur Mehrheit der Bevölkerung gehören, haben viele homosexuell ausgerichtete Menschen größere Probleme, ihre eigene Identität auszubilden. Weil sie in homosexueller Partnerschaft auch keine Kinder bekommen können, ist ihre Suche nach Lebenssinn noch zusätzlich belastet.

      Inzwischen haben sich die westlichen Gesellschaften so verändert, dass Homosexuelle in bestimmten Nischen der Gesellschaft leben können. Dabei zeigte sich, dass auch Homosexualität mit dauerhaften Partnerbindungen und mit einer von Liebe geprägten Gestaltung der Beziehung vereinbar ist. Reife Partnerbeziehungen sind für Homosexuelle ebenso möglich wie für Heterosexuelle. Dass sie statistisch gesehen weniger oft gelingen mögen, lässt sich vielleicht mit dem gesellschaftlichen Druck erklären, den homosexuelle Partnerschaften immer noch durchzustehen haben.

    4. Ethische Entscheidungsfindung auf dem Hintergrund biblischer Grundlinien

      Grundlegend für eine christliche Bewertung der Homosexualität ist die Einsicht, dass viele homosexuell ausgerichtete Menschen sich mit dieser Art von Sexualität vorfinden. Sie gehört zu ihrer Konstitution als Mensch. Sie ist keine Möglichkeit, für oder gegen die man sich frei entscheiden kann, sondern sie gehört zu ihrer konkreten Gestalt des Menschseins. Homosexualität ist darum - ganz entsprechend zur Heterosexualität - als Form des geschöpflichen Seins zu achten. Homosexualität ist genauso wenig wie Heterosexualität als Sünde zu verstehen - wenngleich es durchaus homo- wie heterosexuelle Praktiken gibt, die ethisch zu verurteilen sind (wie z.B. eine Vergewaltigung).

      Die ethische Beurteilung von Homosexualität, die sich in der Bibel findet, richtet sich gegen eine Form der Sexualität, in der der schwächere durch den stärkeren Partner ausgenutzt wird. Ein solches Abhängigkeitsverhältnis der Partner gibt es auch in heterosexuellen Beziehungen. Es widerspricht dem Liebesgebot und ist zu verurteilen.

      Wenn Homosexualität eine geschöpfliche Eigenschaft von Menschen sein kann, die genauso zu beurteilen ist wie die Hautfarbe oder eine musikalische Begabung, dann folgt daraus, dass Homosexuelle nicht diskriminiert und ausgegrenzt werden dürfen. Da dies aber weitgehend der Fall ist, hat die Kirche - weil es ihre Aufgabe ist, für Schwache und Benachteiligte besonders einzutreten - für Homosexuelle Partei zu ergreifen und sie zu unterstützen. Dies schließt ein, dass sie ihre eigene Beteiligung an der Diskriminierung Homosexueller eingesteht und sich zu dieser Schuld bekennt.

      Wenn Homosexualität eine geschöpfliche Prägung des Menschen ist, kann sie auch von Gott in Dienst genommen werden. Darum muss die Kirche auch homosexuelle Partnerschaften als schöpfungsgemäße Partnerschaft anerkennen, denen Gottes Segen verheißen ist. An homosexuelle Partnerschaften sind dieselben Kriterien anzulegen wie an heterosexuelle. Partnerschaften werden dann dem Willen Gottes gemäß gestaltet, wenn sich die Partner um Treue und Verbindlichkeit, gegenseitige Achtung und Rücksicht, Liebe und Geduld miteinander bemühen. Aus dieser Beurteilung der Homosexualität folgt, dass die Kirche auch homosexuellen Paaren Gottes Segen zusprechen kann, wenn diese ein dauerhaftes und partnerschaftliches Zusammenleben eingehen möchten.

