| Text | Referat im Rahmen des Seminars "Wo die Bibel Mühe
macht..." in Dundenheim, November 2003 (auf dem Seminar wurde nicht der ganze Text vorgetragen) |
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In der Bibel finden sich - im Alten und im Neuen Testament - eine ganze Reihe von Stellen, die von einem Endgericht Gottes sprechen, das am Ende der Zeit stattfinden wird und in dem alles Böse, Sündige und Unheilige vernichtet wird. Der Begriff „Gericht" kommt in diesen Texten nur ganz selten vor, allerdings wird Gott bzw. Jesus Christus als sein Stellvertreter, in ihnen oft in Analogie zu einem Richter verstanden, der gegenüber einem Angeklagten über Freispruch oder Strafe zu entscheiden hat. Weil es sich dabei um ein Gericht am Ende der Zeit handelt, das zu einer endgültigen Entscheidung über einen Menschen führt, wird in der theologischen Tradition auch vom „Jüngsten Gericht" gesprochen.
Zwei Beispiele für diese Vorstellung - je eines aus dem Alten und dem Neuen Testament:
Aus dem Buch Maleachi, dem letzten der kleinen Prophetenbücher: Denn seht, der Tag kommt, er brennt wie ein Ofen: Da werden alle Überheblichen und Frevler zu Spreu, und der Tag, der kommt, wird sie verbrennen, spricht der Herr der Heere. Weder Wurzel noch Zweig wird ihnen bleiben. Für euch aber, die ihr meinen Namen fürchtet, wird die Sonne der Gerechtigkeit aufgehen, und ihre Flügel bringen Heilung. Ihr werdet hinausgehen und Freudensprünge machen, wie Kälber, die aus dem Stall kommen. An dem Tag, den ich herbeiführe, werdet ihr die Ruchlosen unter euren Fußsohlen zertreten, so dass sie zu Asche werden, spricht der Herr der Heere. Denkt an das Gesetz meines Knechtes Mose; am Horeb habe ich ihm Satzung und Recht übergeben, die für ganz Israel gelten. (Mal.3,19-22).
Das Buch der Offenbarung des Johannes enthält eine große Vision über das Ende der Welt. Darin heißt es gegen Ende hin: Dann sah ich einen großen weißen Thron und den, der auf ihm saß; vor seinem Anblick flohen Erde und Himmel, und es gab keinen Platz mehr für sie. Ich sah die Toten vor dem Thron stehen, die Großen und die Kleinen. Und Bücher wurden aufgeschlagen; auch das Buch des Lebens wurde aufgeschlagen. Die Toten wurden nach ihren Werken gerichtet, nach dem, was in den Büchern aufgeschrieben war. Und das Meer gab die Toten heraus, die in ihm waren; und der Tod und die Unterwelt gaben ihre Toten heraus, die in ihnen waren. Sie wurden gerichtet, jeder nach seinen Werken. Der Tod und die Unterwelt aber wurden in den Feuersee geworfen. Das ist der zweite Tod: der Feuersee. Wer nicht im Buch des Lebens verzeichnet war, wurde in den Feuersee geworfen. (Offb.20,11-15)
Auf manche Menschen wirken solche biblischen Texte bedrohlich und beängstigend. Nicht nur der junge Luther wurde durch die Drohung mit dem Vernichtungsgericht Gottes in große seelische Nöte getrieben. Auch heute fühlen sich manche Menschen durch solche Texte enorm unter Druck gesetzt. Gott erscheint in diesen Texten häufig als der bedrohliche Richter, der alles Unheilige vernichtet. Und gerade dort, wo besonders hohe moralische und religiöse Maßstäbe an Menschen gestellt werden und Menschen darum sehr häufig ihr Versagen gegen über diesen Maßstäben feststellen müssen, kann ein solches Gottesbild in die Krise führen: Ich bin nicht so, wie Gott von mir fordert und wie ich selbst sein will - auch wenn ich mich noch so sehr anstrenge - und darum werde ich von Gott dafür bestraft werden. Das kann in eine seelische Sackgasse und eine religiös bedingte psychische Erkrankung führen.
Luther entdeckte in einer solchen Krise einen Ausweg, als ihm deutlich wurde, dass Gott den Menschen aus Gnade freispricht und annimmt. Unabhängig von seinen Taten und Verdiensten, die man in der Bibel häufig als „Werke" bezeichnet werden. Heute ist diese Vorstellung bei vielen Menschen zum Allgemeingut geworden: Gott liebt uns, wir brauchen vor ihm keine Angst zu haben. Aber wie sind dann diese Texte, die davon sprechen, dass über jeden Menschen im Jüngsten Gericht auf Grund seiner Werke entschieden wird, dann zu verstehen? Wie verhalten sich Gericht nach den Werken und Rechtfertigung aus Gnade zueinander?
Und schließlich sprechen viele dieser Texte davon, dass die Bösen und Unheiligen mit dem endgültigen Tod, mit ewigen Höllenstraßen bestraft werden. Enthält diese Erwartung einer endgültigen Scheidung zwischen Guten und Bösen nicht ein Schwarz-Weiß-Denken, das der Wirklichkeit völlig unangemessen ist? Die meisten Menschen erleben sich selbst und auch andere nicht als völlig gut oder völlig böse. Aber die meisten Gerichtstexte sprechen von einer Scheidung in Gute und Böse. Letztere erfahren dann ewige Verdammnis. Aber kann der barmherzige Gott so unbarmherzig sein? Wenn stimmt, dass Gott will, dass alle Menschen gerettet werden (1.Tim.2,4) - wie kann dann von ewiger Höllenstrafe gesprochen werden?
Viele Zeitgenossen finden es abstoßend, wenn Anhänger von Sekten für ihre Überzeugungen werben, indem Sie den Menschen drohen, dass nur diejenigen das zukünftige Gericht oder zukünftige Katastrophen überleben werden, die sich rechtzeitig zu den Lehren der Sekten bekehren. Aber argumentiert die Bibel nicht an manchen Stellen genau so? Und kann es sinnvoll und geboten sein, die Menschen durch die Drohung mit göttlichen Strafen oder ewigen Höllenstrafen zum Glauben oder zum Tun des Guten zu motivieren? Manchmal wird auch erlittenes Unheil als Gottes Strafe interpretiert. Ist es nicht äußerst problematisch, wenn Menschen das Unglück und Unheil, das anderen geschehen ist, als Strafe Gottes für menschliche Fehler ausgeben, um sie so zur Änderung ihres Verhaltens zu motivieren?
Zuletzt ist noch ein anderes Problem anzusprechen. Manche biblische Gerichtsdarstellungen sprechen nicht nur vom Endgericht Gottes, sondern malen dieses noch in vielen Details aus. So beschreibt das Buch der Offenbarung zum Beispiel über viele Kapitel in einer Vision Zeiten voller Katastrophen, Kriege und Leiden, die dem Gericht voraus gehen. Immer wieder wurden einzelne Elemente dieser Visionen mit geschichtlichen Ereignissen in Zusammenhang gebracht und auf der Basis dieser Zusammenhänge Voraussagen für die Zukunft gemacht. Was ist von einer solchen Auslegung biblischer Zukunftsankündigungen zu halten?
Um die verschiedenen Ausprägungen des biblischen Gerichtsgedankens zu verstehen, ist es sinnvoll, die geschichtliche Entwicklung dieser Vorstellung näher zu betrachten. Religiöse Vorstellungen, Lehren über Gott und die Welt, rituelle Praktiken entstehen meist nicht von einem Moment auf den nächsten, sondern entwickeln sich in oft längeren Prozessen. Auf solche Prozesse wirken selbstverständlich auch die Erfahrung ein, die die Menschen, die diese religiösen Vorstellungen vermitteln und die religiösen Praktiken ausüben, in ihrer Zeit machen.
Wer nach der Entwicklung einer religiösen Vorstellung oder Praxis in der Geschichte fragt, interessiert sich für Religionsgeschichte.
