Text Referat im Rahmen des Seminars "Wo die Bibel Mühe macht..."
in Ichenheim, November 2003
(auf dem Seminar wurde nicht der ganze Text vorgetragen, Teile des Textes sind aus anderen Referaten entnommen)
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Jesus Christus gestorben für uns - was bedeutet das?

Jesus Christus ist "für uns" gestorben - so lautet die zentrale Aussage des Neuen Testaments zur Deutung des Todes Jesu. Die Frage, um die es hier geht, lautet also: Was haben wir vom Tod Jesu? In wiefern bewirkt der Tod Jesu für uns Gutes und Rettung? Die Frage, wie wir Menschen gerettet und befreit werden aus dem, was uns das Leben schwer macht, uns belastet und uns von Gott trennt, die Frage also, wie wir aus Sünde erlöst werden, nennt man in der theologischen Fachsprache die soteriologische Frage. (Soteriologie = Lehre von der Rettung). Es geht also im Folgenden um die soteriologische Deutung des Todes Jesu.

Im Neuen Testament wird meist Formelhaft von der Bedeutung des Todes Jesu gesprochen: Jesus ist für uns gestorben, hat uns gerecht gemacht durch sein Blut, hat uns versöhnt mit Gott (vgl. z.B. Röm.5,6+9+10). Meist werden diese Formeln nicht näher erläutert. Doch wo dies geschieht bzw. ein bestimmtes Verständnis dieser Formeln erkennbar wird, gibt es schon im Neuen Testament verschiedene Ansätze, diese Aussage zu verstehen. Im Laufe der Kirchengeschichte kamen noch weitere hinzu. Im Folgenden sollen verschiedene Möglichkeiten aufgezeigt werden, dieses „Gestorben für uns" zu interpretieren und so verständlich zu machen, dass dieser Satz für uns heute plausibel sein kann. Dabei werden die verschiedenen soteriologischen Deutungsvorschläge den drei christologischen Grundmodellen zugeordnet, die deutlich machen wollen, was Jesus uns überhaupt bedeutet.

  1. Der Tod Jesu als Zeugnis der Liebe Gottes zu uns

    Ein erstes christologisches Grundmodell sieht Jesus als den Boten Gottes, der gleichsam wie ein Prophet uns deutlich macht, wie Gott zu uns steht und was Gott von uns will. Auf dem Hintergrund dieses Grundverständnisses Jesu kann auch sein Sterben als „Sterben für uns" gedeutet werden.

    Spätestens in den letzten Tagen vor seinem Tod war Jesus klar geworden, dass seine sadduzäischen Gegner vorhatten, ihn umzubringen. Bei seinem letzten Abendessen mit seinen Jüngern, dem so genannten letzten Abendmahl, spricht er seine Erwartung zu sterben deutlich aus. Er sagt zu den Jüngern: „Wahrlich, ich sage euch: Ich werde vom Gewächs des Weinstocks nicht mehr trinken bis zu jenem Tage, wo ich es neu trinken werde im Reich Gottes" (Mk.14,25 / Mt.26,29 / Lk.22,18). Außerdem verleiht Jesus bei diesem Abendmahl Brot und Wein eine symbolische Bedeutung, die auf seinen bevorstehenden Tod hinweist. Jesus macht Brot und Wein zu Zeichen für seinen Leib und für sein Blut. So wie die Brotfladen beim Teilen zerbrochen werden, so wie der Wein ausgegossen wird, so wird sein Leib zerbrochen und sein Blut vergossen. Jesus hatte also die Erwartung, dass seine Gegner versuchen würden, ihn zu töten. Als ein wacher Zeitgenosse, musste er diese Erwartung auch haben. Vor ihm und nach ihm wurden im ersten Jahrhundert etliche religiöse Neuerer getötet und hingerichtet. Einer von diesen Getöteten, Johannes der Täufer, war wohl eine Zeit lang sogar der Lehrer Jesu gewesen.

    Jesus weiß um die Pläne seiner Gegner, aber er flieht nicht. Er verschwindet nicht aus Jerusalem, auch wenn er es könnte. Warum nicht? Seine Flucht wäre ein Zeichen, eine Botschaft mit einer Tat. Während seines ganzen öffentlichen Wirkens ist Jesus für die Botschaft eingetreten: „Die Gottesherrschaft ist nahe. Sie steht allen Menschen offen. Gottes Liebe und Treue ist größer als unsere Untreue und unsere Verfehlung." Hätte Jesus Jerusalem verlassen, hätte er sich abgewendet von diesem Zentrum des Judentums, um einer Hinrichtung zu entgehen, dann hätte er gesagt: „Gottes Liebe hat eine Grenze. Weil ihr mich missachtet, weil ihr meiner Botschaft nicht folgt, seid ihr ausgeschlossen aus Gottes Liebe, ist die Gottesherrschaft an euch vorbeigegangen." Wäre Jesus aus Jerusalem geflohen, dann hätte er sich von den Menschen dieser Stadt und damit auch von den Repräsentanten des Gottesvolkes abgewandt und hätte ihnen sagen müssen: „Gottes Liebe hat bei euch seine Grenze." Weil Jesus aber in seinem ganzen Wirken für die Grenzenlosigkeit der Liebe Gottes, die auch den Feinden Gottes gilt, eingetreten ist, deshalb blieb er in Jerusalem. Seine Bereitschaft, Verhaftung, Folter, Qualen und auch den Tod auf sich zu nehmen, zeigt so: Gottes Liebe erträgt auch, dass Menschen diese Liebe ablehnen, dass Menschen sich an Gott und ihren Mitmenschen vergehen. Jesu Bereitschaft in den Tod zu gehen ist somit ein Zeugnis für die Grenzenlosigkeit der Liebe Gottes. Jesus stirbt als ein Prophet, um seiner Botschaft treu zu bleiben und dieser Botschaft letzte Glaubwürdigkeit zu verleihen.

