| Text | Kapitel aus dem Schript "Wer war, wer ist Jesus Christus?"
1999 |
gewerbliche Nutzung nur nach Zustimmung des Autors |
|
|
Neben dieser formelhaften Überlieferungen gibt es in den letzten Kapiteln der Evangelien und im Bericht von der Bekehrung des Paulus in der Apostelgeschichte (Apg.9) längere Erzählungen. Zwei Grundtypen lassen sich dabei zunächst unterscheiden. Alle vier Evangelien berichten auf irgendeine Weise von der Auffindung des leeren Grabes am dritten Tag. Daneben gibt es Erzählungen, die von Erscheinungen des Auferstandenen berichten. Diese lassen sich noch einmal nach verschiedenen Kategorien weiter unterteilen. So finden sich Erzählungen, in denen die Beauftragung der Jünger im Vordergrund steht, andere sind bestimmt durch das Element des Wiedererkennens, die Erzählung von der Vision des Paulus zielt schließlich auf eine Bekehrung. Nach einem anderen Raster lassen sich die Erzählungen einteilen in Erscheinungen, die ein einzelner erfährt und Erscheinungen, die eine ganze Gruppe erlebt. Schließlich gibt es Erscheinungen, die in Galiläa, andere die in Jerusalem lokalisiert werden.
Wie sind diese Überlieferungen historisch nun zu bewerten? Zunächst ist erkennbar, dass sich in den Erzählüberlieferungen apologetische, paränetische und theologische Tendenzen finden, die diesen Erzählungen sicher sekundär zugewachsen sind bzw. sogar zur Bildung von einzelnen Erzählelementen geführt haben dürften. Apologetische Elemente sind Aussagen, die darauf zielen, eine bestimmte Form des Osterglaubens gegenüber Kritik und Unglauben zu verteidigen. So dürfte die Erzählung von der Bewachung des Grabes und die korrespondierenden Erzählung von der Bestechung der Wachen, die nur von Matthäus überliefert werden (Mt.27,62-66; 28,11-15) den Vorwurf des Leichenraubes zu entkräften versuchen. Aufforderungen Jesu, ihn zu berühren und ihm zu essen zu geben (Luk.24,37-43) sollen das Missverständnis abwehren, der Auferstandene sei ein Geist. Auch paränetische Elemente, also Aussagen, die zu einem bestimmten Verhalten motivieren sollen, dürften später in die Überlieferung eingedrungen sein. So zum Beispiel die Geschichte von Thomas, dem Zweifler, die mit der Pointe endet „Selig sind, die nicht sehen und doch glauben." (Joh.20,24-29) und somit besonders auf die zweite Generation der Christen zielt, die keine Erscheinungserfahrungen mehr hatten. Als theologische Tendenzen zu werten sind zum Beispiel die Bemühung, einzelnen Jüngern eine bestimmte Position innerhalb des Jüngerkreises zu geben (vgl. den Wettlauf zwischen Petrus und dem für das Johannes-Evangelium so wichtigen Lieblingsjünger Jesu zum leeren Grab - Joh.20,3-8). Anzuführen ist hier auch das Bemühen des Lukas, alle Erscheinungen in Jerusalem zu lokalisieren, von wo aus Jesus dann seine Jünger in alle Welt sendet.
Streicht man die Elemente, die unter dem Verdacht einer späteren Hinzufügung stehen, so ergeben sich drei Überlieferungskomplexe: Die Auffindung des leeren Grabes, Erscheinungen vor einzelnen und Erscheinungen vor Gruppen. Diese sind nun einzeln zu bewerten:
Es gibt verschiedene Ansätze, den historischen Gehalt dieser Erzähltradition zu bestreiten. So wird sie einerseits als sekundäre Legendenbildung erklärt, die aus den Erscheinungstraditionen sekundär abgeleitet worden sei: Wenn Jesus auferstanden ist, dann muss das Grab leer gewesen sein. Gegen diese Argument spricht, dass es Frauen, die im Judentum vor Gericht nicht als Zeugen anerkannt werden, sind, die das leere Grab finden. Außerdem lässt sich so kaum das Element der Unsicherheit, der Furcht und des Zweifels erklären, das in den Erzählungen von der Auffindung des leeren Grabes durchgehend begegnet. Es spricht also einiges dafür, dass es sich bei dieser Tradition um eine alte, selbständige Überlieferung handelt. Dies wird unterstützt durch die Beobachtung, dass es eine sehr alte Ortstradition gibt, die das Grab Jesu dort lokalisiert, wo heute die Grabeskirche in Jerusalem steht.
