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Schöpfung oder Evolution ?
Zur Auslegung der biblischen Schöpfungsgeschichten
Die Frage nach Schöpfung oder Evolution klingt zunächst nach der Frage: wie ist die Welt entstanden? Hat Gott sie erschaffen oder ging sie aus einem Prozess hervor, wie ihn die Evolutionstheorie beschreibt? Aber hinter dieser Frage nach Schöpfung oder Evolution steckt eine viel tiefere Problematik, die sich an der Alternative Schöpfung oder Evolution nur entzündet. Denn die Debatte wird eigentlich um die Frage geführt: wie ist die Bibel auszulegen? Gilt das Wort der Bibel, das von der Erschaffung der Welt in sechs bzw. sieben Tagen erzählt, wie die so genannten Kreationisten behaupten? Oder kann man als Christ die Evolutionslehre für richtig halten und dennoch die Bibel als Grundlage des Glaubens achten? Wie kann dann aber die Bibel noch Wort Gottes sein, wenn sie in der Frage der Entstehung der Welt falsch ist?
Weil es bei der Frage nach Schöpfung oder Evolution also um die grundsätzliche Frage nach der Auslegung der Bibel geht, möchte ich heute Abend darauf das Schwergewicht legen. Ich möchte mit ihnen über die Auslegung der Bibel nachdenken und diese grundsätzlichen Überlegungen dann immer wieder auf die Auslegung der beiden ersten Kapitel der Bibel anwenden.
Aus dieser Vorstellung folgt, dass die Bibel - mehr oder weniger - wörtlich von Gott diktiert ist und damit auch Wort für Wort für uns heute Wahrheit ist. Damit sind die biblischen Bücher auch grundsätzlich anders als andere Bücher. Sie sind heilige Schriften, ihre besondere Heiligkeit verdankt sich ihrem Ursprung. Angewandt auf die Schöpfungsgeschichten bedeutet dies: Die Schöpfungsgeschichten sind dann als Bericht von der Entstehung der Welt zu verstehen, der sich einer göttlichen Offenbarung verdankt. Dies ist - kurz gefasst - die Lehre der so genannten Kreationisten, die vor allem in USA eine Reihe von Anhängern findet und in manchen Bundesstaaten neben der Evolutionslehre in den Schulen gelehrt wird.
Ich möchte dieses Verständnis der Bibel kritisieren, möchte aber zunächst positiv das Anliegen dieses Auslegungsansatzes herausheben. Wer die Bibel so versteht, versucht sie als Wort Gottes festzuhalten, das uns klare Orientierung gibt und an dem wir uns darum ausrichten können. Bei aller Kritik an der Verbalinspirationslehre geht es auch mir darum, die Bibel als Wort Gottes festzuhalten.
Was sind nun die Probleme der Verbalinspirationslehre? Es sind neben anderen vor allem zwei: Zunächst kann die Lehre von der Verbalinspiration nicht erklären, wie es zu den Widersprüchen kommt, die in der Bibel zwischen verschiedenen Texten zu finden sind. Und diese innerbiblischen Widersprüche sind zahlreich. Sie finden sich schon in den ersten zwei Kapiteln der Bibel. Während das erste Kapitel der Bibel davon erzählt, dass Gott zuerst die Erde, dann Pflanzen und Tiere und zuletzt den Menschen als Mann und Frau schuf, beginnt das zweite Kapitel der Bibel, noch einmal von der Erschaffung der Welt zu erzählen, jetzt aber in anderer Reihenfolge. Da ist die Existenz der Erde vorausgesetzt, dann schafft Gott den Menschen, pflanzt aber erst danach einen Garten und erschafft dann die Tiere. Zuletzt wird aus dem einen Menschen Mann und Frau erschaffen. Die Reihenfolge der Schöpfungswerke ist also verschieden. Ein zweites Beispiel für einen schwer aufzulösenden innerbiblischen Widerspruch findet sich in den Evangelien. Die ersten drei Evangelien berichten übereinstimmend, dass Jesus am Tag nach dem Passamahl, das Jesus mit seinen Jüngern als letztes Abendmahl feierte, gekreuzigt worden ist - das wäre nach jüdischem Kalender der 15. Nissan. Das Johannesevangelium datiert die Kreuzigung Jesu aber auf den Tag, an dem das Passamahl gegessen wird (vgl. Joh.18,28; 19,31) - nach jüdischem Kalender der 14. Nissan. Diese beiden Beispiele für innerbiblische Widersprüche mögen genügen, es gibt noch viele mehr davon.