  2. Jesus nimmt als der Sohn Gottes unser Gottlosigkeit auf sich

    Ein zweites christologisches Grundmodell geht davon aus, dass in der Person Jesu Gott selbst in die Welt gekommen ist, sich mit uns Menschen verbunden hat und bis in die tiefsten Tiefen hinein Anteil genommen hat an unserem Leben. Auf dem Hintergund dieses Denkens haben sich verschiedene soteriologische Ansätze entwickelt.

    1. Die Deutung des Todes Jesu durch die Satisfaktionslehre

      Im Mittelalter entstand auf dem Hintergrund germanischer Rechtsbräuche die so genannte Satisfaktionslehre. Anselm von Canterbury (1033-1109) fasste die Satisfaktionslehre in seinem Buch „Cur deus homo" (=Warum Gott Mensch wurde) folgendermaßen:

      1. Alle Menschen sind Sünder, weil sie nicht das tun, was Gottes Gebote und Verbote verlangen. Weil sie aber als Menschen geschaffen wurden, um Gott durch die Beachtung seines Willens zu ehren, verweigern sie Gott etwas, das sie ihm schulden. Sünde heißt also, Gott etwas verweigern, was ihm eigentlich gehört, nämlich die Ehre.
      2. „Wer diese schuldige Ehre Gott nicht erweist, nimmt Gott, was ihm gebührt, und entehrt Gott; und das heißt 'sündigen'. (...) So muss also jeder, der sündigt, Gott die geraubte Ehre einlösen, und das ist die 'Genugtuung' (satisfactio), die jeder Sünder Gott leisten muss." Ließe Gott die Sünde ohne Genugtuung nach, so bliebe sie ungestraft und damit ungeordnet. Weil es sich aber nicht ziemt, dass im Reiche Gottes etwas ungeordnet bleibt und weil die Gerechtigkeit Gottes die Wiederherstellung seiner Ehre verlangt, muss Genugtuung geleistet werden.
      3. Der Mensch ist aber nicht fähig, Genugtuung zu leisten. Einerseits ist er voll ausgelastet mit dem tun dessen, was er ohnehin schuldig ist, zum anderen müsste die Genugtuung größer sein als alles, was nicht Gott ist, weil sie sich nach der Größe der Sünde richtet - die kleinste Sünde gegen Gott wiegt aber schon unendlich schwer.
      4. Letztlich kann nur Gott selbst diese Genugtuung leisten; es darf sie aber nur ein Mensch leisten. Soll die Menschheit nicht vernichtet werden, so muss zu ihrer Rettung Gott selbst Mensch werden. Die freiwillige und ungeschuldete Hingabe des unschuldigen Lebens Jesu Christi dient dann zur Genugtuung für das, „was für die Sünden der ganzen Welt geschuldet wird, und noch für unendlich mehr."

      (Darstellung von Anselms Satisfaktionslehre nach Heinrich Ott, Die Antwort des Glaubens, S.262f; dort auch Nachweis der Zitate).

      Die Satisfaktionslehre dient bis weit in die Neuzeit hinein zur theologischen Deutung des Todes Jesu und zur Interpretation der biblischen Rede vom Sühnetod Jesu. Die Satisfaktionslehre gibt auf die Frage „was nützt es uns, dass Jesus gestorben ist?" die Antwort: „Jesus leistet mit seinem freiwilligen Opfertod stellvertretende Genugtuung für unsere Schuld und versöhnt uns so mit Gott." Diese Vorstellung findet sich auch in einer Reihe von älteren Kirchenliedern.

      Der mittelalterliche Begriff der Genugtuung/Satisfaktion kommt dem modernen Begriff des Schadensersatzes nahe (vgl. z.B. die Prozesse um Schadensersatzforderungen in Millionenhöhe für ehrverletzende Presseveröffentlichungen). Dennoch erheben sich aus moderner Sicht Einwände gegen die Satisfaktionslehre: So ist zu fragen, ob für heutige Menschen stellvertretende Genugtuung plausibel ist. Außerdem ist das hinter der Satisfaktionslehre stehende Gottesbild problematisch: Was ist das für ein Gott, der Satisfaktion braucht? Kann Gott nicht einfach Sünden aus eigener Kraft vergeben. Und ist für die Vergebung die Buße des Sünders nicht viel wichtiger als eine in der Vergangenheit geschehene Satisfaktionsleistung?

      Festzuhalten bleibt, dass die Satisfaktionslehre keine biblische Vorstellung ist. Da die Satisfaktionslehre aber das soteriologische Denken seit dem Mittelalter massiv geprägt hat, neigen wir schnell dazu, die biblischen Deutungen des Todes Jesu durch die Brille der Satisfaktionslehre zu sehen. Gerade aber die biblische Vorstellung vom Sühnopfer ist durchaus noch einmal anders zu verstehen.