Die religionsgeschichtliche Forschung versucht die Entwicklung von religiösen Vorstellungen und Praktiken zu beschreiben. Ein Ergebnis der religionsgeschichtlichen Erforschung der Bibel ist, dass viele biblische Vorstellungen und Praktiken nicht nur in der Bibel und der Religion des Volkes Israels und des Urchristentums begegnen, sondern auch in außerbiblischen Religionen und Kulturen. Manche biblischen Vorstellungen und manche religiösen Rituale der Bibel wurden offenbar von anderen Völkern übernommen, manche im Austausch mit anderen Religionen oder in Auseinandersetzung und Abgrenzung gegen sie entwickelt. So ist zum Beispiel die alttestamentliche Weisheit, die ihren Niederschlag im Buch der Sprüche, im Hiob-Buch und im Buch Kohelet (Prediger) gefunden hat, eine religiöse Weltdeutung, die im Austausch zwischen verschiedenen Kulturen und Religionen entstanden ist. Das 1. Könige-Buch berichtet davon, dass weise Männer aus vielen Ländern und sogar die Königin von Saba zu Salomo gekommen seien, um mit diesem ihre Weisheit auszutauschen (1.Kön.5,9-14; 10,1-13). Religionsgeschichte kann so die Entstehung und Entwicklung religiöser Vorstellungen und Praktiken erhellen.
Religionsgeschichte ermöglicht auch, die biblische Religion mit anderen Religionen vergleichen. Sie kann dadurch helfen, Lehren und Praktiken zu verstehen, die für antike Menschen selbstverständlich waren und in der Bibel darum gar nicht mehr genauer beschrieben oder erklärt werden. Opfer gab es zum Beispiel in den meisten antiken Religionen, nicht nur im Jerusalemer Tempel. Um die Opfer und ihre Bedeutung zu verstehen, ist es sinnvoll, auch außerhalb der Bibel nach Texten zu suchen, die den Vollzug von Opfern beschreiben oder gar über ihre Bedeutung sprechen. Religionsgeschichte wird so Verstehenshilfe.
Ein Vergleich biblischer Vorstellungen und Praktiken mit Vorstellungen und Ritualen aus anderen Religionen kann auch dazu helfen, das Besondere an der biblischen Religion zu erkennen. So gab es zum Beispiel auch außerhalb des Volkes Israel prophetisch auftretende Menschen. Häufig sollten sie für ihre Könige die Zukunft voraussagen und ihnen so zu Vorteil und Macht verhelfen. Die biblischen Propheten zeichnen sich dadurch aus, dass sie besonders kritisch mit den jeweils in Israel und Juda Herrschenden umgingen. Religionsgeschichte lässt sich dabei auch innerbiblisch betreiben. Sie fragt dann nach den Besonderheiten eines einzelnen Textes innerhalb des biblischen Traditionsstroms.
Religionsgeschichte ist ein Teil der allgemeinen Geistesgeschichte. Religionsgeschichtlich zu fragen bedeutet, Lehren und Praktiken einer Religion distanziert und möglichst objektiv zu betrachten. Religionsgeschichte macht keine Aussagen darüber, ob die betrachteten religiösen Lehren für uns gelten oder ob wir die beschriebenen Rituale auch vollziehen sollen: Sie beschreibt sie vielmehr und versucht deutlich zu machen, was die Menschen, die sie formulierten bzw. ausübten, gedacht und gefühlt haben, und wie geschichtliche Ereignisse die Weiterentwicklung dieser Lehren und Praktiken beeinflusst haben.
Religionsgeschichte ist also noch keine Theologie, weil Theologie immer auch nach der Geltung für uns heute fragt, sondern sie ist Geschichtswissenschaft. Folglich wird Religionsgeschichte auch von Menschen betrieben, die sich selbst nicht als Christen verstehen. Wie sich auch Christen manchmal zum Beispiel mit jüdischer oder islamischer Religionsgeschichte beschäftigen, um diese Religionen besser zu verstehen. Trotz dieser innerlichen Distanzierung ist es für die Theologie manchmal sinnvoll, zunächst religionsgeschichtlich zu fragen, weil auf diese Weise manche biblischen Vorstellungen und Praktiken besser verständlich werden.
Auf diesem Hintergrund lassen sich nun in einer religionsgeschichtlichen Rückfrage für die Entstehung des Gerichtsgedanken in der Bibel folgende Entwicklungsstufen unterschieden:
Spätestens in der Königszeit (1000 - 586 v.Chr) entwickelt sich in Israel die Prophetie. Charismatisch begabte Menschen wissen sich vom Gott Israels beauftragt, in seinem Namen die Zukunft anzusagen. Dabei ist das Verhalten gegenüber den Gesetzen Gottes und gegenüber den prophetischen Weissagungen entscheidend für das weitere Ergehen in der Zukunft. Befolgt das Volk die göttlichen Weisungen, dann wird Gott es segnen und es wird dem Volk gut ergehen, setzt es sich darüber hinweg, wird es bestraft werden. Es gibt einen Zusammenhang zwischen dem eigenen gegenwärtigen Verhalten und dem zukünftigen Geschick. Man spricht von einem Tun-Ergehen-Zusammenhang. Gott ist dabei beeinflussbar gedacht. Je nachdem wie sich die Menschen verhalten, wird Gott mit Segen oder Fluch darauf reagieren (vgl. z.B. 5.Mose 28).
Das Volk wird dabei als eine kollektive Größe verstanden. Der Zusammenhang von Tun und Ergehen trifft nicht jeden einzelnen, sondern das Volk als Ganzes. Die nachfolgenden Generationen haften für die Fehler und Versäumnisse ihrer Vorfahren, genauso wie sie um deren Gerechtigkeit willen gesegnet werden (vgl. 5.Mose 5,9f). Auch haftet das ganze Volk für die Versäumnisse seiner Führer.
Das zukünftige Geschick des Volkes ist somit quasi eine Folge seines gegenwärtigen Tuns. Dieses zukünftige Geschick wird ganz innergeschichtlich gedacht. Segen äußert sich in Bewahrung vor Feinden, in Wohlstand und langem Leben, Fluch äußert sich in Katastrophen aller Art: militärischen Niederlagen, Krankheiten und Epidemien, Erdbeben und Missernten. Vom Gericht Gottes ist in diesem Denken meist nicht ausdrücklich die Rede. Doch werden Strafen, die Gott seinem Volk schickt, gelegentlich auch als Vollzug des Gerichts verstanden. Gott selbst ist dann der Richter.
Diese prophetische Weltsicht äußerte sich zunächst bei einer Reihe von Propheten, die anklagend und warnend Könige und Volk zur Befolgung der göttlichen Weisungen aufriefen. Von einigen wie Amos, Hosea, Jesaja oder Jeremia haben wir eigene prophetische Bücher überliefert, die allerdings meist in späteren Zeiten noch erweitert und überarbeitet wurden. Andere Propheten wie z.B. Elia und Elisa sind uns aus den Samuel- und Königsbüchern bekannt.
Eine Blüte fand diese prophetische Weltsicht im so genannten deuteronomistischen Geschichtswerk. Mit diesem Begriff werden die biblischen Bücher vom 5. Mosebuch, das im Lateinischen als Deuteronomium (= zweites Gesetz) bezeichnet wird, bis hin zum 2. Könige-Buch bezeichnet. Die theologische Forschung geht davon aus, dass diese biblischen Bücher nach der Zerstörung des Jerusalemer Tempels (im Jahre 586 v.Chr. durch die Neubabylonier) von einer prophetisch gesinnten Gruppe gemeinsam er- bzw. bearbeitet wurden. Das Deuteronomium ist sozusagen das Leitwerk dieser Geschichtsschreibung, das die Grundsätze für den Verlauf der Geschichte schon im Vorhinein enthält, die anderen biblischen Bücher stellen dann dar, wie sich diese Grundsätze im Lauf der Geschichte von Mose bis in die Gegenwart bewahrheitet haben: Immer dort, wo Israel auf Gott vertraute und seinen Weisungen treu war, ging es ihm gut. Überall dort, wo es von Gott abfiel, musste es Leiden ertragen (vgl. z.B. 1.Sam.12,14+15). Auf diese Weise gelingt es den Bearbeitern des deuteronomistischen Geschichtswerkes auch, die Katastrophe der Zerstörung des Jerusalemer Tempels verständlich zu machen, indem sie ihren Zeitgenossen sagen: Gott hat uns mit der Zerstörung seiner heiligen Stadt und des Tempels bestraft, weil wir von ihm abgefallen sind. Und zugleich vermitteln sie Hoffnung für die Zukunft: Wenn wir zurückkehren zu Gott und seinen Weisungen treu bleiben, dann wird er uns wieder Segen schenken (vgl. 1.Kön.8,46-53).
