Text Referat im Kreis der Lektor/innen und Prädikant/innen im Kirchenbezirk Lahr
Juli 2000
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Die Bibel als Maßstab in ethischen Fragen

Grundsätzliche Überlegungen konkretisiert am Beispiel Homosexualität
 



 

Die Bibel als Orientierungshilfe in ethischen Fragen - dies ist eine immer aktuelle Frage für Christen, die für die Gestaltung ihres Lebens die Bibel als Maßstab sehen - und erst recht für eine Kirche, die sich allein auf die Bibel gründen will. Dabei gibt es zwei Möglichkeiten, die Frage, wie die Bibel uns Orientierung in ethischen Fragen geben kann und soll, vorschnell und damit unzureichend oder gar falsch zu beantworten.

Zwei problematische Ansätze

Die erste unzulängliche Antwort lautet: Die Bibel gibt zu allen ethischen Fragen direkte Antworten. Ich habe nur zu hören oder zu lesen, was in der Bibel steht, und dann dem biblischen Wort gehorsam zu sein. Man könnte diesen Weg den biblizistischen Weg nennen. Er ist erstens unzulänglich, weil die Bibel nicht zu allen heute uns betreffenden Fragen Aussagen enthält. Wie Christen sich zu den Möglichkeiten der Gentechnik stellen oder ob sie Atomkraftwerke befürworten oder ablehnen sollen, ist nicht direkt der Bibel zu entnehmen. Der biblizistische Weg ist zweitens unzulänglich, weil es ethische Fragestellungen gibt, zu der sich verschiedene, auch einander widersprechende Aussagen in der Bibel finden. Man denke zum Beispiel an die biblischen Aussagen zur Frage, inwiefern der staatlichen Autorität Folge zu leisten sei. So heißt es einerseits in der Apostelgeschichte: "Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen" (Apg.5,29), während Paulus andererseits ohne Einschränkung sagen kann: "Jedermann sei untertan der Obrigkeit, die Gewalt über ihn hat. Denn es ist keine Obrigkeit außer von Gott; wo aber Obrigkeit ist, die ist von Gott angeordnet. Wer sich nun der Obrigkeit widersetzt, der widerstrebt der Anordnung Gottes." (Röm.13,1+2). Und ein drittes Problem des biblizistischen Weges besteht darin, dass es ethische Urteile der Bibel gibt, die so sehr der Entstehungszeit der Bibel verhaftet sind, dass sie in unserer Gegenwart nicht einfach so übernommen werden können, weil sich seitdem die Situation völlig verändert hat. Als Beispiel nenne ich nur die Weisung "die Frauen sollen schweigen in der Gemeindeversammlung; denn es ist ihnen nicht gestattet zu reden, sondern sie sollen sich unterordnen." (1.Kor.14,24). Diese drei Problemkreise machen deutlich: Biblische Aussagen können nicht einfach und unreflektiert zu Urteilen in gegenwärtigen ethischen Fragen umgemünzt werden.

Aus dieser Einsicht wird nun oft die Folgerung gezogen, dass die antiken Moralvorstellungen der Bibel der heutigen Situation nicht mehr angemessen seien und deshalb heute keine Relevenaz mehr beanspruchen könnten. Die Bibel als ethischer Orientierungsmaßstab wird damit aufgegeben. Aber auch dieser Weg ist problematisch. Denn damit entsteht die Frage, an welchen ethischen Werten und Normen wir uns denn überhaupt orientieren sollen. Leider ist bei einer solchen pauschalen Zurückweisung der Bibel dann oft zu beobachten, dass man sich schnell an den Normen und Werten des Zeitgeistes orientiert und gar nicht mehr nach der Begründung und Berechtigung dieser scheinbar so evidenten - weil eben dem Zeitgeist entsprechenden - Normen und Werte fragt. Für eine Kirche, die sich auf die Bibel gründen will, ist dies fast ein noch schlimmeres Vergehen als ein unreflektierter Biblizismus.

Wie kann die Bibel zum Maßstab in ethischen Fragen werden?