    2. Deutung des Todes Jesu als Sühneopfer

      Die Deutung des Todes Jesu als Sühnopfer (z.B. Röm3.,25) ist auf dem Hintergrund der alttestamentlichen Opfervorstellungen zu verstehen. Oft werden der antiken Opferkult, der in fast allen Religionen anzutreffen war, mit einem problematischen Gottesbild assoziiert und wir fragen uns: was ist das für ein grausamer Gott, der durch das Töten eines Tieres - oder gar durch die Kreuzigung seines Sohnes Jesus - gnädig gestimmt werden muss? Widerspricht das nicht dem Bild vom vergebenden und liebenden Vater, das Jesus verkündigte? Doch ein genauerer Blick auf den Opferkult zeigt, dass dieser auch anders zu verstehen ist und dass hinter ihm ein ganz anderes Gottesbild steht.

      Ein Sünd- oder Schuldopfer wurde notwendig, wenn sich jemand gegen Gottes Ordnung vergangen hatte und dann eine fast dinghaft gedachte Schuld im Raum stand. Diese Schuld musste beseitigt werden, da ansonsten von dieser Schuld weiteres Unheil ausging. Dazu wurde ein untadeliges Tier, ein Stier oder ein Ziegenbock zum Altar gebracht. Der Priester, der stellvertretend für die Menschen, die Schuld auf sich geladen hatten, das Opfer vollzog, legte ihm die Hände auf. Dann wurde das Tier geschlachtet, sein Blut - worin für die Juden der Sitz des Lebens ist - an den Altar gesprengt und rund um den Altar herum vergossen, das Tier verbrannt, so dass der Rauch zum Himmel aufstieg.

      Bei diesem Ritual ist zunächst die Handauflegung des Priesters auf das Opfertier von großer Bedeutung. Durch sie soll zum Ausdruck gebracht werden: Was mit dem Opfertier geschieht, müsste eigentlich mit den Menschen geschehen, für die das Opfer vollzogen wird. Sie müssten eigentlich sterben, weil sie mit ihren Vergehen vor Gott nicht bestehen können. Und zweitens ist dann bedeutsam, dass das Opfer im Alten Testament verstanden wird als eine von Gott extra geschaffene Möglichkeit, die Schuld eines Menschen auf das Opfertier abzuwälzen und sie so aus der Welt zu räumen. Gott fordert also nicht das Opfer, um dadurch seinen Zorn zu besänftigen, sondern er erlaubt den Menschen das Opfer, um deutlich zu machen: Wegen eurer Schuld müsstet ihr zwar sterben, aber ich vergebe euch und verlange nicht euren Tod. Ich erlaube euch durch die stellvertretende Tötung des Opfertieres die Schuld - die nur durch das Vergießen von Blut gesühnt werden kann - aus der Welt zu schaffen. Das Schuldopfer ist also schon im Alten Testament nicht ein Ritual, um Gott durch eine Gabe für sich zu gewinnen oder ihn zu besänftigen, sondern eine sehr eindrucksvolle Verdeutlichung für die beteiligten Menschen, die Schuld auf sich geladen haben. Es verdeutlicht, wie sie vor Gott stehen - nämlich dass sie eigentlich den Tod verdient haben; und es verdeutlicht, wie Gott zu ihnen steht - nämlich dass Gott den Menschen, die ihre Schuld bereuen, vergibt. Nicht Gott wird versöhnt durch das Opfer, sondern die schuldigen Menschen werden versöhnt. Nicht um Gott zu zeigen, dass sie Genugtuung leisten für ihre Schuld, sondern um ihnen zu zeigen, was sie eigentlich erleiden müssten, was Gott ihnen aber erspart, dafür wird das Opfer vollzogen.

      Durch die Interpretation des Todes Jesu als eines Sühnopfers, das für uns geschehen ist, wird die Bedeutung des Opfers auf die Spitze getrieben. Wenn die erste Bedeutung des Opfers lautet, was mit dem Opfertier geschieht, das müsste eigentlich mit den Menschen geschehen, die schuldig sind vor Gott, dann kommt es jetzt zu folgender Zuspitzung: Wenn nun aber schon Jesus, der Sohn Gottes, der Mensch, der ganz nach Gottes Willen lebte, sterben muss, wer könnte dann vor Gott bestehen! Die Antwort: niemand. Keiner kann vor Gott bestehen, alle haben wir soviel Schuld auf uns geladen, dass wir vor Gott den Tod verdient hätten. Der Tod Jesu lehrt uns also: Wir können mit unserem Leben, und sei es noch so gut und anständig, nicht vor Gott bestehen. Keiner kann es. Wenn sogar Jesus sterben mute, dann wir erst recht. Keiner ist davon ausgenommen. Hier gibt es keinen Unterschied. Wir stehen alle in Gottes Schuld. Im Bewusstsein dieser Schuld vor Gott sagt Paul Gerhard: "Nun, was du, Herr, erduldet, ist alles meine Last; ich hab es selbst verschuldet, was du getragen hast." (EG 85,4). Jesu Tod am Kreuz reißt alle unsere Selbstgerechtigkeit zu Boden.