In der Generation derer, die als Kinder und Jugendliche den Untergang Jerusalems erlebten oder gar erst danach aufgewachsen waren, regte sich Widerspruch gegen das kollektivistische Denken. Der Prophet Ezechiel (der in der Lutherbibel den Namen Hesekiel trägt) und der späte Jeremia müssen sich mit diesem Widerspruch auseinandersetzen, der in das Sprichwort gekleidet wird: „Die Väter haben saure Trauben gegessen und den Söhnen sind die Zähne stumpf geworden." (Jer.31,29; Ez.18,2). Nun wird von den Propheten verkündet: „Nein, jeder stirbt für seine eigene Schuld; nur dem, der die sauren Trauben isst, werden die Zähne stumpf." (Jer.31,30). Damit wird der Tun-Ergehen-Zusammenhang individualisiert. Jeder Mensch selbst wird jetzt von Gott für sein Tun belohnt oder bestraft.
Diese individualistische Sicht ist nicht völlig neu. Auch die so genannte Weisheit, eine international vor allem an den Königshöfen gepflegte Weltanschauung, hat sie schon seit langem vertreten. Die ältere Weisheitstheologie findet ihren Niederschlag vor allem im biblischen Buch der Sprüche. Die Weisheitslehrer gehen davon aus, dass hinter allem eine Ordnung waltet, die auf einen Ausgleich hinwirkt. Wer dieser Ordnung gemäß lebt, der erweist sich als weise und gerecht und dessen Leben wird gelingen. Wer gegen diese Ordnung handelt, erweist sich als töricht, sein Leben wird misslingen. Auch hier gibt es also einen ganz engen Tun-Ergehen-Zusammenhang. Mit der Zeit wurde dann die Weisheit immer enger mit dem Glauben an den Gott Israels und seine Weisungen verbunden. Der Weise ist jetzt der Gerechte, der sich an die Weisungen Gottes hält, der Törichte ist der Frevler, der den Weisungen Gottes entgegen handelt. Damit nähert sich die Weisheit der prophetischen Theologie (vgl. z.B. Spr.10,23-30 oder auch Ps.1).
Die Weisheit wird vermittelt in Form von Sprichwörtern, die der verborgene Ordnung in Form allgemeinder Lebensweisheiten auf die Spur kommen wollen. Manche dieser biblischen Sprichwörter sind auch in unseren Sprachschatz eingegangen, z.B.: „Hochmut kommt vor dem Fall (Spr.16,18b) oder „Wer andern eine Grube gräbt, fällt selbst hinein" (Spr.26,27).
Diese weisheitlich-prophetische Theologie kommt nun in der so genannten nachexilischen Zeit in die Krise. Die prophetischen Ankündigungen, dass Gott sein Volk in das Land Juda und nach Jerusalem zurückführen wird und dass dort ein Leben in Freude und Glück möglich sein wird, gehen nicht so, wie erhofft, in Erfüllung. Viele der Deportierten - bzw. ihre Nachkommen - kommen zwar nach Jerusalem zurück, aber der Wiederaufbau der Stadt und des Tempels gestalten sich als schwierig und langwierig - obwohl sich führende Kreise des Volkes auf treue Beachtung der göttlichen Weisungen verpflichtet haben. Außerdem bleibt der kleine Staat Juda unter persischer Oberhoheit und wird nicht selbständig. Und schließlich ist immer wieder wahrzunehmen, dass es den Anständigen und Gerechten im Land gerade nicht gut geht, die Gauner und Unehrlichen dafür Gewinne einstreichen und reich werden. Der Glauben an einen Tun-Ergehens-Zusammenhang wird immer mehr angefochten. In dieser Situation entsteht die jüngere Weisheitsliteratur, zu der das Buch Hiob und das Buch Kohelet (in der Lutherbibel: Prediger Salomo) zu rechnen sind. Das Buch Kohelet neigt zur Skepsis: der Mensch kann die Ordnungen dieser Welt letztlich nicht verstehen (Pred.8,16+17). Das Buch Hiob zieht die Folgerung: Der Mensch kann Gottes Handeln nicht verstehen (Hiob 40,3-5), aber Gott ist trotzdem gut und gerecht.
Die prophetische Tradition reagiert anders auf diese Erfahrung. Sie verlängert den Tun-Ergehens-Zusammenhang in die Zukunft: Wenn auch jetzt nicht gleich, so doch in der Zukunft werden Menschen Lohn und Strafe für ihr Verhalten erfahren. Und diese Zukunftserfahrung ist für alle möglich, weil die zukünftige Reaktion auf das jetzige Tun in einer neuen Zeit stattfinden wird, zu der auch die schon verstorbenen Zugang haben (vgl. Ez.37,1-14). Es entsteht jetzt im prophetischen Traditionsstrom die Erwartung und Hoffnung auf ein Ende der Zeit, das eine allgemeine Auferstehung der Toten bringt, an dem die Menschen gerichtet werden, und mit dem eine neue Welt anbricht, eine Welt des Friedens und des Glücks, die nicht mehr gekennzeichnet ist von den Mühen und Leiden der Gegenwart. Diese Hoffnung wird nun von verschiedenen Bearbeitern der älteren Prophetenbücher in Aufnahme älterer Heilserwartungen in diese Bücher hineingeschrieben, sie wird teilweise noch innergeschichtlich gedacht, richtet sich aber je länger, je mehr, auf eine Verwandlung der Welt, die die Geschichte sprengt und einen paradiesischen (Ur)Zustand herbei sehnt (z.B. Jes.65,1-25; Ez.34,23-31). Es entsteht die Vorstellung einer Endzeit, die der Geschichte, wie wir sie kennen, ein Ende bereitet. Diese Endzeit wird in der theologischen Sprache als Eschaton (=Griechisch: das Letzte; sprich „Es-chaton") bezeichnet, und die Lehre von der Endzeit ist die Eschatologie. Man kann darum von einer Eschatologisierung der prophetischen Zukunftserwartung sprechen. In diesem Zusammenhang wird auch das göttliche Gericht als etwas gedacht, das am Ende der Zeit und jenseits unserer gewohnten Geschichte stattfindet
Im Rahmen des Eschatologisierung der prophetischen Zukunftserwartung entsteht auch die Messiaserwartung: Die Wende von der gegenwärtigen Unheilsgeschichte zur zukünftigen Heilszeit wird der Messias vollbringen (z.B. Jes.9,1-6; Jes.11,1-13). Als später im Urchristentum Jesus als der Messias verstanden wird, ist es logische Folge, dass Jesus auch mit dem zukünftigen Gericht Gottes in Verbindung gebracht wird. Jesus ist der Richter, „der kommen wird zu richten die Lebenden und die Toten" (Apostolisches Glaubensbekenntnis), Gott überträgt diese Funktion auf den Messias.
Diese Tendenz wird in der so genannten Apokalyptik weitergeführt. Die Apokalyptik ist eine religiöse Bewegung, die sich etwa im 4. und 3. Jahrhundert vor Christus zu bilden beginnt und bis heute besteht. Die Apokalyptik ist in der Bibel am stärksten vertreten im alttestamentlichen Buch Daniel und im neutestamentlichen Buch der Offenbarung des Johannes. Aber auch in anderen biblischen Texten finden sich apokalyptische Züge (z.B. Mk.13; Mt.24+25; Lk.17,22-37; 21,5-36). Außerhalb der Bibel, vor allem in der jüdischen Literatur der drei Jahrhunderte vor der Zeitenwende und des 1 Jahrhunderts nach Christus, finden sich noch eine große Zahl apokalyptischer Schriften.