Das zweite Problem der Verbalinspirationslehre besteht darin, dass manche biblischen Aussagen in Konflikt geraten mit dem modernen Weltbild und mit gegenwärtigen wissenschaftlichen Erkenntnissen. So heißt es zum Beispiel in der ersten Schöpfungserzählung (1. Mose 1,6): "Dann sprach Gott: Ein Gewölbe entstehe mitten im Wasser und scheide Wasser von Wasser." - Die Lutherübersetzung spricht von einer "Feste zwischen den Wassern". Die lateinische Bibelausgabe verwendet den Begriff "Firmament". In diesem Vers spiegelt sich das altorientalische Weltbild, wie wir es auch in babylonischen Texten finden, nachdem die Erde eine auf Säulen schwimmende Scheibe ist, die von einer Kuppel überspannt ist - eben dem Firmament. Dass die Erde eine Kugel ist und über uns die Weite des Weltalls, wird inzwischen niemand mehr bezweifeln. Die Bibel gerät also in Widerspruch zum neuzeitlichen Weltbild. Ein weiterer solcher Widerspruch findet sich bei der Aussage von der Erschaffung der Welt in sechs Tagen. Kaum ein Physiker, Chemiker oder Biologe würde heute noch die These vertreten, dass die Welt und das Leben in sechs Tagen entstanden sind. An der wörtlichen Wahrheit der Bibel im Sinne der Verbalinspiration festzuhalten bringt also in massive Spannungen mit naturwissenschaftlichen Erkenntnissen der Gegenwart. Es führt schon zu einem schweren inneren Widerspruch, wenn man einerseits die Wahrheit der Naturwissenschaften anerkennt und ganz selbstverständlich ihre Früchte nutzt, von modernen Medikamenten bis zum Computer, andererseits aber bei den Themen, die die Bibel behandelt, plötzlich die Naturwissenschaft als nicht gültig ansehen will. Und es hilft hier nicht die grundsätzlich richtige Einsicht, dass auch naturwissenschaftliche Theorien zur Entstehung der Welt und des Lebens wie die Urknalltheorie oder die Evolutionstheorie nur Theorien und keine bewiesenen Wahrheiten sind. Selbst wenn sich diese Theorien in der weiteren Forschung noch verändern werden oder vielleicht sogar durch ganz andere abgelöst werden. Es ist nicht zu erwarten, dass die Naturwissenschaft auf einmal die Richtigkeit der biblischen Schöpfungserzählungen erweist. Denn Naturwissenschaften versuchen die Welt grundsätzlich ohne Gott zu erklären.
Die Verbalinspirationslehre bringt also eine Reihe von Problemen mit sich, die sie ungeeignet macht als Zugang zur Bibel als Wort Gottes für gegenwärtige Menschen.
Die biblischen Bücher gewinnen ihre Besonderheit und Heiligkeit erst durch die Erfahrungen, die die Menschen im Laufe der Kirchengeschichte mit den Büchern der Bibel immer wieder gemacht haben. Denn offenbar begegnet uns in diesen biblischen Büchern eine Wahrheit und Kraft, die dafür sorgt, dass in der Beschäftigung mit dieser Literatur Gott wieder neu zu uns spricht, dass wir also neue Erfahrungen mit Gott machen und eigene Einsichten über Gott, uns selbst und die Welt gewinnen, und auf diese Art und Weise die Bibel immer wieder neu Wort Gottes wird. Die Bibel ist also nicht statisch Wort Gottes, sondern sie ist eine Sammlung von Büchern, durch die Gott uns immer wieder neu begegnet. Das Wort Gottes ist also nicht ein für allemal in bestimmten Buchstaben und Sätzen festgehalten, sondern es ereignet sich immer wieder neu durch die Begegnung mit biblischen Texten. Paulus sagt einmal: Der Buchstabe tötet, der Geist aber macht lebendig (2.Kor.3,6). Die Buchstaben der Bibel sind an sich tote Worte, wenn aber der Geist Gottes durch sie an uns wirkt, dann werden sie lebendige Worte Gottes.