      Und auch die zweite Bedeutung des Opfers wird in Jesu Tod überboten: Gott erlaubt es bei den früheren Opfern die Schuld auf das Tier abzuwälzen und vergibt uns so. Nun aber wird die Schuld nicht auf ein wehrloses Tier abgewälzt, sondern Gottes Sohn erleidet selbst den Tod. Damit wird viel tiefer deutlich: Gott erträgt es, dass wir schuldig sind vor ihm. Er erträgt es, dass wir Menschen seinen Sohn ans Kreuz geschlagen haben. Er erträgt es, ohne uns zu vernichten. Er trägt unsere Schuld selbst. So sehr liebt er uns. Nachdem Gott unsere Selbstgerechtigkeit zu Boden gerissen hat, richtet er uns nun wieder auf. Aber nun ist die Stütze unseres Lebens nicht mehr die Anständigkeit und das Ansehen, das wir vor anderen haben, sondern Gottes Liebe. Er hat uns auf neue Füße gestellt.

      Was haben wir also von Jesu Tod am Kreuz, wenn wir ihn als Opfer für unsere Schuld verstehen? Uns wird deutlich, wie wir alle - ohne Ausnahme - vor Gott stehen: dass wir nämlich den Tod verdient haben. Und uns wird deutlich gemacht, wie Gott zu uns allen steht: dass er unsere Schuld trägt und uns vergibt.

    3. Gott kann nicht mehr auf uns Menschen sehen, ohne Jesus Christus zu sehen

      Eine weitere Deutungsweise des Todes Jesu geht vom Gedanken der Identifikation aus, die Gott in Jesus Christus mit uns Menschen eingeht. Wenn Gott fortan auf uns Menschen sieht, muss er immer auch auf Jesus Christus sehen.

      Dies wird in zweierlei Weise ausgelegt: In Jesus identifiziert sich Gott mit uns Menschen, er nimmt Anteil an unserer Schwäche, Hinfälligkeit und auch Sündhaftigkeit. Und umgekehrt identifiziert uns Gott auf diese Weise mit Jesus Christus. Es kommt also zu einer Art Tausch: „Gott hat den, der von keiner Sünde wusste, für uns zur Sünde gemacht, damit wir in ihm die Gerechtigkeit würde, die vor Gott gilt." (2.Kor.5,21)

      Gott kann fortan nicht mehr auf uns blicken, ohne auch auf Jesus Christus zu blicken. Jesus Christus wird so zu einer Art Sphäre des neuen Lebens. Er hat Leid, Angst, Verzweiflung und Schmerzen Tod durchgestanden, ohne aus der Verbindung mit Gott herauszufallen. Gott hat ihn nicht dem Tod überlassen. Jesus Christus ist so der neue Mensch, der mit Gottes Wirklichkeit verträglich ist. Durch den Glauben an Jesus Christus, durch das Vertrauen auf seine Gegenwart gewinnen wir Verbindung mit ihm und werden so selbst hineingezogen in diese neue Existenzweise, in diese Sphäre des neuen Lebens.

  3. Jesu Auferstehung als Zeichen des Sieges über den Tod

    Die Jüngerinnen und Jünger erfuhren Jesus als den Auferstandenen. Sie kamen zum Glauben, dass Gott ihn aus dem Tode geholt habe, dass Jesus von Gott auferweckt worden sei. Damit war klar, dass Gott sich zu diesem Gekreuzigten bekannt hatte, dass er diese Botschaft von der Grenzenlosigkeit der Liebe Gottes bestätigt hatte.

    Zugleich wurde die Auferstehung zu einem Zeichen der Kraft Gottes. Der Tod, das Schlimmste, was Menschen passieren kann, der Urgrund aller Angst, wurde überwunden. Gott erwies sich als dem Tod überlegen. Damit war in aller Angst und gegen alle Angst eine Hoffnung begründet. Was auch passieren mag, Gottes Kraft ist stärker als das Schlimmste, das uns geschehen kann. Wir brauchen uns darum nicht zu fürchten. Alles, was uns Angst macht, alles, was uns Lebenskräfte nimmt und uns belastet, ist doch Gottes Macht unterlegen.

    So werden Tod und Auferstehung Jesu eine Botschaft, für alle, die an die Wahrheit der Auferstehung glauben: Es gibt nichts, was uns von Gottes Liebe und damit vom wahren Leben trennen kann (vgl. Röm.8,31-39). Gott ist stärker als der Tod. Damit ist aller Angst die Grundlage entzogen. Jesus geht für uns den Weg in den Tod, um diesen Sieg über den Tod für uns zu erringen (vgl. EG 113).

    „Jesus ist Sieger über Tod und Hölle", dies ist auf eine Formel gebracht die Deutung des Todes Jesu innerhalb eines christologischen Ansatzes vom königlichen Amt Jesu Christi.

  4. Beispiel: Lesung aus der Johannespassion, Geschichte und Predigt zum Karfreitag

    Lesung

    Sie nahmen ihn aber, und er trug sein Kreuz und ging hinaus zur Stätte, die da heißt Schädelstätte, auf hebräisch Golgatha. Dort kreuzigten sie ihn und mit ihm zwei andere zu beiden Seiten, Jesus aber in der Mitte.