      Dies heißt allerdings nicht, dass der Staat homosexuelle Partnerschaften der Ehe gleichstellen sollte. Denn die eheliche Gemeinschaft schafft einen Rahmen, in dem Kinder gezeugt und geschützt aufwachsen können - dies kann eine homosexuelle Partnerschaft nicht leisten. Dennoch ist es für den Staat geboten, homosexuelle Partnerschaften zu schützen (z.B. gegenseitige Erbberechtigung, Anerkennung als Angehöriger bei Besuchs-, Auskunft und Wohnrechten).

      Schließlich sollen auch Menschen, die sich zu ihrer Homosexualität bekennen, kirchliche Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen sein können.

      Die biblische Beurteilung von Homosexualität als Sünde ist - um der Treue zu den Grundlinien der Bibel willen! - abzulehnen. Allerdings ist aus ihr eine kritische Beurteilung sexueller Praktiken zu übernehmen, bei denen derart einseitige Beziehungsmuster vorliegen, dass ein Partner den anderen ausnutzt.

  8. Kennzeichen einer nicht-fundamentalistischen Bibelauslegung

    1. Der hermeneutische Zirkel

      Historisch-kritische Auslegung bewegt sich - wie alle andere Auslegung und wissenschaftliche Bemühung um Erkenntnis der Wahrheit - in einem Zirkel, dem so genannten hermeneutischen Zirkel. (Hermeneutik = die Lehre vom Verstehens). Er lässt sich folgendermaßen beschreiben (vgl. dazu das unten stehende Schaubild):

      Wenn wir uns mit einem Text beschäftigen, haben wir ein Vorverständnis. Wir haben eine Idee davon, was der Text sagen könnte, was die verwendeten Begriffe bedeuten, wie wir über das im Text angeschnittene Thema denken, was die Grundlinien der Bibel ausmacht. Mit diesem Vorverständnis gehen wir an den Text.

      Das methodische Vorgehen bei der Auslegung soll sicherstellen, dass wir in dem Text nicht einfach nur unser Vorverständnis bestätigen, sondern sollen aufzeigen, ob und wie sich Text und Vorverständnis unterscheiden. Es geht also darum, den Text gerade als ein Gegenüber zu entdecken, das uns anspricht und uns dazu herausfordert, unser bisheriges Vorverständnis weiter zu entwickeln.

      Durch die Beschäftigung mit dem Text erweitert sich so unser Vorverständnis oder wird es korrigiert. Wir haben nach der Auslegung vielleicht ein tieferes Verständnis des Textes oder denken anders über das im Text behandelte Thema, weil uns Aussagen des Textes überzeugt haben oder unser Denken bereichert haben. Vielleicht wird auch unsere Wahrnehmung der Grundlinien der Bibel verändert.

      Dieses neue, erweiterte Verständnis ist nun das Vorverständnis für jede weitere Beschäftigung mit der Bibel. Doch es ist noch nicht einfach identisch mit dem Textsinn. Der Sinn des Textes bleibt immer noch von unserem Verständnis verschieden, er kann uns auch in Zukunft noch herausfordern. Das neue, durch die Beschäftigung mit diesem Text erreichte Verständnis ist die Basis für jede Weitere Beschäftigung mit der Bibel. Der Kreis beginnt von neuem. Bibelauslegung findet darum immer wieder in Kreisbewegungen statt - zwischen Einzeltext und Grundlinien der Bibel und zwischen Vorverständnis und vertieftem Verständnis. Darum ist die Beschäftigung mit der Bibel auch nie abgeschlossen.

      Im Laufe der längeren Beschäftigung mit der Bibel werden wir hineingenommen in einen Prozess, der uns verändert. Wenn dieser Prozess vom Geist Gottes angetrieben wird, dann werden wir zu Menschen, in denen Glauben, Hoffnung und Liebe immer tiefer in uns eingewurzelt werden.