Die historisch-kritische Betrachtung der Bibel geht darum in zwei Schritten vor. Sie betrachtet zunächst die biblischen Texte in ihrer geschichtlichen Entstehungssituation und versucht sie auf diesem Hintergrund zu verstehen. Das ist der historische Schritt. Und weil die Buchstaben und Worte der Bibel an sich nicht heilig sind, dürfen sie auch ganz nüchtern betrachtet und analysiert werden. Die historische Analyse der Bibel verwendet darum ganz selbstverständlich alle wissenschaftlichen Einsichten, die zur Interpretation einer antiken Schrift hilfreich sind. Der zweite Schritt ist der kritische Schritt. Er fragt nach der Bedeutung dieser Texte für heute und ihrer Wahrheit für uns. Dabei kann es geschehen, dass unser heutiges Denken kritisch hinterfragt wird, genauso wie es im Einzelfall geschehen kann, dass wir einzelne biblische Aussagen kritisch hinterfragen müssen. Bei diesem Schritt geht es darum, dass die Bibel mit uns heute ins Gespräch kommt und so ihre Wahrheit und Kraft neu erweist, dass sie uns also neu als Wort Gottes anspricht. Kritisch heißt also nicht, dass wir uns zu Lehrmeistern über die Bibel erheben, sondern gerade anders herum: dass wir uns von der Bibel in Frage stellen und ansprechen lassen. Dass wir aber auch unsere Rückfragen an die Bibel stellen.
[Dies sind nur einige Vorbemerkungen zur historisch-kritischen Auslegung der Bibel, die vielleicht erst im Folgenden verständlich werden. Dennoch Gelegenheit zu Rückfragen und zum Gespräch]
Eine andere Gottesbezeichnung findet sich dagegen in der ersten Schöpfungsgeschichte. Sie redet durchgehend von Gott - Elohim im Hebräischen. Wenn Gott nur noch - wie auch bei uns üblich - mit dem Gattungsbegriff "Gott" bezeichnet werden kann, dann ist vorausgesetzt, dass es nur einen Gott gibt. Da der Monotheismus in der Form, dass man nur an die Existenz eines Gottes glaubt, offenbar erst in der Zeit des babylonischen Exils entstanden ist, geht man davon aus, das das erste Kapitel der Bibel in Auseinandersetzung mit der babylonischen Religion etwa in der Mitte des 6. Jahrhunderts von Priestern verfasst worden ist - man spricht darum auch von der priesterlichen Schöpfungsgeschichte. Auf diese Weise lässt sich auch verständlich machen, weshalb hier die babylonischen Vorstellungen vom Aufbau der Welt begegnen. Diese jüngere Schöpfungsgeschichte in 1. Mose 1 erzählt, dass Gott die Welt aus dem Chaos des Anfangs allein durch sein Wort in sechs Tagen schuf, am siebten Tage ruhte er dann. Interessanterweise gibt es bei der Reihenfolge der Schöpfungswerke einige auffallenden Übereinstimmungen zur Entstehung des Lebens, wie sie die moderne Evolutionstheorie beschreibt. Gott erscheint hier viel weniger menschlich, viel transzendenter. Er erschafft die Welt allein durch sein Wort. Anliegen der priesterlichen Schöpfungsgeschichte ist die Auseinandersetzung mit den heidnischen Religionen der Umwelt. Der Gott Israels sollte als der einzige und wahre Gott verkündet werden. Der Sieben-Tage-Rhythmus und damit der alttestamentlichen Sabbat sollten als Gottes von Anfang der Welt an gesetzte Ordnung festgehalten werden. Damit sollten die Israeliten in einer heidnischen Umgebung zur Bewahrung ihres Glaubens an den Gott Israels und seiner Ordnungen motiviert werden.
Erst spätere Bearbeiter des ersten Buches Mose haben dann die jetzige Anordnung der Schöpfungsgeschichten und anderer Überlieferungen hergestellt. Offenbar war ihnen nicht wichtig, alle Spannungen und Ungereimtheiten zwischen den Texten auszuräumen, sondern sie konnten verschiedene Traditionen nebeneinander stellen.
Die Wahrheit einer Geschichte kann auf verschiedenen Ebenen liegen. Ich möchte das an Hand des Märchens von Hänsel und Gretel erläutern - ohne damit sagen zu wollen, alle biblischen Texte seien Märchen. Aber an diesem Text lassen sich einige Dinge leicht deutlich machen.