    Pilatus aber schrieb eine Aufschrift und setzte sie auf das Kreuz; und es war geschrieben: Jesus von Nazareth, der König der Juden. Diese Aufschrift lasen viele Juden, denn die Stätte, wo Jesus gekreuzigt wurde, war nahe bei der Stadt. Und es war geschrieben in hebräischer, lateinischer und griechischer Sprache. Da sprachen die Hohenpriester der Juden zu Pilatus: Schreib nicht: Der König der Juden, sondern, dass er gesagt hat: Ich bin der König der Juden. Pilatus antwortete: Was ich geschrieben habe, das habe ich geschrieben.

    Als aber die Soldaten Jesus gekreuzigt hatten, nahmen sie seine Kleider und machten vier Teile, für jeden Soldaten einen Teil, dazu auch das Gewand. Das war aber ungenäht, von oben an gewebt in einem Stück. Da sprachen sie untereinander: Lasst uns das nicht zerteilen, sondern darum losen, wem es gehören soll. So sollte die Schrift erfüllt werden, die sagt: »Sie haben meine Kleider unter sich geteilt und haben über mein Gewand das Los geworfen.« Das taten die Soldaten.

    Es standen aber bei dem Kreuz Jesu seine Mutter und seiner Mutter Schwester, Maria, die Frau des Klopas, und Maria von Magdala. Als nun Jesus seine Mutter sah und bei ihr den Jünger, den er liebhatte, spricht er zu seiner Mutter: Frau, siehe, das ist dein Sohn! Danach spricht er zu dem Jünger: Siehe, das ist deine Mutter! Und von der Stunde an nahm sie der Jünger zu sich.

    Danach, als Jesus wusste, dass schon alles vollbracht war, spricht er, damit die Schrift erfüllt würde: Mich dürstet. Da stand ein Gefäß voll Essig. Sie aber füllten einen Schwamm mit Essig und steckten ihn auf ein Ysoprohr und hielten es ihm an den Mund. Als nun Jesus den Essig genommen hatte, sprach er: Es ist vollbracht! und neigte das Haupt und verschied.

    (Joh.19,16-30)

    Lied: EG 85,1-3+9 (O Haupt, voll Blut und Wunden)


    Geschichte

    Vor einigen Jahren gab es auf einem New Yorker Friedhof eine erstaunliche Beerdigung. Die Trauergäste kamen zusammen, um einen jungen Mann Anfang dreißig zu beerdigen. Das Erstaunliche war die Zusammensetzung der Trauergemeinde. Auf der einen Seite saßen Männer und Frauen in Kaschmir und edle Wollstoffe gekleidet. Feinste Anzüge und Kleider, beste Schuhe, zwar alles ganz schlicht und dem Anlass angemessen, aber dennoch sichtbar teuer und vornehm. Auf der anderen Seite saßen Männer und Frauen, denen anzusehen war, dass sie auf der Straße lebten. Unrasierte Gestalten, verfilzte Haare, schmutzige Gesichter und Hälse, mit Kleidungsstücken, die schon lange nicht mehr gewaschen worden waren. - Sie werden sich vielleicht fragen, wie es zu dieser Beerdigung gekommen war.

    Der Mann, der gestorben war, hieß Steven. Er hatte Soziologie studiert und wollte eine Doktor-Arbeit über Obdachlose schreiben, über Menschen also, die auf der Straße lebten. Steven selbst aber lebte in einem ganz anderen Milieu. Er kam aus einem wohlhabenden Elternhaus, aus der obersten amerikanischen Gesellschaftsklasse.

    Einmal hatte es eine Auseinandersetzung zwischen Steven und seinem Vater gegeben. "Warum machst du dir die Mühe, dich mit diesem asozialen Pack zu beschäftigen", hatte sein Vater gesagt. "Diese Penner auf der Straße - das ist doch menschlicher Müll. Ich weiß nicht, weshalb der Staat auch nur einen Penny für die ausgibt. Die sind doch so kaputt - die kommen nie mehr aus der Gosse heraus." Steven hatte seinem Vater widersprochen, hatte versucht Partei zu ergreifen für diese Menschen, vergeblich. Sein Vater war nicht umzustimmen.

    An diesem Abend beschloss er, selbst eine Weile auf der Straße zu leben, um einer von denen zu werden, über die er schreiben wollte. Er wollte selbst wissen, wie sich das anfühlte. Und er wollte versuchen, ob es nicht möglich sei, Menschen aus der Gosse herauszuholen. Seinen Eltern und Freunden sagte er, er wolle sechs Monate nach Europa reisen. Dann tauchte er ab.

    Als er ein Obdachloser wurde, hatte er nur ein paar alte Klamotten und eine Mottenzerfressene Decke mitgenommen, ein paar Dollars in der Tasche. Allerdings hatte er sich in sein Unterhemd zwei hundert-Dollar-Scheine eingenäht. Sie waren seine Sicherheit.

    Als erstes fiel ihm auf, wie die Leute wegguckten, wenn er ihnen auf der Straße entgegen kam. Das war er nicht gewohnt. Steven war ein attraktiver Bursche, bisher stets modisch angezogen. Die Frauen sahen ihn normalerweise an. Und auch die Männer. Aber jetzt wandte jeder den Blick von ihm ab.

    An einer Straßenecke traf Steven eine Gruppe von Obdachlosen. "Heh, hast du Kohle!" - riefen sie ihm gleich zu. Als er einen Fünf-Dollar-Schein aus der Tasche zog, grölten sie alle. Der Schein wurde beschlagnahmt, einer ging in den Kiosk an der Ecke und kam mit ein paar Bierdosen zurück. Fortan war er aufgenommen in der Gruppe. Dachte er zumindest.