Es ist also ein dritter Weg zu suchen zwischen Biblizismus und Aufgabe der Bibel als ethischem Orientierungsmaßstab. Dieser Weg ist, weil er sich zwischen diesen beiden Positionen bewegt, komplizierter. Soweit ich sehe, sind vier Schritte für diesen Weg notwendig.

1. Schritt: Die biblischen Weisungen in ihrem historischen Kontext verstehen.

Zunächst gilt es, die biblischen Weisungen in ihrem damaligen historischen Kontext zu verstehen. So ist zu fragen, was genau die biblische Weisung anordnete oder verbot, wie die biblischen Weisungen begründet wurden, welche Auswirkungen für die Betroffenen die biblischen Weisungen in der damaligen Situation hatte, welche Normen in der damaligen Umwelt zum entsprechenden Problem vorhanden waren und wie sich die biblischen Weisungen davon unterscheiden. Es geht zunächst darum, die Bedeutung der biblischen Weisungen in der Situation ihrer Entstehung und Überlieferung zu verstehen. Bei dieser historischen Nachfrage ist zunächst die Frage auszuklammern, ob bzw. in wiefern diese Weisungen für uns heute gültig sind. Vielmehr geht es darum, die ursprüngliche Bedeutung der biblischen Weisungen so genau als möglich in den Blick zu bekommen.

2. Schritt: Ethische Grundlinien der Bibel erfassen

Aus der Betrachtung der vielen einzelnen ethischen Weisungen, die in der Bibel überliefert sind, sind in diesem zweiten Schritt die ethischen Grundüberzeugungen der Bibel herauszuarbeiten, die sich durch die verschiedenen biblischen Schriften und Traditionsgruppen durchhalten, auch wenn sie dort in verschiedenen Varianten und Ausprägungen erscheinen. Solche ethischen Grundlinien der Bibel sind - ohne Anspruch auf Vollständigkeit:

Das Gebot, Gott zu lieben und ihn als einzigen Gott zu achten, an ihn zu glauben und ihm zu vertrauen. Es gilt in alt- wie in neutestamentlicher Tradition als das Hauptgebot (1. Gebot des Dekalogs - 2.Mose 20,2+3; 5.Mose 5,6+7; Höre Israel - 5. Mose 6,4+5; Doppelgebot der Liebe bei Jesus - Mk.12,29+30parr). Dieses Gebot richtet sich u.a. dagegen, andere Größen zu vergöttern, indem sie für allein maßgeblich gehalten werden.
Das Gebot, seinen Nächsten zu lieben wie sich selbst (vgl. Mk.12,31parr) oder auch in der Fassung der Goldenen Regel (Mt.7,12): "Alles, was ihr wolt, dass euch die Leute tun sollen, das tut ihnen auch." Beide Formen des Liebesgebotes gelten als Zusammenfassung der sogenannten zweiten Tafel des Gesetzes, in der die sozialen Gebote des Dekalogs stehen (vgl. Röm.13,9+10). Nächstenliebe fragt dabei nach dem, was der andere braucht und was ihm gut tut (vgl. das Gleichnis vom barmherzigen Samaritaner - Lk.10,25-37). Sie hat keine Grenze, so dass sie auch die Feindesliebe einschließt (Mt.5,38-48).
Das Gebot, dem Frieden zu dienen und für soziale Gerechtigkeit einzutreten. Dies erhält in der Bibel den besonderen Akzent im Gebot, die Schwachen besonders zu schützen und ihnen besondere Aufmerksamkeit entgegenzubringen, seien es nun soziale Randgruppen (Witwen und Waise), religiös Deklassierte (Zöllner und Sünder), materiell Schwächere (Arme, Verschuldete), Alte und Kranke, Fremde und Ausländer. Im Alten Testament gibt es schon eine Reihe von Schutzbestimmungen für Schwächere (Gebot, die [alt gewordenen] Eltern zu ehren - 2.Mose 20,12; 5.Mose 5,16; Hilfe für Arme - 5.Mose 15,7-11; Schutz für Fremde, Waisen und Witwen - 2.Mose 23,9; 5.Mose 24,17+18+20-22), im Neuen Testament wird diese Grundhaltung durch Jesu Zuwendung zu Menschen, die am Rand stehen, fortgeführt. So lässt sich sagen: Die Bibel vertritt eine Option für die Armen und Schwachen, d.h. sie versucht gerade die Rechte der Armen und Schwachen besonders zu beachten, da diese am ehesten unberücksichtigt bleiben.
Das Gebot, die Schöpfung als gute Gabe Gottes zu achten, sie zu bewahren und sie vor unnötiger Zerstörung zu bewahren (1.Mose 1,28; 2,15). Damit verbunden ist das Gebot, den Sabbat als gute Gabe Gottes für die Menschen zu achten (2.Mose 20,8-11; 5.Mose 12-15), ohne ihn zum drückenden Gesetz zu machen (vgl. Mk.2,27).