Zunächst einmal gibt es die historische Wahrheitsfrage. Sie fragt: Was ist in der Vergangenheit wirklich geschehen. Wir würden wohl alle übereinstimmen, dass es niemals zwei Kinder gab, die im Wald ein Hexenhaus aus Lebkuchen fanden samt Hexe und so fort. Historisch gesehen ist das Märchen nicht wahr. Auch wenn in diesem Märchen sicher die historisch zutreffende Erinnerung an Notzeiten steckt, in denen Eltern sich nicht anders zu helfen wussten, als ihre Kinder auszusetzen. Man könnte also von einem historischen Kern des Märchens sprechen. Dazu gehören sicher auch noch Aussagen über Lebensweise und Verhaltensweisen, die im Märchen mit überliefert werden und die es sicher einmal so gegeben hat.
Offenbar interessiert an einer Geschichte aber nicht nur die historische Wahrheit. Neben dieser möchte ich noch zwei andere Arten von Wahrheit benennen, die auch in diesem Märchen begegnen. So findet sich in dem Märchen auch existenzielle Wahrheit. Existenzielle Wahrheiten sind Einsichten und Überzeugungen, die dem Leben Halt, Orientierung und Hoffnung geben. Grundüberzeugen über Gott, das Leben und die Menschen. Eine psychologische Auslegung des Märchens spürt zum Beispiel solchen existenziellen Wahrheiten nach. Aber auch schon ganz vordergründig transportiert das Märchen "Hänsel und Gretel" eine Reihe von existenziellen Wahrheiten. Zum Beispiel die Einsicht, dass das Gefährliche manchmal zunächst zuckersüß erscheint. Oder die Hoffnung, dass man durch List und Schlauheit auch übermächtige Feinde besiegen kann. Wahrheiten und Lebenserfahrungen, die auch heute noch gültig sein können. Eng verbunden mit solchen existenziellen Wahrheiten sind ethische Wahrheiten. Sie geben an, was wir tun sollen und was wir lassen sollen, was geboten und was verboten ist. So vermittelt das Märchen das Gebot: Haltet zusammen und seid schlau, dann könnt ihr gemeinsam die Gefahr bestehen!
An diesem Märchen wird deutlich, dass eine Geschichte ihre Wahrheit also auf existenzieller oder ethischer Ebene haben kann, auch wenn sie historisch gesehen falsch ist. Angewandt auf die Bibel bedeutet dies: Ein biblischer Text kann für uns immer noch Wahrheit enthalten, er kann für uns immer noch Wort Gottes werden, auch wenn er historisch gesehen falsch ist. Und um diese Einsicht noch konkreter anzuwenden: Die beiden biblischen Schöpfungsgeschichten können immer noch wahr sein, sie können immer noch für uns zum Wort Gottes in existenzieller und ethischer Hinsicht werden, auch wenn sie keine historisch zutreffende Beschreibung der Entstehung der Welt und des Lebens darstellen. Dies ist eine erste wichtige Erkenntnis, um die Frage "Schöpfung oder Evolution?" angemessen zu beantworten. Weil es verschiedene Ebenen von Wahrheit gibt, bestreiten wir noch nicht, dass die Bibel Wort Gottes ist, wenn wir zugestehen, dass die Welt nicht in sechs Tagen, sondern in einem evolutionären Prozess, der Milliarden von Jahren gedauert hat und immer noch andauert, entstanden ist.
Historische Aussagen eines Textes sind dann um so zutreffender, je mehr sie mit anderen Quellen, die aus der betreffenden Zeit vorliegen, übereinstimmen. Solche Quellen können andere historische Berichte sein, aber auch archäologische Funde. So weiß man zum Beispiel von einigen Ereignissen, die im Alten Testament berichtet werden, auch aus ägyptischen, assyrischen und babylonischen Texten. Außerdem gibt es historische Ausgrabungen, die manche biblischen Texte bestätigen, andere aber auch widerlegen. Die Übereinstimmung mit anderen Quellen ist so ein wichtiges Kriterium zur Beurteilung der historischen Wahrheit eines Textes. Die beiden biblischen Schöpfungsgeschichten stellen uns in dieser Hinsicht vor Probleme: Sie überliefern zwei völlig verschiedene Versionen der Entstehung der Welt und des Lebens. Schon das macht sie historisch fragwürdig. Und offenbar haben schon diejenigen, die die beiden Schöpfungsgeschichten nebeneinander in das 1. Buch Mose stellten, wohl die Aussageabsichten dieser beiden Schöpfungsgeschichten nicht auf der historischen Ebene gesehen, sonst hätten sie diese Widersprüche nicht einfach so nebeneinander stehen gelassen.