Die Apokalyptik erlebt die Gegenwart als eine Zeit des Unheils und der Bedrängnis. Eine erste Hochzeit erlebte die Apokalyptik im 2. Jahrhundert vor Christus, als zunehmend griechische Kultur nach Juda und Jerusalem drang und von den damals herrschenden Fremdmächten den Juden aufgedrängt wurde. Es gab Zeiten, in denen die Frommen, die an den jüdischen Speisegeboten und an der Beschneidung, am Bilderverbot und am Sabbatgebot festhielten, verfolgt wurden und das Festhalte am jüdischen Ritualen unter Todesstrafe verboten war. In dieser Zeit entstand das Danielbuch, das zum Durchhalten ermutigen will. Eine ähnliche Verfolgungszeit erlebte das Urchristentum im 1. Jahrhundert nach Christus in Teilen des römischen Reiches. In dieser Zeit entstand die Offenbarung des Johannes. Auch sie will zum Durchhalten ermutigen.
Für die Apokalyptiker ist die Gegenwart, die Unheil und Gefahr bringt, eine Zeit der Bewährung und der Prüfung. Aber es gibt Hoffnung. Denn die Leiden der Gegenwart sind nicht das Letzte, sondern Gottes großes Gericht, das allem Bösen und allem Unheil ein Ende setzen wird. Dann wird die jenseitige Heilszeit kommen. Bis zu diesem Tag des Gerichts, dem Tag des Herrn, werden aber noch eine ganze Reihe von Prüfungen zu bestehen sein. Und diese Prüfungen müssen sein, „das muss geschehen" (Mk.13,7; Mt.24,6). Denn Gott hat diese Zeit vor dem Ende vorherbestimmt. Dass es in der Gegenwart so viel Unheil und Leid gibt, ist also nicht ein Zeichen für Gottes Schwäche oder Gottes Abwesenheit oder gar Ungnade, sondern ist ein Schritt in Gottes großem Plan mit der Menschheit. Immer weiter entwickelt sich die Vorstellung, dass Gott einen großen, festgelegten Plan hat, nach dem die Geschichte abläuft. Leiden und Verfolgung müssen also sein, sie sind Teil des göttlichen Plans.
Dieser göttliche Plan wurde nun manchen Menschen enthüllt, geoffenbart - daher der Name Apokalyptik (Griechisch: apokalyptein = enthüllen, offenbaren). Johannes, der Seher und Autor des Offenbarungsbuches, sieht sich als ein Mensch, dem in einer Vision von Gott dieser großen Plan offenbart wird. Häufig schreiben dabei die Autoren apokalyptischer Schriften unter einem berühmten Namen. Daniel, der vorgebliche Verfasser des Danielbuches, lebte in der Zeit Nebukadnezars, also im 6. Jahrhundert vor Christus. Das Buch ist aber erst im 2. Jahrhundert vor Christus entstanden. Durch die Rückführung auf Daniel soll deutlich werden: Gottes Plan mit dieser Welt steht schon lange fest. Und erläuft so ab, wie Gott es festgelegt hat. Es gibt sogar mehrere apokalyptischer Bücher, die auf Henoch, zurückgeführt werden, von dem erzählt wurde, dass er noch vor der Sintflut lebte und nicht starb, sondern von Gott entrückt wurde (1.Mose 5,21-24).
In der apokalyptischen Literatur kommt es nun zu einem immer neuen Ausmalungen der Schreckenszeit vor dem Ende und auch des göttlichen Gerichts. Alte eschatologische Texte werden im Rahmen neuer Visionsschilderungen neu ausgemalt. Alte prophetische Weissagungen neu auf diese Endzeit bezogen. Die Apokalyptiker sehen sich dabei stets in der Zeit kurz vor dem Ende. manchmal kommt es auch zu Berechnungen, wann der jüngste Tag den eintreffen werde. Stets liegt in diesen Berechnungen der jüngste Tag in naher Zukunft - dies ist übrigens bei den modernen Apokalyptikern bis heute so.
Die Apokalyptik möchte nun einerseits Mut machen: Das Leiden wird bald ein Ende haben. Die Menschen, die treu am Glauben festhalten, werden bald von Gott belohnt werden. Und zugleich versucht man andere Menschen für diesen Glauben zu gewinnen. Die Apokalyptik droht dazu mit dem nahe bevorstehenden Gericht: Nur noch kurze Zeit bleibt, dann wird der jüngste Tag kommen. Jetzt ist die letzte Gelegenheit zur Umkehr, und nur, wer umgekehrt ist, wird den Tag des Gerichts heil überstehen und in das himmlische Reich eingehen. Die anderen werden Strafe oder Vernichtung erfahren.
Die Apokalyptik ist eine breite Strömung innerhalb des Judentums. Eine vielen zumindest dem Namen nach bekannte Gruppierung innerhalb der Apokalyptik sind die Essener, von denen wir vor allem durch die Schriftrollen wissen, die in Qumran gefunden wurden. Es gab aber noch eine ganze Reihe anderer Gruppen und Persönlichkeiten. Auch Johannes der Täufer ist ein Vertreter der Apokalyptik. Ganz typisch für das apokalyptische Denken ist die bei Matthäus überlieferte Zusammenfassung der Predigt des Johannes: Kehrt um! Denn das Himmelreich ist nahe." (...) Die Leute von Jerusalem und ganz Judäa und aus der ganzen Jordangegend zogen zu ihm hinaus; sie bekannten ihre Sünden und ließen sich im Jordan von ihm taufen. Als Johannes sah, dass viele Pharisäer und Sadduzäer zur Taufe kamen, sagte er zu ihnen: „Ihr Schlangenbrut, wer hat euch denn gelehrt, dass ihr dem kommenden Gericht entrinnen könnt? Bringt Frucht hervor, die eure Umkehr zeigt, und meint nicht, ihr könntet sagen: 'Wir haben ja Abraham zum Vater.' Denn ich sage euch: Gott kann aus diesen Steinen Kinder Abrahams machen. Schon ist die Axt an die Wurzel der Bäume gelegt; jeder Baum, der keine gute Frucht hervorbringt, wird umgehauen und ins Feuer geworfen." (Mt.3,1-10)
Jesus ließ sich von Johannes taufen. Es ist anzunehmen, dass Johannes eine Weile lang eine Art Lehrer für Jesus gewesen sein dürfte. Eine Reihe von Jesus-Jüngern waren zuvor Jünger des Johannes gewesen. Jesus selbst teilt auch einige Teile des apokalyptischen Gedankenguts. So erwartet er das Reich Gottes, die eschatologische Heilszeit, die auf das Endgericht folgen wird. Auch geht Jesus, und mit ihm dann das Urchristentum, selbstverständlich davon aus, dass ein Endgericht kommen wird. Für Jesus kommt das göttliche Gericht sehr plötzlich (Lk.17,26-34), aber für die meisten Menschen unerwartet (vgl. z.B. Mk.13,34-36; Mt.24,43+44). Er weigert sich jedoch die Zeitspanne bis zum Eintreten des Gerichts anzugeben. Doch das Gericht ist für alle Menschen - auch bedrohlich - nah (vgl. Lk.12,16-29). Dies alles bleibt noch ganz im apokalyptischen Rahmen.
Nun allerdings vollzieht Jesus mit Johannes und über Johannes hinaus eine radikale Wendung. Zunächst einmal teilt Jesus mit Johannes die Überzeugung, dass vor Gottes Gericht kein Mensch bestehen kann. Alle Menschen sind so sehr in Schuld und Sünde verstrickt, dass sie vor Gott nur Strafe und Zorn verdient haben. (vgl. z.B. Mk.10,18). Paulus übernimmt diese Überzeugung später und entfaltet sie mit einer Reihe von Zitaten aus dem Alten Testament (Röm.1,18-3,20). Die Menschen haben also in sich gar keine Möglichkeit, das drohende Gericht zu bestehen, denn alle sind vor Gott schuldig und Sünder.