Dabei stehen diese Gebote in einem Begründungszusammenhang, der von Gottes gutem Willen gegenüber dem Menschen ausgeht. Dafür sind besonders folgende Überlegungen besonders wichtig:

Gott hat die Welt geschaffen und damit den Menschen einen guten Lebensraum gegeben (1.Mose 1,31). Der Mensch hat als Gottes Ebenbild eine einmalige Würde, die ihm durch sein Geschöpf-Sein zukommt und die unabhängig ist von seinen Fähigkeiten und Leistungen. Zugleich steht er damit Gott gegenüber in der Verantwortung.
Gott will für alle Menschen das Gute (1.Tim.2,4), allen bietet er Vergebung von Sünde und Schuld und Erlösung von den Mächten des Unheils und des Todes an (Joh.3,16), alle sind dazu berufen in Gemeinschaft mit Gott zu leben und damit zur Erfüllung und zum Glück zu finden. Bei Gott soll niemand verloren gehen (vgl. Luk.15). Dabei ist vorauszusetzen, dass menschliches Handeln danach streben sollte, dem Handeln Gottes zu entsprechen (vgl. Phil.2,5).
Gott hat für die Welt eine Zukunft des Heils und des Glücks, er wird seine Herrschaft aufrichten und die Herrschaft von Tod und Unheil überwinden (vgl. Offb.21,1). Auf diese Zukunft hin sind die Menschen, die Gott vertrauen, bereits jetzt ausgerichtet (vgl. Mt.6,33). Menschliches Handeln soll damit dem Himmel auf Erden den Weg ebnen, ohne dass es unter dem Druck steht, den Himmel auf Erden verwirklichen zu müssen. Alle Ordnung und alles Recht wird damit als vorläufig qualifiziert und in Anspruch dafür genommen, dem zukünftigen Reich Gottes - so sehr es unter gegenwärtigen Bedingungen möglich ist - zu enstprechen. Darum sind auch nicht bestimmte, gegebene Ordnungen, Lebens- und Rechtsformen mit einem Ausschließlichkeitsanspruch als gottgewollt zu bezeichnen. Dies widerspricht einer ethischen Tradition, die bestimmte Ordnungen wie den Staat oder die Ehe als mit der Schöpfung gegebene und damit von Gott gesetzte Ordnungen ansieht. Ein solcher Ansatz übersieht allerdings, dass die faktische Ausgestaltung von Staat und Ehe seit biblischen Zeiten sich derart verändert hat, dass die antiken Ordnungsvorstellungen nicht einfach auf die Gegenwart zu übertragen sind. Darum ist es problematisch, von "Schöpfungsordnungen" als ethische Grundkategorien auszugehen.