Ein zweites, wichtiges Kriterium zur Beurteilung historischer Wahrheit von Texten ist das so genannte Analogieprinzip. Das Analogieprinzip besagt, dass in der Vergangenheit nur geschehen sein kann, was wir in der Gegenwart auf analoge, also ähnliche und entsprechende Weise auch erleben. Man könnte das Analogieprinzip in einer Hinsicht auch so zuspitzen: Die Naturgesetze, die beschreiben, wie die Welt heute funktioniert, galten auch schon früher. Also muss alles, was in der Vergangenheit geschehen ist, sich im Rahmen der heute bestehenden Naturgesetze vollzogen haben. Damit sind nicht alle biblischen Wunder für historisch unmöglich erklärt. Denn es gibt zum Beispiel auch heute noch Heilungen, die sich medizinisch nicht erklären lassen. Aber eine ganze Reihe von biblischen Geschichten lassen sich dann nicht mehr als geschichtliche Berichte verstehen. Sie sind einfach von den Naturgesetzen her undenkbar. So zum Beispiel die Geschichte von der Sintflut oder eben auch die biblischen Schöpfungsgeschichten. Ohne jetzt die moderne Naturwissenschaft als unfehlbar bezeichnen zu wollen, ist doch naturwissenschaftlich klar, dass die Welt nicht in sechs Tagen entstanden ist, dass der Mensch nicht aus Erde geformt ist.
Um es noch einmal zu sagen: Die beiden biblischen Schöpfungsberichte sind keine historische Beschreibung der Entstehung der Welt und des Lebens. Die Welt und das Leben ist anders entstanden, als es die Bibel erzählt. Das ist das Ergebnis einer historischen Betrachtung der Schöpfungsgeschichten.
Aber bei dieser Aussage muss nun noch nicht Schluss sein. Denn zu fragen ist, ob die historische Grundaussage der Schöpfungsgeschichten - Gott hat die Welt geschaffen - nicht doch vereinbar ist mit modernen naturwissenschaftlichen Weltentstehungstheorien. Die moderne Naturwissenschaft beschreibt die Entstehung der Welt und des Lebens als einen Prozess der Evolution, der mit dem so genannten Urknall beginnt. Diese Theorien kommen an zwei Stellen an eine methodische Grenze. Zunächst einmal können die physikalischen Urknalltheorien nicht beschreiben, was vor dem Urknall war, woher alle Energie kommt, wodurch dieser Anfang entstanden ist. Als Christ kann ich sagen: Gott hat diesen Anfang gesetzt. Gott hat alles ins Sein gerufen. Eine zweite Grenze der naturwissenschaftlichen Theorien besteht im Zufallsprinzip, das ihnen innewohnt. Die Evolution lebt davon, dass sich chemische Substanzen zufällig verändern und so selten, aber gelegentlich doch, eine Weiterentwicklung der Lebensformen geschieht, die den bisherigen Lebensformen überlegen ist. Die Naturwissenschaftler sprechen von zufälliger Mutation. Als Christ kann ich hinter diesen zufälligen Entwicklungen Gottes lenkende Hand sehen. Es braucht nicht Gott, um die Evolution erklären zu können, aber hinter der Evolution Gott kann Gott gesehen werden. Ich denke darum, dass die Alternative nicht lautet "Schöpfung oder Evolution", sondern dass es heißen muss: Schöpfung als Evolution. Die biblischen Schöpfungsgeschichten beschreiben nicht wie die Welt und das Leben entstanden ist - das können moderne naturwissenschaftliche Theorien besser. Aber die biblischen Schöpfungsberichte sehen Gott als Urgrund allen Seins und allen Lebens - und daran kann ich glauben, ohne die naturwissenschaftlichen Theorien in Frage stellen zu müssen.