    Am Abend ging er mit der Gruppe in eine der Straßen, in denen mehr Ruinen als bewohnbare Häuser anzutreffen sind. In einer solchen Ruine übernachtete die Gruppe. Als er am Morgen aufwachte, hatte er am Kopf eine Beule und höllische Schmerzen. Von den anderen aus der Gruppe war niemand mehr zu sehen. Er wollte in seine Hosentaschen fassen, aber seine Hose war weg. Auch sein Pullover war verschwunden. Seine Sachen waren offenbar zu gut gewesen. Zum Glück war ihm das eingenähte Geld im Unterhemd geblieben.

    Steven wollte aufstehen und sich zu einem Taxistand schleppen. "Nur nach Hause!", dachte er sich. Aber im Treppenhaus brach er zusammen und wurde bewusstlos. Als er wieder zu sich kam, beugte sich eine Frau über ihn, verfilzte Haare, dreckige Hände, sie roch nach Alkohol. Eine andere Gruppe von Obdachlosen hatte ihn entdeckt. Sie hatten erkannt, was mit ihm geschehen waren. Und sie hatten Mitleid mit ihm. Ehe Steven sich richtig von dem Schlag, den er offensichtlich abbekommen hatte, erholen konnte, hatten sie ihm schon eine Hose und einen Pullover organisiert. Beide ziemlich zerschunden und stinkend. Aber besser als nichts.

    Mit diesen Leute hatte Steven eine Gruppe gefunden, zu der er gehörte. Sie zeigten ihm, wie man sich etwas Geld verdiente, in dem man eine Parklücke, die irgendwo entstanden war besetzte und sie frei hielt, bis jemand dafür einen Dollar bezahlte. Sie zeigten ihm, wo man in den Supermärkten für wenig Geld die Lebensmittel bekam, deren Verfallsdatum schon abgelaufen war. Steven lernte schnell und war schon bald einer der ihren. Aber auch sie lernten von ihm. Am Abend, wenn die Gruppe in einer der Ruinenhäuser saß und aus ein paar Brettern ein Feuerchen gemacht hatte, um sich daran zu wärmen, erzählte Steven Geschichten. Geschichten von seinem Großvater, der Farmer gewesen war, Geschichten von seiner Großmutter, die eine große Familie durchbrachte. Manchmal erfand er auch einfach Geschichten. Und durch sein Erzählen brachte er auch die anderen dazu, zu erzählen. Er hörte von einem Vater, der immer betrunken war und Frau und Kinder schlug. Er hörte die Geschichte von einem tödlichen Unfall, den einer aus der Gruppe verschuldet hatte. Weil er nicht darüber hinweg gekommen war, hatte er den Job verloren und dann auch die Wohnung bis er sich schließlich auf der Straße wiederfand. Wenn Steven zuhörte, dann war das aber für die anderen anders als sonst. Sonst hatten sie immer ihre Traurigkeit und ihren Schmerz und ihre Wut im Alkohol ertränkt. Aber jetzt nicht. Da war einfach einer, der so zuhören konnte, dass sich etwas löste. Einer der aus einer anderen Welt kam. Mit der Zeit heilte einiges von dem, was sich in die Seelen dieser Menschen eingebrannt hatte.

    Es waren drei Monate vergangen. Steven war inzwischen in der Szene der Obdachlosen zu Hause. Er hatte dort seine Rolle gefunden. Die anderen halfen ihm, seinen Lebensunterhalt zusammenzukriegen. Denn er war nicht so raffiniert und kaltschneuzig wie sie. Und er erzählte ihnen seine Geschichten und hörte ihnen zu. In seiner sonderbaren Art war er anerkannt. Er hatte miterlebt, wie einer seiner neuen Bekannten gestorben war. Sie fanden ihn in einer Ruine in einer Blutlache liegen. Vielleicht waren er einer anderen Bande in die Quere gekommen. Es war Steven, der hinging und ihn im Arm hielt, als er seine letzten Atemzüge machte.

    Einer aus seiner Gruppe wollte den Absprung versuchen. Er wollte sich auf den Weg machen zurück zu seiner Familie. Aber er brauchte Geld für die weite Fahrt, für neue Klamotten, für ein Bad. Steven gab ihm die zweihundert Dollar. "Frage nicht, wo sie her sind. Nimm sie und geh zurück zu deinen Leuten. Ich wünsch dir, dass du dort willkommen bist." So schickte er seinen Freund weg.

    Dann kam der Tag, als die sechs Monate vorüber waren. Am folgenden Tag wollte Steven sein Experiment beenden. Es fiel ihm nicht leicht, einfach seine neuen Freunde wieder zu verlassen. Aber er konnte nicht einfach verschwinden, er musste sich erklären. "Kommt mit mir", sagte er. "Ich helfe euch, einen Neuanfang zu finden. Ich kann euch eine Weile mit Geld unterstützen." - "Lass gut sein", sagten seine Freunde, enttäuscht darüber, dass er nicht wirklich einer der ihren war - die ganze Zeit hatten sie schon so etwas geahnt. Enttäuscht darüber, dass sie sich in ihm getäuscht hatten. „Deine Welt ist nicht unsre Welt. Wir kommen nicht zurecht in dieser Welt. Das Leben auf der Straße - das ist alles, was wir schaffen." - „Aber, in euch steckt mehr drin! Ihr könntet ein anderes Leben führen. Ihr schafft das, ganz bestimmt!" Steven versuchte die anderen zu überzeugen. „Geh du morgen zurück nach Hause. Was sind wir schon wert!" An diesem Abend wurde seit langem wieder einmal der Frust im Alkohol ersäuft.