3. Schritt: Die gegenwärtigen Verhältnisse und Einsichten genau wahrnehmen

In diesem Schritt geht es darum, die gegenwärtigen Bedingungen für das Handeln genau wahrzunehmen. Es ist also zu fragen nach den gesellschaftlichen, sozialen, politischen, wirtschaftlichen und psychologischen Faktoren, die das zu klärende ethische Problem mitbestimmen. Dabei sind kritisch sogenannte Sachzwänge ins Auge zu fassen. Es ist außerdem zu fragen, welche Personen und Personengruppen beteiligt sind, welche Interessen eine Rolle spielen. Die Rechtslage ist - soweit sie von Bedeutung ist - zu klären. Außerdem sind wissenschaftliche Einsichten, die das zu bearbeitende Handlungsfeld beschreiben, wahrzunehmen und gegebenenfalss auch kritisch zu hinterfragen.

4. Schritt: Auf dem Hintergrund der Grundlinien der Bibel die möglichen Verhaltensalternativen bewerten

In diesem letzten Schritt geht es nun darum, verschiedene Verhaltensmöglichkeiten genau zu beschreiben und sich zwischen diesen Möglichkeiten zu entscheiden. Dabei sind die einzelnen Verhaltensmöglichkeiten im Licht der biblischen Grundlinien wie auch auf dem Hintergrund der im 3. Schritt gewonnenen Einsichten zu betrachten. Zugleich sind die Folgen zu beachten, die mit den jeweiligen Entscheidungsoptionen gesetzt sind. Denn eine biblische Ethik kann nicht nur nach der reinen Gesinnung fragen, sondern muss auch Verantwortung übernehmen für die absehbaren Folgen.

Wird ein solcher Durchgang in vier Schritten vorgenommen, so kann ein ethisches Urteil beanspruchen, an der Bibel orientiert zu sein. Dies gilt auch dann, wenn - im Einzelfall, der sicher die Ausnahme ist - ethische Entscheidungen getroffen werden, die biblischen Traditionen und Aussagen direkt widersprechen. Dies war schon öfters in der Geschichte der Kirche der Fall: so bei der christlichen Kritik an Sklaverei und Todesstrafe oder etwa bei der christlich motivierten Gleichstellungen von Frauen und Männern und der Zulassung von Frauen zu allen Diensten in der Kirche.

In der Auslegung der Bibel - und so zum Beispiel auch in der Predigt - ist es durchaus möglich, einzelne biblische Weisungen direkt auf die Gegenwart zu beziehen, ohne jeweils den oben beschriebenen Weg in vier Schritten für die Zuhörer aufzuzeigen. Allerdings muss die vorgenommene Auslegung einer Überprüfung durch das oben beschriebene Verfahren standhalten. Dass ein solches Verfahren nicht mechanisch anzuwenden ist, sondern immer Interpretationsspielräume bleiben, die verschiedene ethische Optionen ermöglichen, dürfte selbstverständlich sein. Auch um das ethische Urteil im Namen der Bibel muss - wie um die richtige Bibelauslegung überhaupt - gestritten werden. Allerdings ist auch deutlich, dass das oben beschriebene Verfahren nicht einfach beliebige ethische Urteile im Namen der Bibel zulässt, sondern die Bibel als einen wirklichen ethischen Maßstab erschließt.



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Konkretisierung am Beispiel der Beurteilung von Homosexualität

Ich möchte nun ein heißes Eisen anfassen und das eben beschriebene Verfahren auf ein aktuelles ethisches Problem anwenden, das innerhalb wie außerhalb der Kirche zur Zeit heftig umstritten ist: das Problem der Stellung der Kirche zur Homosexualität. Konkret geht es darum, wie die Kirche sich zu dem Projekt der Regierung stellt, homosexuellen Paaren die Möglichkeit zu verschaffen, ihre Partnerschaft registrieren zu lassen und damit diese Partnerschaft unter einen gewissen rechtlichen Schutz zu stellen. Zugleich geht es um die Frage, ob die Kirche homosexuelle Paare - vergleichbar dem Segen bei einer Trauung - segnen soll und ob sich zu ihrer Homosexualität bekennende Menschen Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen der Kirche werden können.