Johannes zieht daraus den Schluss, zu einer radikalen Umkehr in letzter Minute aufzurufen. Jesus bringt von Gott her einen neuen Ansatz in die Welt, indem er verkündet: Gott hat sich zu einer neuen Initiative entschlossen. Die göttliche Kraft bricht jetzt schon in die Gegenwart herein, das Reich Gottes, die neue Welt ist jetzt schon ein Stück weit erfahrbar und hat so die Kraft, Menschen zu verändern. Zum Vertrauen auf diese schon jetzt wirkende, gnädige Kraft Gottes aufrufend, in seinen Worten und Taten diese Kraft vermittelnd, zieht Jesus durchs Land. Im Vertrauen auf diese Kraft, die stärker ist als der Tod, geht Jesus in den Tod. Gott hat einen Neuanfang gesetzt. Das Reich Gottes blitzt jetzt bereits auf. Gott schenkt es uns: Wir sind seine Kinder und er unser Vater, auch wenn wir durch unsere Taten den göttlichen Zorn verdient hätten. Wir müssen uns nur noch vertrauend auf diese Zusage einlassen. Auch Paulus nimmt diesen Gedanken auf: Mit seinen Worten sagt er: Gott hat uns, die wir ungerecht waren, zu Gerechten gemacht (vgl. z.B. Röm3,23+24). Damit ist, das Gericht sozusagen schon vorgezogen, und wer auf Gott vertraut, ist schon freigesprochen im Gericht.
Im Unterschied zur Apokalyptik ist die Gegenwart jetzt nicht nur eine Zeit der Prüfung und Bewährung durch alles Unheil und alles Leid hindurch, sondern die Gegenwart ist eine Zeit, in der Gottes Güte, Gottes Liebe und Kraft erfahrbar sind. Darum sagt Paulus, in Aufnahme einer prophetischen Zukunftshoffnung: „Jetzt ist sie da, die Zeit der Gnade, jetzt ist er da, der Tag der Rettung." (2.Kor.6,2b).
An der Vorstellung vom zukünftigen Gericht wird bei Jesus und Paulus festgehalten. Auch das Tun und Lassen der Menschen wird in diesem Gericht beurteilt - das Gericht nach den Werken findet sich auch bei Jesus und Paulus. Aber der Gedanke wird nun radikalisiert: Von sich aus hat kein Mensch die Möglichkeit, dieses Gericht zu bestehen. Alle Menschen, werden vor Gott mit leeren Händen stehen. Weil Gott aber der Gnädige ist, können Menschen auf Gottes Barmherzigkeit hoffen. Wer auf Gott vertraut, statt auf seine eigenen Werke, der wird Erbarmen erfahren. Die richterliche Strenge Gottes, die das Leben jedes Menschen nach seinen Werken beurteilt, und die Güte Gottes, die Gnade vor Recht gehen lässt, bleiben dabei als zwei Momente neben einander stehen. Der Spannung zwischen beidem löst sich auf, wenn man davon ausgeht: Das entscheidende Werk, das Gott von uns Menschen fordert, besteht im Vertrauen auf seine Güte. Aus diesem Vertrauen folgt aus ein Verhalten, das versucht zum Guten beizutragen. Ein solches Tun des Guten kann im Gericht durchaus positiv gewürdigt werden (vgl. z.B. 1.Kor.3,11-15). Aber niemand kann vor Gott in die Position kommen, sich auf seine guten Taten berufen zu können. Und auch wer nichts vorzuweisen hat, steht nicht ohne Hoffnung im Gericht, weil immer noch die Hoffnung auf Gottes barmherzige Güte bleibt. Weil Gott der Gnädige ist, gibt es darum auch im Gericht noch Hoffnung.
Auf dem Hintergrund der nun dargestellten Entwicklung des Gerichtsgedankens, lassen sich folgende biblischen Grundsätze zum Thema „Gott, der Richter" formulieren. Sie sind sozusagen auch biblische Leitlinien, von denen aus die einzelnen Texte gelesen und manche, besonders die stark bedrohlichen Gerichtstexte, auch korrigiert werden können.
Die Rede vom Gericht Gottes erinnert daran, dass Gott uns als
sein freies Gegenüber geschaffen hat (vgl. 1.Mose 1,27: Mensch als Ebenbild
Gottes). Gott hat uns Freiheit gegeben und damit auch Verantwortung. Er
hat uns Weisungen gegeben, die deutlich machen, was gut und böse, was
recht und falsch ist. Bei aller Freiheit, die er uns lässt, entlässt
er uns nicht aus diesem Gegenüber zu sich. Wir bleiben Gottes Geschöpfe.
Wir bleiben Menschen, die von ihm den Weg zum Guten gewiesen bekamen, auch
Menschen, die ohne Religion aufgewachsen sind, haben in sich einen Maßstab
für gut und böse (vgl. Röm.2,14+15). Gott fordert darum
im Gericht Rechenschaft von seinen Geschöpfen. Angesichts des kommenden
Gerichts ist darum ein verantwortungsloser und leichtfertiger Lebensstil,
bei dem die Folgen des eigenen Tuns nicht bedacht werden, unmöglich.
Die Erinnerung an das Gericht Gottes macht uns also unsere Verantwortung
bewusst.
Viel Unrecht, das Menschen anderen Menschen antun, bleibt in der menschlichen Geschichte ohne Folgen für die Täter. Die Opfer müssen erleben, dass ihr Leiden verdrängt und vergessen wird, dass diejenigen, die sie beraubt und misshandelt haben, die ihre Familienangehörigen und Freunde getötet haben, weiterleben, ohne zur Rechenschaft gezogen zu werden. Die Erwartung des kommenden Gerichts gibt den Opfern die Zuversicht: Kein Unrecht und keine Gewalttat wird auf ewig vergessen. Auch jene Täter, die sich aller Strafverfolgung entziehen konnten, werden zur Rechenschaft gezogen. Diese Zuversicht kann dazu helfen, auf Selbstjustiz und Rache zu verzichten (vgl. Röm.12,19: „Rächt euch nicht selber, liebe Brüder, sondern lasst Raum für den Zorn Gottes; denn in der Schrift steht: Mein ist die Rache, ich werde vergelten, spricht der Herr.").
Es geschieht viel soziales Engagement, das in unserer Gesellschaft nicht wahrgenommen und gewürdigt wird. Menschen opfern sich auf in der Pflege von behinderten, kranken oder pflegebedürftigen Angehörigen. Menschen leisten einen wertvollen Beitrag zur politischen Kultur, indem sie sich in Bürgerinitiativen und Parteien engagieren und dabei oft Missachtung oder gar Spott erfahren. Häufig werden ihnen zu Unrecht unredliche Absichten unterstellt. Die Erwartung eines kommenden Gerichts befreit davon, bereits jetzt vor aller Augen öffentlich die Anerkennung und Rechtfertigung erfahren zu müssen, die dem eigenen Engagement entspricht. Nicht Gutes, das getan ist, wird vergessen werden. Gott wird daran denken und dies würdigen (vgl. Matth.25,31-40).
Die Erwartung des kommenden Gerichts kann nicht als Drohung oder Verheißung verwendet werden, um Menschen zu gutem Handeln zu motivieren - das ist in Abgrenzung, auch gegen die biblische Apokalyptik festzuhalten. Im Gericht wird sich niemand vor Gott auf seine guten Taten berufen können. Wer aus Hoffnung auf Anerkennung im Gericht oder aus Angst vor Strafe versucht, ein gutes Leben zu führen, versucht sich selbst zu rechtfertigen, statt auf Gottes Erbarmen zu hoffen. Dank und Freude über Gottes Liebe muss die Motivation zum Tun des Guten sein, nicht Angst vor Gottes Strafe oder Hoffnung auf eine himmlische Belohnung.