Vorausgesetzt, die Erzählung von der Auffindung des leeren Grabes, habe einen historischen Kern, so ist dies jedoch noch kein Beweis für die Auferstehung Jesu. Das leere Grab wurde bereits im 19. Jahrhundert auf verschiedene Weise zu erklären versucht: So wurde die These aufgestellt, die Jünger hätten den Leichnam Jesu gestohlen, um damit die Richtigkeit ihrer Lehre zu begründen. Daneben gibt es die Scheintodhypothese, die davon ausgeht, Jesu sei - nach einem Wiedererwachen aus einem Koma - aus eigener Kraft aus dem Grab gegangen. Schließlich wurde auch behauptet, Jesus sei ohne die Kenntnis der Jünger umbestattet worden, und diese hätten darum ein leeres Grab gefunden. Alle diese Hypothesen sind nicht ganz auszuschließen. Allerdings verstehen sie die Auffindung des leeren Grabes als Ausgangspunkt des Osterglaubens. Genau dies scheint aber sehr zweifelhaft zu sein.
Wenn die Erscheinungstraditionen als primär angesehen werden, aber davon ausgegangen wird, dass die Überlieferung vom leeren Grab nicht einfach aus dem Auferstehungsglauben abgeleitet wird und zugleich das hohe Alter der Ortstradition berücksichtigt wird, dann erscheint mir folgendes wahrscheinlich: Die Frauen fanden ein leeres Grab, was ihnen unerklärlich war. Erst als später die Erscheinungen berichtet wurden, verstanden sie diesen Fund als Beleg des Auferstehungsglaubens. Ob das leere Grab, das die Frauen fanden, aber Jesu Grab gewesen war oder ob es sich um eine Verwechslung oder eine unbemerkte Umbestattung handelt, muss offen bleiben. Aber selbst wenn die Frauen das leere Grab Jesu gefunden hätten, so wäre ein leeres Grab noch kein Beleg für die Auferweckung Jesu. Der Glaube an die Auferstehung Jesu hängt nicht am leeren Grab.
Diese Visionen lassen sich grundsätzlich auf zwei verschiedene Arten und Weisen erklären. So kann man annehmen, dass die Jünger auf Grund von Schuldgefühlen, Trauer, Ängsten und anderen psychischen Belastungen in einem unbewussten Prozess selbst diese Visionen hervorbrachten. Dabei waren sie subjektiv von der Wirklichkeit des Gesehenen überzeugt, objektiv aber waren diese Visionen Fantasmen. Dieses Erklärungsmodell wird als subjektive Visionshypothese bezeichnet und z.B. von Kritikern der kirchlichen Auferstehungsbotschaft wir Gerd Lüdemann vertreten. Die Visionserfahrungen ganzer Gruppen wird dann als Massensuggestion verstanden. Für alle diese Fälle lassen sich Parallelen in der Erfahrungswelt beibringen.
Daneben gibt es die sogenannte objektive Visionshypothese. Sie geht davon aus, dass die Jünger in ihren Visionen Kontakt hatten mit einer außerhalb von ihnen bestehenden Wirklichkeit, in der Jesus Christus als der Lebendige existiert. Die Visionen seien somit nicht Produkt des Unbewussten der Jünger, sondern Erfahrung einer objektiven Wirklichkeit. Dieses Erklärungsmodell setzt voraus, dass es eine solche Wirklichkeit jenseits unserer Erfahrungswelt gibt. Sie ist genauso wenig beweisbar wie die Existenz Gottes, umgekehrt aber auch nicht widerlegbar.
Damit kommt die historische Forschung bei den Ostergeschichten an ihre Grenze. Historisch erweisbar ist der Auferstehungsglauben der Jünger. Wodurch dieser Auferstehungsglaube verursacht war, ob durch subjektive Prozesse oder durch ein objektives Geschehen, lässt sich historisch nicht mehr sagen. Hier bleibt allein die Entscheidung des Glaubens.