      Der hermeneutische Zirkel

    2. Die Offenheit der Bibelauslegung

      Was die Grundlinien der Bibel sind, was die Mitte der Schrift ist, wird im protestantischen Raum auf Grund der prinzipiellen Unabgeschlossenheit dieser Kreisbewegung stets immer nur vorläufig und nie endgültig definiert, auch wenn natürlich grundsätzliche kirchliche Entscheidungen, die ihren Niederschlag in Bekenntnisschriften fanden, als Orientierung dienen. Aber keine protestantische Lehraussage ist unhinterfragbar. Wenn von der Bibel her und auf Grund neuer Einsichten ein besseres Verständnis zu einer Frage deutlich wird, dann können auch bisherige Bekenntnisse revidiert werden. Protestantische Glaubensüberzeugung ist, dass die Bibel selbst die Kraft hat, dass durch sie der Heilige Geist in unsere Gegenwart hinein wirkt und dass der Heilige Geist selbst die Diskussion um die richtige Interpretation der Bibel, also den Streit um die Grundlinien der Bibel selbst mitbestimmt. Der Streit um die Wahrheit ist darum nicht etwas grundsätzlich Schlechtes, sondern wir können in ihm den Heiligen Geist am Wirken sehen. Allerdings immer wieder auch diabolischen Geist, der alles durcheinander bringt.

    3. Freiheit und Orientierung

      Wichtig ist bei dieser Art der Bibelauslegung dreierlei:

      Die einzelnen biblischen Texte werden zunächst auf ihrem historischen Hintergrund wahrgenommen. Sie dürfen sagen, was sie selbst zu sagen haben. Sie dürfen gerade auch in ihrer Fremdheit, die durch den großen Zeitabstand entsteht, zu uns sprechen und uns so auch in Frage stellen. Gerade erst durch ihre Fremdheit gewinnen biblische Texte ihre Kraft für uns heute. Das macht allerdings die Beschäftigung mit der Bibel auch manchmal mühsam. Bibelauslegung kommt jedoch noch nicht an ihr Ziel, wenn sie einfach distanziert darstellt, was über einen Text zu sagen ist. Sondern Bibelauslegung muss immer fragen, was dieser Text uns in unserer gegenwärtigen Situation sagt. Bibelauslegung zielt immer auf diesen existenziellen Bezug.

      Einzelne biblische Texte sind zweitens in ihrem historischen und ethischen Wahrheitsanspruch auch von den Grundlinien der Bibel her kritisierbar. Das heißt: Ich muss nicht jedes biblische Wort sofort und unmittelbar als Gottes Wort an mich anerkennen und mich ihm unterwerfen. Ich kann wahrnehmen, wenn ein Text bei mir Ängste und Abwehr auslöst und darf diese Ängste und meinen Widerstand gegen einen biblischen Text auch zulassen. Wichtig ist, dass ein Gespräch stattfindet zwischen der Bibel und mir, in dem die Bibel mich anregt und herausfordert und mir hilft, mich weiter zu entwickeln. In diesem Gespräch werden nicht nur biblische Texte etwas zu sagen haben, sondern auch ich mit meiner bisherigen Lebenserfahrung, mit meinen Prägungen und meinen Einstellungen.

      Und dabei wird drittens die Bibel dennoch als Wort Gottes erachtet. Den biblischen Texten wird darum bis auf den Beweis des Gegenteils eine hohe Autorität zugeschrieben und ihnen wird zugetraut, dass sie ihre Qualität als Wort Gottes, das uns weiterführt, immer wieder neu erweisen, dass sich nach Diskussion und gelegentlich auch im Streit biblische Grundeinsichten immer wieder durchsetzen.

      Wir gewinnen damit eine große Freiheit im Umgang mit der Bibel - nicht jedes Wort ist Gesetz, das uns unbedingt bindet - und auch dann noch gilt, wenn es uns nur noch große Lasten aufbindet. Und dennoch verlieren wir nicht die Bibel als Orientierung und Kraftquelle, sondern können sie immer wieder neu wahrnehmen.

      Mit einem derart gestalteten Zugang zur Bibel können so die positiven Anliegen fundamentalistischer Bibelauslegung festgehalten werden, ohne dass die Schwächen und Gefahren dieser Art von Bibelauslegung weiter bestehen müssen.


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