Gottes Gericht ergeht am Ende der Zeit über uns. Gottes Gericht am Ende der Zeit kann niemand ausweichen. Es ist unbezweifelbar und offensichtlich da. Manchmal erfahren Menschen das Gericht Gottes aber bereits mitten im Leben. Apokalyptisches Denken neigt dazu, erfahrenes Unheil als Erfahrung des göttlichen Zorns zu verstehen. Geschichtliche Ereignisse sind aber immer mehrdeutig, es ist nicht immer klar, wie Gott mit geschichtlichen Ereignissen in Verbindung zu bringen ist. Eine leidvolle Situation kann von den Betroffenen als Gericht Gottes verstanden werden, das ihnen die verborgenen Ursachen des Leides in ihrer eigenen Schuld bewusst macht und ihnen so einen Weg zur Reue und Umkehr und so schließlich zur Heilung eröffnet. Die Situation ist aber nie so eindeutig, als dass nicht auch andere Interpretationsmöglichkeiten bestünden. Leid als Gericht Gottes zu verstehen ist legitim immer nur möglich, wenn Menschen dies als Gericht Gottes über sich selbst verstehen. Anderen Menschen gegenüber ihr Leid als Gericht Gottes zu interpretieren, kann zynisch sein. - Dies sei an einem Beispiel illustriert. Es gibt orthodoxe Juden, die sagen: Der Holocaust, den die Juden Shoa nennen, sei Gottes Strafe dafür, dass so viele Juden von der strengen Beachtung des Gesetzes abgewichen seien und sich an die Regeln der Gesellschaften, in denen sie lebten angepasst hätten. Für diese orthodoxen Juden ist der Rückblick in die Geschichte also eine Mahnung, der eigenen Religion in Zukunft treu zu bleiben. Wenn aber Christen, Nachkommen derer, die Juden verfolgt und getötet haben, dies sagen, dann ist wird dieselbe Aussage zu einer zynischen Deutung der Shoa und zu ihrer nachträglichen Rechtfertigung. Derselbe Gedanke von verschiedenen Menschen ausgesprochen, bedeutet jeweils etwas ganz anderes. Dies ist bei der Rede vom Gericht Gottes, das in der Geschichte erfahren wird, immer mit zu berücksichtigen!
Die Bibel betont, dass sich alle vor dem Gericht Gottes zu verantworten haben (Röm.14,11f), dass es kein Ansehen der Person geben wird (vgl. z.B. Röm.2,11; Kol3,25;1.Petr.1,17) und dass dabei niemand sein wird, der völlig schuldlos vor Gott steht (Röm.3,10-20). Die Erwartung des kommenden Gerichts erinnert uns so daran, dass wir Gott gegenüber alle in der Schuld stehen und damit niemand Grund hat, sich über andere Menschen, gerade auch jene die schuldig geworden sind, zu erheben. Diese Erwartung führt vielmehr in die Solidarität mit Menschen, die sich verfehlt haben. Eine Einteilung der Menschen in Gute und Böse, endgültig Erwählte und Verworfene verbietet sich darum.
Problematisch ist es auch, die apokalyptische Ausmalungen des Gerichts als Zukunftsankündigungen zu lesen, die Stück für Stück in Erfüllung gegangen sind bzw. in Erfüllung gehen werden. Die apokalyptische Vorstellung von Gottes Plan soll Menschen ermutigen durchzuhalten, sie darf aber nicht verselbständigt werden und Menschen dazu führen, mit dedektivischer Energie die Texte als Prophezeihung geschichtlicher Ereigniss unserer Zeit zu lesen, die Zukunft der Menschheit vorauszusagen und den Termin des Endes zu berechnen. Jesus wehrt sich gegen diese apokalyptische Zukunftsansage, bei ihm findet sich auch keine apokalyptische Ausmalung der Endereignisse, er spricht darüber vielmehr in Gleichnissen und Bildern. Er sagt einmal: Das Reich Gottes kommt nicht so, dass man sein Kommen berechnen könne (Lk.17,20 - diese Übersetzung dürfte den gängigen Übersetzungen vorzuziehen sein). Er weigert sich, einen Termin anzugeben (vgl. Mk.13,32; Mt.24,36).
Die Rede vom Gericht Gottes und der neuen Welt, die durch das Gericht ermöglicht wird, gibt eine Hoffnung über die Welt und unser Leben hinaus. Vieles ist in dieser Welt und in unserem persönlichen Leben festgefahren, es gibt Unheil, das nicht überwunden werden kann. Auf Gott, den Richter, zu hoffen, bedeutet daran festzuhalten, dass diese Welt und das Unheil in ihr nicht das Letzte ist, sondern dass es noch ein Leben gibt in Glück und Frieden, das vor uns liegt. Alles in dieser Welt, auch die größten Mächte und Gewalten, sind nur Vorläufig. Darum können Christen sagen: „Die Herren dieser Welt gehen, unser Herr aber kommt." und darum beten Christen auch „Maranatha - Komm, Herr" (Offb.22,20). Menschen gehen nicht auf den Tod zu, die Menschheit als ganzes geht nicht auf den Untergang zu, sondern auf das Reich Gottes, in dem Glück, Frieden und Güte herrschen. Nicht die Vergänglichkeit siegt, sondern die Ewigkeit. Diese Ewigkeit steht allen Menschen offen, die auf Gott vertrauen.
Das Gericht geschieht individuell, nicht kollektiv: „Jeder wird vor Gott für sich selbst Rechenschaft ablegen müssen" (Röm.14,12) Im Gericht Gottes wird unsere Schuld und unsere Verstrickung in Unheil aufgedeckt und bewusst gemacht (vgl. Matth.25,31-46). Im Gericht gibt es keine Verschleierung und kein Vertuschen mehr, auch nicht vor uns selbst. Dieser Prozess des Aufdeckens von Schuld ist sehr schmerzhaft - er geschieht „wie durch Feuer hindurch" (vgl. 1.Kor.3,11-15). Aber nur wo Schuld aufgedeckt ist, kann sie auch vergeben werden. Ohne den Weg durchs Gericht gibt es keinen Weg zur Versöhnung und zum Frieden. Das Gericht ist deshalb ein notwendiges Zurechtbringen der einzelnen Menschen wie auch der ganzen Schöpfung. Gottes Gericht hat darum - trotz seiner schmerzhaften Seite - eine heilvolle Absicht. Ziel ist nicht die Vergeltung und Rache, sondern das Zurechtbringen.
Wird das Gericht von dieser zurechtbringenden Funktion her gesehen, dann ist auch das letzte Gericht Gottes ein offener Prozess. Auch dieses Gericht zielt in seiner offenbarenden und überführenden Funktion auf Schuldeinsicht und Reue. Wo Scham und Reue herrschen, ist die Voraussetzung zur Umkehr und somit zur Heilung gegeben. So bleibt auch im letzten Gericht die Möglichkeit der Umkehr und die Hoffnung auf Gottes die Schuld vergebendes und von Verstrickung lösendes Erbarmen. Das letzte Gericht ist darum keine Endabrechnung, wo unsere guten und bösen Taten miteinander abgewogen werden und daraufhin das Urteil über uns gefällt wird. Für Gott sind Menschen auch noch im Gericht veränderbar. Auch im Gericht bleibt die Hoffnung auf einen gnädigen Gott. Denn Gott verspricht seine Gnade und Liebe, die stärker ist als das Böse und die Schuld. Aber dies ist keine Garantie. Der Ausgang des Gerichts bleibt offen.
Damit ist das Problem der Allversöhnung angesprochen. Doch ist es theologisch notwendig, dass diese Frage offen bleibt. Denn wenn die Allversöhnung sicher wäre, dann stünden die Menschen nicht mit leeren Händen vor ihm, sondern könnten sich auf die sicherer Allversöhnung berufen. Das Gericht wäre seines ernstes entledigt. Schließt man aber die Allversöhnung aus, setzt man auch Gottes Barmherzigkeit eine Grenze. Das kann nur Gott selbst tun. Darum bleibt uns nur, den Ausgang des Gerichts und die Frage der Allversöhnung offen zu lassen.
Immer wieder werden wir mit Berichten über Krieg, Terror und Gewalt konfrontiert. Unschuldige verlieren ihr Leben, werden schwer verletzt oder verstümmelt. In manchen Teilen der Welt leben viele Menschen in Elend und Not, während andere im Überfluss fast ertrinken. Gibt es da noch Gerechtigkeit in dieser Welt? Diese Frage mag uns auch kommen, wenn wir erleben, dass die großen Schurken oft straffrei ausgehen, die kleinen Gauner aber schwer bestraft werden. Und ist es gerecht, wenn ein Geschäftsmann das Bundesverdienstkreuz umgehängt bekommt, dafür, dass er sein Unternehmen aufbaut und noch damit gutes Geld verdient, dafür aber keiner ein Wort des Dankes sagt zu den Frauen, die über Monate und Jahre einen bettlägrigen Angehörigen pflegen und sich dabei bis an die Grenzen ihrer Kraft aufreiben. Gibt es noch Gerechtigkeit in dieser Welt?