    Mitten in der Nacht wurde Steven durch ein Geräusch geweckt. Als er wach wurde, sah er, dass die Ruine, in der sie ihr Nachtlager gefunden hatten, brannte. Steven sprang auf. Er weckte die anderen: "Raus mit euch, raus!" Doch sie waren noch zu benebelt vom Alkohol, um wirklich zu begreifen, was geschah. Und sie kamen nicht wirklich auf die Beine. Steven nahm einen seiner Freunde und schleppte ihn ins Freie. Draußen regnete es, und der kalte Regen brachte die Nüchternheit. Aber diejenigen, die drinnen zurückgeblieben waren, schafften es nicht. Inzwischen war in dem Gebäude auch beißender Rauch. Dreimal noch lief Steven in das Gebäude zurück und holte seine Freunde heraus. Als er hinein gegangen war, um den letzten zu holen, stürzte das Haus ein und begrub die beiden unter sich. Als die Feuerwehr kam, konnte sie nur noch zwei verkohlte Leichen bergen.

    Einige Tage später kam es zu jener Beerdigung. Während der Trauerfeier wurden unsichere Blicke zwischen den beiden Seiten ausgetauscht. Und am Ende, als die Trauergemeinde zum Grab zog, gab es eine peinliche Situation, weil die beiden Gruppen sich beim Weg durch die Tür hinaus vermischen mussten. Und der Geruch ungewaschener Leiber vermischte sich mit dem Geruch edler Parfüms und Rasierwasser.

    Als die Beisetzung fertig war, ging einer von Stevens neuen Freunden zu seinen Eltern. "Steven hat mir das Leben gerettet. Er ist gestorben, weil er uns aus dem brennenden Haus herausgeholt hat. Das werden wir ihm nie vergessen. Er war einer von uns." Und dann fuhr er fort: "Wissen sie, am Abend bevor er starb, wollte Steven mich davon überzeugen, dass mein Leben wertvoll sei, dass es mehr wert sei, als dieses Leben auf der Straße. Er sagte mir, dass es Hoffnung gebe auf ein anderes Leben. Ich habe es ihm nicht geglaubt. Aber in dieser Nacht ist Steven für diese Wahrheit in den Tod gegangen. Ich weiß noch nicht wie, aber ich werde diese Hoffnung nicht verraten."

    Und dann kam es zu jenem denkwürdigen Augenblick, in dem Stevens Vater, gekleidet in edelste Stoffe, einigen aus der Gruppe der Obdachlosen erst die Hand schüttelte und sie dann umarmte. Fortan hörte man von ihm kein Wort der Verachtung mehr über jene Menschen auf der Straße. Denn sein Sohn war als einer der ihren gestorben.

    Lied: EG 81,1+2 (Herzliebster Jesu, was hast du verbrochen)

    Predigt

    Liebe Gemeinde, die Geschichte, die ich eben erzählt habe, soll uns helfen, die Bedeutung der johanneischen Darstellung der Passion Jesu zu verstehen. Ich möchte sie wie ein Gleichnis verstehen, das uns helfen kann zu verstehen, wie Johannes Jesus gesehen hat.

    Johannes würde über Jesus sagen: Er kam von Gott, er war Gott selbst und er wurde einer von uns. Genauso wie Steven in der zweiten Geschichte einer war, der aus der Oberschicht kam und dann einer der Obdachlosen wurde. Jesus kam von Gott, in Jesus war Gott selbst in dieser Welt - Johannes beginnt sein Evangelium mit diesem Glaubenssatz und bringt ihn auch in der Passionsgeschichte zum Ausdruck. Breit erzählt er von dem Schild, das Pilatus, der römische Statthalter, anfertigen lässt: Jesus von Nazareth, der König der Juden. Die Anfangsbuchstaben dieser Worte, wenn sie auf Lateinisch geschrieben werden, ergeben jenes INRI, das auf vielen Kreuzigungsdarstellungen zu finden ist. Pilatus lässt diesen Schild aus Verachtung für die Juden anfertigen. Es sagt: Da seht ihr, was mit einem König der Juden geschieht. Wir Römer kreuzigen ihn - denn wir sind mächtiger. Die Hohenpriester verstehen diese Schmähung und wollen darum, dass Pilatus das Schild ändert. Er soll schreiben, Jesus habe behauptet, der König der Juden zu sein. In seiner Verachtung bleibt aber Pilatus bei dem, was er geschrieben hat. Und legt damit ungewollt ein Zeugnis für Jesus ab. Er ist der König der Juden und damit auch der König der Welt. Er kommt von Gott - auch wenn Pilatus das nicht zu begreifen vermag.

    Dieser göttliche Ursprung Jesu spiegelt sich auch noch einmal in der Szene, als der sterbende Jesus seine Mutter und den Jünger, von dem es im Johannes-Evangelium heißt, dass er ihn besonders liebte, einander anvertraut. Fast übermenschlich sorgt sich der sterbende Jesus um die Menschen, die ihm anvertraut sind.