Gibt es bei historischen Aussagen einigermaßen allgemeingültige Kriterien, nach denen ihr Wahrheitsgehalt beurteilt werden kann, so wird dies bei existenziellen und ethischen Aussagen schwieriger. Denn es ist zu fragen, was das Kriterium sein kann, vor dem sich einzelne biblische Aussagen als wahr erweisen, wenn doch grundsätzlich möglich ist, dass auch die Bibel irrt? Eine allgemeingültige, für alle Menschen vernünftig zu begründende Weltanschauung oder Philosophie, die als Wahrheitsprüfer für biblische Aussagen eingesetzt werden könnte, gibt es nicht und kann diese Stelle auch nicht einnehmen. Sie gibt es nicht, weil wir heute in einer Welt leben, in der verschiedene Weltanschauungen und Überzeugungen miteinander konkurrieren und keine allgemeingültig ist. Eine bestimmte Weltanschauung darf aber auch nicht in die Rolle des Richters über die Wahrheit biblischer Texte kommen, weil wir dann nicht mehr die Bibel als Grundlage des Glaubens haben, sondern eben jene Weltanschauung. Dann bräuchten wir die Bibel letztlich auch nicht mehr. Was aber kann Maßstab sein, um die Wahrheit biblischer Aussagen, die auf existenzieller und ethischer Ebene liegen, zu beurteilen?
Im Laufe des Mittelalters wurde zur Lösung dieser Frage das katholische Modell entwickelt. Es setzt die Kirche, repräsentiert durch die Bischöfe und den Papst in die Position ein, über die Wahrheit biblischer Aussagen zu entscheiden. Wo verschiedene biblische Aussagen miteinander in Spannung stehen, entscheidet das kirchliche Lehramt darüber, was für den christlichen Glauben gültig ist und was nicht. Voraussetzung ist, dass die Kirche unter der Verheißung steht, dass der Heilige Geist auch heute noch in ihr am Wirken ist. Dieser Lösungsansatz des Problems wurde dann aber durch die Reformation wieder in Frage gestellt. Denn Luther und die anderen Reformatoren haben darauf hingewiesen, dass auch Konzilien und Bischöfe, dass also auch das kirchliche Lehramt irren kann. Festzuhalten am katholischen Modell aber ist, dass nicht die einzelnen Christen, sondern die Gemeinschaft der Christen, die Kirche also, die Auslegung der Bibel beurteilt. Der einzelne kann eher irren als die Kirche.
Für die Reformatoren sollte die Bibel selbst allein das Wahrheitskriterium für den christlichen Glauben sein. Aber wenn die Bibel manchmal Verschiedenes sagt, wenn manche biblische Aussagen in ihrer Zeitgebundenheit heute so nicht mehr überzeugen, wie kann dann entscheiden werden zwischen gültig und ungültig? Die Frage war wieder offen. Die Lösung, die die Reformatoren fanden, bestand darin, dass nicht einzelne biblische Aussagen zur Norm für den christlichen Glauben wurden, sondern die durchgehenden Grundlinien der Bibel - man spricht auch von der Mitte der Schrift. Gemeinsame Grundüberzeugungen, die sich durch einen Großteil der biblischen Bücher hindurchziehen, sind die Grundlage für den christlichen Glauben. Diese Grundlinien der Bibel werden herausgearbeitet, indem nach dem Gemeinsamen der verschiedenen biblischen Texte und Traditionen gefragt wird. Dazu sind die einzelnen Texte zunächst einmal für sich zu betrachten und für sich zu verstehen. Die existenzielle und ethische Wahrheit eines biblischen Textes erweist sich dann darin, dass er in Übereinstimmung steht zu diesen Grundlinien der Bibel. Stehen einzelne biblische Aussagen in Spannung zu diesen Grundlinien, dann sind sie von diesen Grundlinien her zu begrenzen oder auch zu kritisieren. Dies nennt man in der theologischen Sprache Sachkritik. Es ist also in existenziellen und ethischen Fragen eine Kritik an der Bibel durchaus möglich, dann aber von der Bibel her selbst begründet. So haben wir uns im protestantischen Raum entschieden, an der Unterordnung der Frau unter den Mann, wie sie sich im zweiten Schöpfungsbericht findet, Sachkritik zu üben. Bei uns sind Frauen und Männer gleichberechtigt, weil dies eine Grundüberzeugung der Bibel darstellt (vgl. z.B. Gal.3,28).