Die Bibel antwortet darauf: In dieser Welt gibt es viel Ungerechtigkeit, aber der Tag der Gerechtigkeit kommt. Der Tag, an dem einmal alles in das rechte Licht gerückt wird. Der Tag des göttlichen Gerichts, der jüngste Tag. In der Bibel wird dieser jüngste Tag in einer ganzen Reihe von Texten angekündigt und ausgemalt. Einer der wichtigsten dieser Gerichtstexte findet sich im Matthäus-Evangelium im 25. Kapitel:
Wenn der Menschensohn in seiner Herrlichkeit kommt und alle Engel mit ihm, dann wird er sich auf den Thron seiner Herrlichkeit setzen. Und alle Völker werden vor ihm zusammengerufen werden, und er wird sie voneinander scheiden, wie der Hirt die Schafe von den Böcken scheidet.* Er wird die Schafe zu seiner Rechten versammeln, die Böcke aber zur Linken.
Dann wird der König denen auf der rechten Seite sagen: „Kommt her, die ihr von meinem Vater gesegnet seid, nehmt das Reich in Besitz, das seit der Erschaffung der Welt für euch bestimmt ist. Denn ich war hungrig, und ihr habt mir zu essen gegeben; ich war durstig, und ihr habt mir zu trinken gegeben; ich war fremd und obdachlos, und ihr habt mich aufgenommen; ich war nackt, und ihr habt mir Kleidung gegeben; ich war krank, und ihr habt mich besucht; ich war im Gefängnis, und ihr seid zu mir gekommen." Dann werden ihm die Gerechten antworten: „Herr, wann haben wir dich hungrig gesehen und dir zu essen gegeben, oder durstig und dir zu trinken gegeben? Und wann haben wir dich fremd und obdachlos gesehen und aufgenommen, oder nackt und dir Kleidung gegeben? Und wann haben wir dich krank oder im Gefängnis gesehen und sind zu dir gekommen?" Darauf wird der König ihnen antworten: „Amen, ich sage euch: Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan."
Dann wird er sich auch an die auf der linken Seite wenden und zu ihnen sagen: „Weg von mir, ihr Verfluchten, in das ewige Feuer, das für den Teufel und seine Engel bestimmt ist! Denn ich war hungrig, und ihr habt mir nichts zu essen gegeben; ich war durstig, und ihr habt mir nichts zu trinken gegeben; ich war fremd und obdachlos, und ihr habt mich nicht aufgenommen; ich war nackt, und ihr habt mir keine Kleidung gegeben; ich war krank und im Gefängnis, und ihr habt mich nicht besucht." Dann werden auch sie antworten: „Herr, wann haben wir dich hungrig oder durstig oder obdachlos oder nackt oder krank oder im Gefängnis gesehen und haben dir nicht geholfen?" Darauf wird er ihnen antworten: „Amen, ich sage euch: Was ihr für einen dieser Geringsten nicht getan habt, das habt ihr auch mir nicht getan." Und sie werden weggehen und die ewige Strafe erhalten, die Gerechten aber das ewige Leben. (Mt.25,31-46)
*Die Übersetzung «Schafe» und «Böcke» nimmt Rücksicht auf die sprichwörtliche deutsche Redeweise. Wahrscheinlichere Übersetzung: die Schafe von den Ziegen. In Palästina waren die Schafe weiß und die Ziegen schwarz. Die Trennung der Tiere erfolgt nach deren Farbe: Die schwarzen Ziegen kommen auf die Unheilsseite links, die weißen Schafe auf die Heilsseite rechts.
Diese Gerichtsschilderung setzt damit ein, dass der Menschensohn - dies ist ein Name, den Jesus sich selbst gegeben hat - als Richter zum jüngsten Gericht erscheint. Die Engel, der Thron - all das sind Momente, die in der apokalyptischen Tradition in der Schilderung des Gerichts, immer wieder begegnen. Sie sollen deutlich machen: Hier gibt es ein klares Oben und Unten. Oben, auf dem Thron, umgeben von den Engeln, sitzt Gottes Sohn, sitzt der göttliche Richter. Vor ihm müssen sogar Himmel und Erde vergehen (vgl. Offb.20,11). Unter ihm stehen alle Menschen. Alle! Da gibt es nicht welche, die höher stehen und andere die noch tiefer unten stehen. Da gibt es keine, die vor Gott besondere Rechte haben. Alle stehen sie gleich vor Gott. Und da gibt es kein Ansehen der Person (vgl. z.B. Röm.2,11; Kol3,25;1.Petr.1,17). Rang uns Namen, Abstammung und Herkunft, sozialer Status oder Nationalität, erstaunlicherweise auch die Religionszugehörigkeit spielen alles keine Rolle mehr. Vor diesem göttlichen Richter muss jeder für sich selbst Rechenschaft ablegen (Röm.14,12) und keiner kann sich davon stehlen. Das ist der erste Schritt zur Gerechtigkeit - vor Gott werden alle nach dem gleichen Maßstab beurteilt.
Nun kommt es zum zweiten Schritt: Bei den einen wird gewürdigt, was sie alles Gutes getan haben. Und dann kommt eine lange Aufzählung all der guten Taten: Ich war hungrig, und ihr habt mir zu essen gegeben; ich war durstig, und ihr habt mir zu trinken gegeben; ich war fremd und obdachlos, und ihr habt mich aufgenommen; ich war nackt, und ihr habt mir Kleidung gegeben; ich war krank, und ihr habt mich besucht; ich war im Gefängnis, und ihr seid zu mir gekommen. Diese Aufzählung ermüdet fast beim Hören oder Lesen - wir denken: Warum muss das alles so lange aufgezählt werden. Wir haben doch schon beim dritten Beispiel verstanden um was es geht: Aber diese lange Aufzählung will uns etwas deutlich machen: Bei Gott wird nichts vergessen. All die guten Taten, alle guten Worte und Gesten, alles, was wir an Gutem in diese Welt hinein tragen, wird bei Gott gewürdigt und nicht vergessen. Da ist einer der wahrnimmt, dass es Eltern gibt, die Nacht für Nacht aufstehen, wenn Kinder weinen oder Bauchweh haben oder krank sind. Da ist einer der wahrnimmt, wenn da ein Jugendlicher einem anderen beisteht und ihn in Schutz nimmt, wenn er von allen angemacht und beschimpft wird. Da ist einer, der die ganze Arbeit wahrnimmt, die Menschen in Vereinen und auch in der Kirche ehrenamtlich leisten, weil ihnen die Gemeinschaft und das gute Miteinander im Dorf wichtig sind. Das Gute, das getan wird, gerät bei Gott nicht in Vergessenheit. Das ist der zweite Schritt zur Gerechtigkeit.
Wenn wir diese lange Liste von guten Taten genauer anschauen, dann ist es erstaunlich, was in dieser Liste auftaucht, und was nicht. Es fehlen zum Beispiel eindeutig religiöse Taten. Der Besuch von Gottesdiensten, das Beten, das Lesen in der Bibel - all das, was wir mit Religion im engeren Sinne verbinden, kommt gar nicht vor. Auch das, was einer im Leben erreicht hat, Wohlstand und soziale Stellung, Reichtum und Erfolg, Familie und Ansehen, all das, was für uns oft so wichtige Lebensziele sind, spielt vor Gott keine Rolle. Es geht allein um eines: Alles, was ihr einem meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan. Was vor Gott zählt, sind die Taten, Worte und Gesten der Liebe. Alles vergeht, die Liebe aber bleibt. Das heißt nun nicht, dass alles andere unwichtig wäre. Und sicher ist damit auch nicht gemeint, dass Gottesdienst, Beten und Lesen in der Bibel für Christenmenschen ohnehin nebensächlich wären und dass es beim Christsein allein darauf ankomme, ein anständiger Mensch zu sein. Nein, denn ohne Glaube und Hoffnung gibt es auch keine Liebe. Menschen, die kein Vertrauen haben, dass die Kraft des Guten siegen wird, dass es Sinn macht, sich für das Gute einzusetzen, die werden auch nichts Gutes tun können, werden keine Ausdauer haben. Aber diese lange Aufzählung von guten Taten macht uns deutlich, was das Ziel unseres Betens, unserer Gottesdienste und auch unseres Bibellesens ist: In uns sollen Glauben, Vertrauen und Hoffnung immer tiefer eingewurzelt werden, so dass es für uns immer selbstverständlicher wird, auch jenen beizustehen, die schwach sind und Hilfe bedürfen, so dass wir immer freier werden von der Sorge um uns selbst und dafür die Menschen in den Blick nehmen können, die um uns herum leben und leiden. Bei Gott kommt es darauf an, wie wir uns gegenüber den Schwachen verhalten. Bei Gott kommt es darauf an, wie viel Liebe wir in diese Welt hineintragen. Das ist für ihn das entscheidende Kriterium. Und hier haben wir alle unsere Möglichkeiten, ob gebildet oder nicht, ob einflussreich oder nicht, ob erfolgreich und gesund oder nicht. Und das ist der dritte Schritt zur Gerechtigkeit.