1. Die biblischen Aussagen zum Thema Homosexualität

Die beiden Schöpfungserzählungen der Bibel (1.Mose 1+2) sprechen von der Erschaffung des Menschen als Mann und Frau. Beide setzen sie voraus, dass Menschsein nicht in der Individualität aufgeht, sondern dass Menschsein nur zu seiner Vollendung kommt durch die Ergänzung durch eine andere Person. Dabei wird vorausgesetzt, dass diese Ergänzung durch das andere Geschlecht geschieht. Dass menschliches Leben aber diese gegengeschlechtliche Ergänzung braucht und nur in der Ehe zur Vollendung kommt, lässt sich nun nicht aus dem biblischen Zeugnis entnehmen. Sowohl Jesus als auch Paulus raten zum zölibatären Leben (vgl. Mt.19,10-12; 1.Kor.7,8). Allerdings dürfte sich aus der Schöpfungserzählung ableiten lassen, dass menschliches Leben auf partnerschaftliche Gemeinschaft angewiesen ist. Erst im Miteinander verwirklicht sich die Gottesebenbildlichkeit der Menschen.

Das Alten Testament spricht über Homosexualität nur sehr selten. Im sogenannten Heiligkeitsgesetz im dritten Buch Mose heißt es: "Schläft einer mit einem Mann, wie man mit einer Frau schläft, dann haben sie eine Greueltat begangen; beide werden mit dem Tod bestraft; ihr Blut soll auf sie kommen." (3.Mose 20,13; vgl. 18,22).

Auch im Neuen Testament wird Homosexualität nur in paulinischen Briefen erwähnt (1.Kor.6,9-11; 1.Tim.1,10, Röm.1,26+27). Die ausführlichste Aussage findet sich im Römerbrief: "Darum hat Gott sie (die Nichtjuden) dahingegeben in schändliche Leidenschaften; denn ihre Frauen haben den natürlichen Verkehr vertauscht mit dem widernatürlichen; desgleichen haben auch die Männer den natürlichen Verkehr mit der Frau verlassen und sind in Begierde zueinander entbrannt und haben Mann mit Mann Schande getrieben und den Lohn ihrer Verirrung, wie es ja sein musste, an sich selbst empfangen."

Diese biblischen Aussagen zur Homosexualität sind nun in ihrem historischen Umfeld zu betrachten. Homosexuelle Praktiken in der Antike sind meist Handlungen ansonsten heterosexuell lebender und meist auch verheirateter Männer an jüngeren Männern oder gar Jugendlichen, die sogenannte Knabenliebe (vgl. 1.Kor.6,9-11; 1.Tim.1,10). Solche Praktiken sind von einem starken Ungleichgewicht geprägt und steigern das Selbstbewusstsein des erwachsenen Mannes. Der Sexualpartner wird dabei benutzt. Dass auch im Alten Testament homosexuelle Praktiken als Demütigung des passiven Teils verstanden wurden, zeigen zwei altertümlich anmutende Erzählungen. So wird 1.Mose 19 erzählt, wie sich die Männer von Sodom auf die Gäste Lots stürzen wollen, um sie sexuell zu missbrauchen. Eine ähnliche Szene schildert auch Richter 19,22-26.

In der Antike begegnete homosexuelle Praktiken häufig im Zusammenhang mit heidnischen Kulten. Darum ist es nicht zufällig, dass Homosexualität im Alten Testament als eine Greueltat bezeichnet wird. Dieses Stichwort wird ansonsten für die Verehrung heidnischer Götter verwendet. Auch bei Paulus ist Homosexualität charakteristisch für heidnische Kulte, denn Homosexualität ist für ihn an die heidnische Lebensform gebunden, von der die Christen Abstand zu nehmen haben.

Zusammenfassend lässt sich sagen: Die wenigen direkten biblischen Aussagen zur Homosexualität haben homosexuelle Praktiken im Auge, bei denen der eine Partner den anderen benutzt. Sie sehen Homosexualität im Zusammenhang mit Götzendienst. Sie setzen voraus, dass homosexuelle Praxis das Ergebnis einer Willensentscheidung von Menschen ist, die auch heterosexuell leben könnten, aber "den natürlichen Verkehr vertauscht" haben.