    Aber dann wird der zweite Aspekt gezeichnet. Jesus wurde einer von uns. Zweimal heißt es, dass auf diese Weise die Schrift erfüllt werden sollte, dass also Dinge geschehen seien, die im Alten Testament überliefert worden waren und von denen angenommen wurde, dass sie sich in der Zeit des Messias wiederholen würden. Aber es geht dabei um ganz bestimmte Dinge. „Sie haben meine Kleider unter sich geteilt und über mein Gewand das Los geworfen." und „Mich dürstet" sind diese beiden Schrifterfüllungen. Beides Zitate aus Klagepsalmen, aus Gebeten also, in denen ein Mensch Gott sein Leid und seine Verzweiflung klagt. Jesus wird einer von uns, indem er Anteil gewinnt an dem Leiden und der Not, die das Leben der Menschen auch kennzeichnet. Jesus wird einer von uns, nicht nur im Edlen und in Hoheit, sondern gerade auch im Elenden und in der Niedrigkeit.

    Das Johannes-Evangelium sieht zwischen Gott und uns Menschen eine große Kluft - gerade so wie in der Geschichte von Steven eine Kluft zwischen Reichen und Obdachlosen besteht. In der Geschichte wird die Kluft dadurch überwunden, dass Steven sich aus der Oberklasse auf den Weg zu den Obdachlosen macht und einer von ihnen wird. Er gibt ihnen Würde zurück. In allem Versagen ist ihr Leben dennoch nicht sinnlos. Aber es braucht den Einsatz seines Lebens, damit seine Freunde ihm seine Botschaft glauben können. Erst durch seine Bereitschaft, in den Tod zu gehen, werden seine Worte glaubwürdig. Entsprechend können wir über Jesus sagen: In Jesus macht sich Gott auf den weg zu uns Menschen, er überwindet die Kluft und steht mit seinem Leben dafür ein, dass wir Menschen von Gott geliebt sind, dass unser Leben darum Würde und Sinn hat - wie schwer es auch sein mag. Und um uns zu zeigen, wie ernst es ihm mit dieser Botschaft ist, ist Jesus bereit, in den Tod zu gehen. In Jesus sagt Gott also zu uns: Ich teile euer Leben - bis in den Tod. Ich lasse euch nicht im Stich. Auf diese Weise wird Gott einer von uns und verbindet sich mit uns. Die Kluft zwischen Gott und uns Menschen wird überwunden.

    Aber mehr noch: In der Geschichte von Steven gibt es ja auch noch den Vater, der zunächst ein sehr hartes Urteil über Obdachlose fällt. Dieser Vater kann im übertragenen Sinn stehen für den Anteil Gottes, der zornig ist über uns Menschen. Gott ist ja nicht nur der liebende Vater, sondern er ist auch der enttäuschte Schöpfer, der mit ansehen muss, dass wir Menschen nicht so leben, wie er es gerne hätte und wie es eigentlich uns selbst auch gut tun würde. In Gott gibt es darum auch den Zorn über die Gottlosigkeit, das Gericht, die Verdammnis. Aber auch das wird gewendet. So wie Stevens Vater am Ende seine Verachtung der Obdachlosen aufgeben muss, weil sein eigener Sohn einer von ihnen geworden ist und für sie in den Tod gegangen ist, so muss auch der zornige Gott am Ende seinen Zorn über uns Menschen fahren lassen, weil sein eigener Sohn ja einer von uns geworden ist. Wenn Gott fortan auf uns Menschen schaut, kann er nicht mehr davon absehen, dass sein Sohn einer von uns war. Wenn Gott auf uns schaut, muss er immer auch auf Jesus Christus schauen. Darum kann der Zorn und die Enttäuschung über uns Menschen nicht mehr so bleiben wie sie ist. Wie sich Stevens Vater verändert hat durch den Tod seines Sohnes, so verändert sich auch Gott durch den Tod Jesu Christi.

    Die Geschichte, die ich Ihnen erzählt habe, habe ich mir selbst ausgedacht. Sie sollte eine Hilfe zum Verstehen der biblischen Geschichte sein. Die biblische Geschichte dagegen ist nicht erfunden. Der Evangelist Johannes hat sie als lebendige Erinnerung an das Sterben Jesu vorgefunden und so ausgemalt, dass uns deutlicher wird, wie er den Tod Jesu versteht, wie wir den Tod Jesu verstehen sollen: Nach Johannes hat Jesus Gott und uns Menschen miteinander versöhnt. Jesus hat die Kluft überwunden, hat uns Menschen Gottes Nähe gebracht und in Gott den Zorn durch die Liebe und die Vergebung besiegt. Der Tod Jesu ist uns darum ein Zeichen der Liebe Gottes. Denn Jesus ist in seinem Tod zum Bürgen geworden dafür, dass wir von Gott geachtet und geliebt sind, dass Gottes Liebe größer ist als sein Zorn. Das uns Menschen klar zu machen war der Auftrag Jesu. Und das hat Jesus vollbracht. Und darum stirbt er im Johannes-Evangelium auch mit den Worten: „Es ist vollbracht". Der Auftrag ist erfüllt.

    Lied: EG 81,4+5 (Herzliebster Jesu, was hast du verbrochen)


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