Nun könnte man denken, diese biblische Gerichtsschilderung will uns sagen: Leute strengt euch an! Tut das Gute, helft den Schwachen, tragt Liebe in diese Welt, damit ihr vor Gott bestehen könnt. Denn wenn ihr nur an euch selbst denkt, dann werdet ihr dafür bestraft werden. Man könnte meinen, dieser Bibeltext mag uns drohen: Wenn ihr euch nicht an Gottes Weisungen haltet, dann werdet ihr in die Hölle kommen! Aber wenn man genau liest, dann ist das nicht so. Denn es ist ja schon erstaunlich, wie die erste Gruppe reagiert. Nachdem ihnen aufgezählt worden ist, was sie alles an Gutem getan haben, antworten sie: Herr, wann haben wir dich hungrig gesehen und dir zu essen gegeben, oder durstig und dir zu trinken gegeben? Und wann haben wir dich fremd und obdachlos gesehen und aufgenommen, oder nackt und dir Kleidung gegeben? Und wann haben wir dich krank oder im Gefängnis gesehen und sind zu dir gekommen? - Offensichtlich wissen die Menschen der ersten Gruppe gar nicht, was sie alles Gutes getan haben. Und das heißt: Sie haben das Gute nicht getan, um dann eines Tages einmal sagen zu können: „Schaut her, was ich alles gemacht habe. Bin ich nicht ein guter Mensch. Habe ich nicht verdient, dass man mich lobt und dass Gott mich in den Himmel lässt!" Die hier angesprochenen haben das Gute getan, weil es ihnen ganz selbstverständlich war. Und darum wissen sie es hinterher auch gar nicht mehr, ist es ihnen gar nicht mehr in besonderer Erinnerung. Das wirklich Gute wird dort getan, wo Menschen etwas selbstlos tun und nichts für sich selbst dabei etwas herausschlagen wollen. Das wirklich Gute geschieht nur dort, wo die linke Hand nicht weiß, was die rechte tut (vgl. Mt.6,3). - Aber wir sind meistens nicht so selbstlos. Wenn wir uns ehrlich selbst betrachten, dann spielt in unserem Tun schon oft die Frage, wie denken die anderen über mich, eine große Rolle. So wirklich gut, sind wir also ganz selten. Und wenn wir es sind, dann bemerken wir es gar nicht, weil wir gar nicht über uns selbst nachdenken und uns selbst beobachten. Das Gute tun wir, wenn wir ganz selbstvergessen sind. Darum können wir vor Gott eigentlich nur so dastehen, dass wir sagen: Gott, wo haben wir etwas Gutes getan? Wann haben wir dich hungrig gesehen und dir zu essen gegeben? Vor Gott können wir nur mit leeren Händen dastehen. Vor Gott haben wir nichts vorzuweisen. Vor Gott können wir uns nicht auf unsere guten Taten berufen. Das ist der vierte Schritt zur Gerechtigkeit. Zu Gottes Gerechtigkeit.
Und jetzt kommt in dieser Gerichtsschilderung ein Abschnitt, mit dem sicher viele ihre Mühe haben. Jetzt geht die Aufmerksamkeit zu jenen, die verflucht werden und in das ewige Feuer geschickt werden. Diese harte Scheidung zwischen Guten und Schlechten, zwischen Gerechten und Ungerechten macht uns Mühe. Wir erleben uns selbst und unsere Mitmenschen ja auch meist nicht als schwarz oder weiß, sondern vielmehr als Graue unter Grauen. Sicher manchmal heller oder dunkler, aber nur ganz selten als ganz schwarz oder ganz weiß. Aber hier wird eine klare Scheidung vorgenommen. Die einen zur Rechten, die anderen zur Linken. Ist Gott dann noch gerecht, wenn er die einen mit ewiger Verdammnis bestraft? Wo bleibt dann noch seine Gnade? Wo bleibt seine Barmherzigkeit? Wo ist der leibende Vater, der dem verlorenen Sohn um den Hals fällt? - Aber schauen wir erst einmal genau hin. Noch einmal - ein drittes Mal wird aufgezählt, was an guten Taten von den Menschen gefordert wird, was aber nun bei den Menschen der zweiten Gruppe nicht zu finden ist: Ich war hungrig, und ihr habt mir nichts zu essen gegeben; ich war durstig, und ihr habt mir nichts zu trinken gegeben; ich war fremd und obdachlos, und ihr habt mich nicht aufgenommen; ich war nackt, und ihr habt mir keine Kleidung gegeben; ich war krank und im Gefängnis, und ihr habt mich nicht besucht. Es ermüdet uns fast beim Zuhören - ja, denken wir, wir wissen es inzwischen. Und doch hat es seinen Sinn, dass diese Aufzählung zum dritten Mal kommt. Denn jetzt müsste es doch wirklich der Letzte kapiert haben, auf was es vor Gott ankommt. Und wie wir Menschen vor Gott stehen. Aber wie reagieren die Menschen der zweiten Gruppe? Sie fangen an, sich herauszureden. Sie beginnen sich zu rechtfertigen. Sie geben sich als die Ahnungslosen, die völlig unschuldig sind, weil sie ja nicht wussten, was sie hätten tun sollen. Und hier ist der entscheidende Punkt. Sie versuchen sich vor Gott auf ihre Unschuld zurückzuziehen - statt einfach - wie der Zöllner in der Beispielgeschichte vom Pharisäer und vom Zöllner - einzugestehen: Gott, sei mir Sünder gnädig (Lk.18,13). Würden sie so antworten, würde ihr Schicksal vielleicht anders ausgehen. Der Unterschied zwischen der ersten Gruppe und der zweiten Gruppe beträgt - aus menschlicher Perspektive gesehen - nicht, dass die einen Gutes getan haben und die anderen nicht. Sondern die ersten, die sehen sich vor Gott in der Situation, dass sie nichts vorzuweisen haben und darum wissen, dass sie nicht so sind, wie sie eigentlich sein sollen. Die zweiten dagegen stellen sich vor Gott hin und sagen: „Wir haben uns doch nichts vorzuwerfen. Gott, du bist ungerecht, wenn du uns bestrafst." Die zweite Gruppe versteht nicht, in welcher Situation wir Menschen grundsätzlich vor Gott stehen. Gerechtigkeit, das heißt bei Gott: Vor ihm stehen wir mit leeren Händen. Und wir können so auch vor Gott stehen. Denn wer sagen kann: Gott, sei mir gnädig, wer zu Gott kommt, wie der verlorene Sohn zu seinem Vater zurück kommt, der kann auf Gottes Barmherzigkeit hoffen. Gerechtigkeit heißt vor Gott: Am Ende geht immer noch Gnade vor Recht. Am Ende siegt die Barmherzigkeit.
Und wie ist es nun mit denen, die in die ewige Verdammnis gehen? Wir können nicht mit Sicherheit sagen: Gott wird sich ihrer doch noch erbarmen. Denn dann machen wir aus der Barmherzigkeit einen Rechtsanspruch. Dann muss niemand mehr lernen, vor Gott mit leeren Händen zu stehen. Aber können wir auch ausschließen, dass Gott auch an ihnen seine Barmherzigkeit erweist? Können wir für Gottes Liebe eine Grenze ziehen? Das kann nur Gott selbst. Wir müssen es ihm überlassen. Aber wir befehlen ihm auch diese zur Linken an und erinnern ihn an seine Zusage. Hat er uns doch gesagt: Ich will, dass alle Menschen gerettet werden (1.Tim.2,4). Das ist das Ziel der göttlichen Gerechtigkeit.