Was aber die Grundlinien der Bibel sind, was die Mitte der Schrift ist, wird im protestantischen Raum stets immer nur vorläufig und nie endgültig definiert, auch wenn natürlich grundsätzliche kirchliche Entscheidungen als Orientierung dienen. Aber keine protestantische Lehraussage ist unhinterfragbar, wenn von der Bibel her und auf Grund neuer Einsichten ein besseres Verständnis zu einer Frage deutlich wird, dann können auch bisherige Bekenntnisse revidiert werden. Protestantische Glaubensüberzeugung ist, dass der Heilige Geist selbst die Diskussion um die richtige Interpretation der Bibel, also den Streit um die Grundlinien der Bibel selbst mitbestimmt. Der Streit um die Wahrheit ist darum nicht etwas grundsätzlich Schlechtes, sondern wir können in ihm den Heiligen Geist am Wirken sehen. Allerdings immer wieder auch diabolischen Geist, der alles durcheinander bringt.
Wichtig ist bei dieser Art der Bibelauslegung dreierlei: Die einzelnen biblischen Texte werden zunächst auf ihrem historischen Hintergrund wahrgenommen. Sie dürfen sagen, was sie selbst zu sagen haben. Sie dürfen gerade auch in ihrer Fremdheit, die durch den großen Zeitabstand entsteht, zu uns sprechen und uns so auch in Frage stellen. Einzelne biblische Texte sind zweitens in ihrem historischen und ethischen Wahrheitsanspruch auch von den Grundlinien der Bibel her kritisierbar. Aber drittens wird dennoch die Bibel als Wort Gottes erachtet, das seine Qualität als Wort Gottes immer wieder neu erweist, indem sich nach Diskussion und gelegentlich auch Streit biblische Grundeinsichten immer wieder durchsetzen. Wir gewinnen damit eine große Freiheit im Umgang mit der Bibel - nicht jedes Wort ist Gesetz, das uns unbedingt bindet, selbst wenn es uns große Lasten aufbindet. Und dennoch verlieren wir die Bibel als Orientierung und Kraftquelle nicht, sondern können sie immer wieder neu wahrnehmen.
In ihrer Unterschiedlichkeit geben beide Schöpfungsgeschichten dem Menschen eine Sonderstellung. Im ersten Kapitel des 1. Buches Mose wird der Mensch als letztes geschaffen und von ihm allein heißt es, dass er als Ebenbild Gottes geschaffen wurde. Er bekommt den Auftrag, über die Welt zu herrschen. In der zweiten Schöpfungsgeschichte wird der Mensch als erstes erschaffen, und die ganze Welt um ihn herum mit Pflanzen und Tieren und schließlich mit Mitmenschen wird angelegt, damit der Mensch ein gutes Leben habe. Auch hier ist der Mensch das Ziel der Schöpfung - es ist gleichsam Gottes Partner. Die Besonderheit des Menschen wird nicht in seinen biologischen Fähigkeiten gesehen, sondern darin, dass er Gottes Partner und Gegenüber ist. Diese theologische Aussage über den Menschen geht auch dann nicht verloren, wenn wir daran festhalten, dass der Mensch nach der Evolutionstheorie von einem affenähnlichen Tier abstammt. Der Mensch ist von Gott gedacht als sein Partner uns als seine Partnerin, als Mann und Frau.
Damit kommt dem Menschen eine Würde zu, die unabhängig ist von seinen Fähigkeiten und seinen Leistungen. Jeder Mensch hat von Gott her einen Wert, den er oder sie sind Geschöpf Gottes. Und dieser Wert, diese Würde besitzt der Mensch auch dann, wenn er noch gar nicht diese Würde begreift oder sie nicht mehr begreifen kann. Der Mensch hat einen Wert an sich. In einer Zeit, in der die Gefahr besteht, dass menschliches Leben zu Forschungszwecken zum bloßen Material wird, in der also die Versuchungen groß sind, mit menschlichen Embryonen zu experimentieren, ist die Erinnerung an diese von Gott gegebene Menschenwürde ein wichtiges Stoppsignal. Ich kann hier das komplexe Thema der Genforschung und der vorgeburtlichen Medizin nicht ausführlich und differenziert genug behandeln, aber hier wird deutlich, dass von den Schöpfungsgeschichten her grundsätzliche Einsichten zu gewinnen sind, die uns auch in diesen modernen ethischen Fragen Orientierung geben können.
In diesem Sinne und auf diese Art und Weise ausgelegt - meine ich -, haben
uns die Schöpfungsgeschichten noch viel zu sagen. Der Streit, ob die
Welt in sechs Tagen entstanden ist oder in Jahrmillionen, die Alternative
Schöpfung oder Evolution können wir dagegen hinter uns lassen -
denn dies ist ein fruchtloser Streit.