Zu ergänzen sind zwei Splitter in der biblischen Überlieferung, die gerne als biblische Rechtfertigung für Homosexualität verwendet werden. So werden in der Beziehung zwischen David und seinem Freund Jonatan häufig homoerotische Untertöne entdeckt, da David in seiner Totenklage sagt: "Es ist mir leid um dich, mein Bruder Jonatan, ich habe große Freude und Wonne an dir gehabt; deine Liebe ist mir wundersamer gewesen, als Frauenliebe ist." (2.Sam.1,26 - Lutherübersetzung). Schließlich wird auch Jesus eine tolerante Haltung gegenüber Homosexualität unterstellt, da er bedingungslos bereit ist, den Knecht des römischen Hauptmanns von Kapernaum zu heilen (Mt.8,5-13parr), wo er doch annehmen musste, dass es sich dabei um einen sogenannten "Lustknaben" handeln könnte - andernfalls wäre das Eintreten eines Hauptmanns für einen Knecht recht ungewöhnlich. Aus beiden Stellen eine biblische Rechtfertigung für Homosexualität zu begründen, dürfte jedoch zu weit gehen.

2. Überlegungen zu hier relevanten ethischen Grundlinien der Bibel

Der Mensch lebt als Geschöpf Gottes. Wir finden uns vor als Männer oder Frauen, mit Begabungen und Stärken und mit Mängeln und Schwächen. In dieser unserer geschöpflichen Begrenzung sind wir gerufen, Gott mit unserem Leben zu dienen und ihn zu ehren. Dabei gilt die Grundüberzeugung, dass jeder Mensch - wie seine geschöpflichen Begabungen und Begrenzungen auch sein mögen - Gott lieben und ehren kann. Diese geschöpflichen Begabungen und Begrenzungen werden so von Gott in Dienst genommen. Wenn Homosexualität als eine solche geschöpfliche Ausstattung des Menschen zu werten ist, dann kann sie auch positiv gewertet werden.

Homosexualität wird in den biblischen Texten als Tat verstanden, die aus freiem Willen heraus begangen wird und die auch unterlassen werden könnte. Genau deshalb kann sie auch als Sünde verstanden werden. Die Willensfreiheit ist also gerade Voraussetzung, um eine Tat als Sünde zu bezeichnen.

Christliches Leben ist vom Dank für das Geschenk des Lebens bestimmt. Dieser Dank an Gott schließt auch die Bereitschaft zur verantwortlichen Weitergabe des Lebens ein. Da dies nur in heterosexuellen Partnerschaften geschehen kann, ergibt sich ein Ungleichgewicht zwischen heterosexuellen und homosexuellen Beziehungen. Von diesem Gedanken aus ergeben sich Vorbehalte, homosexuelle Partnerschaften den heterosexuellen Partnerschaften völlig gleichzustellen.

Bei der Gestaltung von Beziehungen kommt es ganz entscheidend darauf an, dass diese von Liebe geprägt sind. Die Liebe versucht dem anderen Achtung entgegenzubringen und verzichtet auf Unterwerfung und Demütigung. Liebe in einer Partnerschaft ist zugleich angelegt auf Dauer und Treue - dies ist der Sinn des biblischen Verbots der Ehescheidung.

3. Die gegenwärtigen Verhältnisse und Einsichten genau wahrnehmen

Homosexuelle sind in unserer Tradition und in der Gegenwart eine diskriminierte, bis vor kurzem auch strafrechtlich verfolgte Minderheit. Bei ethischen Urteilen über Homosexualität ist darum immer genau wahrzunehmen, ob damit Menschen diskriminiert und ausgegrenzt werden.

Homosexuelle Anteile und homoerotische Tendenzen finden sich - in unterschiedlich starker Ausprägung - bei allen Menschen; wie auch männliche und weibliche Hormone bei Männern und Frauen verhanden sind. Warum nun bei einigen Menschen - und zwar in allen Kulturen und Epochen - homosexuelle Neigungen überwiegen, ist umstritten. Von einigen Medizininern werden genetische Ursachen angenommen, bei anderen wird die frühkindliche Prägung als ausschlaggebend angesehen. Eine erfolgreiche hormonelle Therapie zur "Heilung" von Homosexualität gibt es nicht, ob psychotherapeutische Ansätze zur "Heilung" von Homosexualität möglich sind, wird unterschiedlich beurteilt.

Auf jeden Fall gilt: viele homosexuell geprägte Menschen finden sich in ihrer sexuellen Orientierung vor, bevor sie sich ihrer Geschlechtlichkeit voll bewusst sind. Sie gehört also zu ihrer menschlichen Konstitution. Viele Homosexuelle können darum ihre Homosexualität nicht beeinflussen, sondern nur verschiedene Möglichkeiten entwickeln, mit ihr zu leben. Ihre homosexuelle Ausrichtung ist für viele Homosexuelle keine Frage des freien Willens und der Entscheidung.

Auf Grund des gesellschaftlichen Drucks, den Homosexuelle (immer noch) erfahren und auf Grund der Wahrnehmung, dass sie nicht zur Mehrheit der Bevölkerung gehören, haben viele homosexuell ausgerichtete Menschen größere Probleme, ihre eigene Identität auszubilden. Weil sie in homosexueller Partnerschaft auch keine Kinder bekommen können, ist ihre Suche nach Lebenssinn noch zusätzlich belastet.

Inzwischen haben sich die westlichen Gesellschaften so verändert, dass Homosexuelle in bestimmten Nischen der Gesellschaft leben können. Dabei zeigte sich, dass auch Homosexualität mit dauerhaften Partnerbindungen und mit einer von Liebe geprägten Gestaltung der Beziehung vereinbar ist. Reife Partnerbeziehungen sind für Homosexuelle ebenso möglich wie für Heterosexuelle. Dass sie statistisch gesehen weniger oft gelingen mögen, lässt sich vielleicht mit dem gesellschaftlichen Druck erklären, den homosexuelle Partnerschaften immer noch durchzustehen haben.

4. Ethische Entscheidungsfindung auf dem Hintergrund biblischer Grundlinien

Grundlegend für eine christliche Bewertung der Homosexualität ist die Einsicht, dass viele homosexuell ausgerichtete Menschen sich mit dieser Art von Sexualität vorfinden. Sie gehört zu ihrer Konstitution als Mensch. Sie ist keine Möglichkeit, für oder gegen die man sich frei entscheiden kann, sondern sie gehört zu ihrer konkreten Gestalt des Menschseins. Homosexualität ist darum - ganz entsprechend zur Heterosexualität - als Form des geschöpflichen Seins zu achten. Homosexualität ist genauso wenig wie Heterosexualität als Sünde zu verstehen - wenngleich es durchaus homo- wie heterosexuelle Praktiken gibt, die ethisch zu verurteilen sind (wie z.B. eine Vergewaltigung).

Die ethische Beurteilung von Homosexualität, die sich in der Bibel findet, richtet sich gegen eine Form der Sexualität, in der der schwächere durch den stärkeren Partner ausgenutzt wird. Ein solches Abhängigkeitsverhältnis der Partner gibt es auch in heterosexuellen Beziehungen. Es widerspricht dem Liebesgebot und ist zu verurteilen.

Wenn Homosexualität eine geschöpfliche Eigenschaft von Menschen sein kann, die genauso zu beurteilen ist wie die Hautfarbe oder eine musikalische Begabung, dann folgt daraus, dass Homosexuelle nicht diskriminiert und ausgegrenzt werden dürfen. Da dies aber weitgehend der Fall ist, hat die Kirche - weil es ihre Aufgabe ist, für Schwache und Benachteiligte besonders einzutreten - für Homosexuelle Partei zu ergreifen und sie zu unterstützen. Dies schließt ein, dass sie ihre eigene Beteiligung an der Diskriminierung Homosexueller eingesteht und sich zu dieser Schuld bekennt.

Wenn Homosexualität eine geschöpfliche Prägung des Menschen ist, kann sie auch von Gott in Dienst genommen werden. Darum muss die Kirche auch homosexuelle Partnerschaften als schöpfungsgemäße Partnerschaft anerkennen, denen Gottes Segen verheißen ist. An homosexuelle Partnerschaften sind dieselben Kriterien anzulegen wie an heterosexuelle. Partnerschaften werden dann dem Willen Gottes gemäß gestaltet, wenn sich die Partner um Treue und Verbindlichkeit, gegenseitige Achtung und Rücksicht, Liebe und Geduld miteinander bemühen. Aus dieser Beurteilung der Homosexualität folgt, dass die Kirche auch homosexuellen Paaren Gottes Segen zusprechen kann, wenn diese ein dauerhaftes und partnerschaftliches Zusammenleben eingehen möchten.

Dies heißt allerdings nicht, dass der Staat homosexuelle Partnerschaften der Ehe gleichstellen sollte. Denn die eheliche Gemeinschaft schafft einen Rahmen, in dem Kinder gezeugt und geschützt aufwachsen können - dies kann eine homosexuelle Partnerschaft nicht leisten. Dennoch ist es für den Staat geboten, homosexuelle Partnerschaften zu schützen (z.B. gegenseitige Erbberechtigung, Anerkennung als Angehöriger bei Besuchs-, Auskunft und Wohnrechten).

Schließlich sollen auch Menschen, die sich zu ihrer Homosexualität bekennen, kirchliche Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen sein können.

Die biblische Beurteilung von Homosexualität als Sünde ist - um der Treue zu den Grundlinien der Bibel willen! - abzulehnen. Allerdings ist aus ihr eine kritische Beurteilung sexueller Praktiken zu übernehmen, bei denen derart einseitige Beziehungsmuster vorliegen, dass ein Partner den anderen ausnutzt.



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Zusammenfassende Tabelle

 
Vorzunehmende Schritte, um ethische Urteile an biblischen Aussagen zu orientieren
1. Schritt:

Die Bedeutung biblischer Weisungen in der Zeit ihrer Entstehung und Überlieferung wahrnehmen

Folgende Fragen sind zu klären:
- was wurde durch die biblischen Weisungen genau geboten oder verboten?
- welche Auswirkungen hatte dies auf die Betroffenen?
- wie werden die biblischen Weisungen begründet?
- welche vergleichbaren Normen und Werte gab es in der Umwelt und unterscheiden sich die biblischen Weisungen davon?
2. Schritt:

Die ethischen Grundlinien der Bibel und ihre Begründung erfassen

Wichtige ethische Grundlinien der Bibel:
- Gott lieben und ihm vertrauen
- den Nächsten (einschließlich dem Feind) lieben wie sich selbst
- für Frieden und Gerechtigkeit eintreten, dabei Option für die Armen und Schwachen
- Schöpfung bewahren
- Sabbat heiligen

Wichtige Begründungszusammenhänge für biblische Weisungen:
- Gott hat die Welt geschaffen und dem Menschen als Ebenbild eine besondere Würde gegeben
- Gott will für alle Menschen das Gute
- Gott führt die Welt seinem Reich zu. Menschliches Handeln hat in aller Vorläufigkeit diesem Gottesreich zu entsprechen

3. Schritt:

Die gegenwärtigen Bedingungen und Einsichten wahrnehmen

Folgende Fragen sind zu klären:
- welche gesellschaftliche, sozialen, politische, wirtschaftliche und psychologische Faktoren spielen eine Rolle?
- welche Sachzwänge sind zu berücksichtigen und sind es echte Sachzwänge?
- welche Personen und Personengruppen sind beteiligt und betroffen?
- wie ist die Rechtslage?
- gibt es wissenschaftlichen Einsichten, die zu berücksichtigen sind?
4. Schritt:

Ein ethisches Urteil fällen, das sich an biblischen Grundlinien und gegenwärtigen Bedingungen und Einsichten orientiert

Die möglichen Verhaltensalternativen sind genau zu beschreiben

Sie sind auf dem Hintergrund der biblischen Grundlinien und der gegenwärtigen Bedingungen und Einsichten zu beurteilen.

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