| Text | Kapitel aus dem Schript "Wer war, wer ist Jesus Christus?"
1999 |
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Die Geschichte der Frage nach Jesus lässt sich in vier große Phasen einteilen.
Als das Christentum, das zunächst in jüdischem Kontext zunächst als eine innerjüdische Erneuerungsbewegung entstanden war, sich in den griechisch-römischen Kulturraum ausbreitete, verlangte dieser Glauben nach einer begrifflichen Klärung gegenüber jüdischen und griechischen Einwänden. Das Christentum hielt dabei ganz selbstverständlich an den heiligen jüdischen Schriften, unserem heutigen Alten Testament und damit am jüdischen Monotheismus fest. Die Frage, die zunächst geklärt werden musste, lautete darum: Wie kann das Christentum behaupten, in Jesus sei uns Gott selbst begegnet, wenn es doch nur einen einzigen Gott gab, zu dem auch Jesus gebetet hatte. Nach zähem Ringen wurde im 4. Jahrhundert unter Rückgriff auf die Begrifflichkeiten griechischer Philosophie eine Antwort formuliert, die alle christlichen Konfessionen bis heute eint. Sie wurde beim ersten ökumenischen Konzil von Nicäa im Jahre 325 beschlossen und beim zweiten ökumenischen Konzil von Konstantinopel im Jahre 381 noch einmal präzisiert. Diese Antwort liegt in der sogenannten Trinitätslehre. Sie besagt, dass es nur einen Gott gibt, dieser eine Gott aber gleichsam drei Gesichter hat: Den Vater, der die Welt geschaffen hat und sie trägt, den Sohn, der in Jesus Christus Mensch geworden ist, und den heiligen Geist, Gottes Kraft, die in Menschen und in der Schöpfung wirkt und die Verbindung zwischen Mensch und Gott ermöglicht. Die Trinitätslehre erlaubte, zwischen diesen drei Seiten Gottes zu unterscheiden, und gleichzeitig die Einheit Gottes festzuhalten.
Doch musste nun zwangsläufig die nächste Frage auftauchen: Wenn in Jesus von Nazareth und Gott selbst Mensch geworden ist, wie verhalten sich dann die menschliche Natur Jesu und seine göttliche Natur zueinander. Wie soll man sich vorstellen, dass in einem Menschen Gott begegnet? Die theologische Diskussion zeigte schon bald, dass es schwer wurde, diese Frage begrifflich zu klären, ohne in Abgründe zu fallen. Darum einigte man sich nach langem Hin und Her beim Konzil von Chalcedon 451 auf eine Kompromissformel, der sogenannten Zwei-Naturen-Lehre. Sie lautete: Jesus Christus sei eine Person in zwei Naturen, einer göttlichen und einer menschlichen Natur. Jede Natur ist vollkommen. Beide Naturen seien so, dass sie unzertrennlich in der einen Person Jesu verbunden sind, aber doch sind sie beide ganz erhalten. Es entsteht also durch die Menschwerdung kein gott-menschliches Mischwesen. Einzelne Taten Jesu werden nun der ganzen Person Jesus Christus zugeschrieben, die Fähigkeit zu diesen Taten gründet jedoch in den einzelnen Naturen, die zusammenwirken. So kann Jesus auf Grund seiner menschlichen Natur leiden und sterben. Auf Grund seiner göttlichen Natur kann er Wunder vollbringen oder auferstehen.
Dieses theologische Konzept im Verständnis Jesu, man spricht vom christologischen Dogma, wurde nach Chalcedon zwar noch weiter entfaltet, gegenüber einigen möglichen Missverständnissen geklärt, aber im Grunde durch das ganze Mittelalter und auch durch die Reformationszeit hindurch beibehalten. Es ist also eine Lehrtradition, die die orthodoxen, die römisch katholische und die protestantischen Kirchen verbindet.
Das christologische Dogma geht dabei grundsätzlich aus von der historischen Zuverlässigkeit der biblischen Überlieferung. Es behauptet zwar, dass Jesus ganz Mensch gewesen sei, nimmt aber selbstverständlich an, dass er auf Grund seiner göttlichen Natur übernatürliche Wunder tun konnte - seien es nun Heilungen oder auch ein Gang über das Wasser. Genau diese Grundannahmen wurden nun in der Zeit der Aufklärung, als die Naturwissenschaft eine erste Blüte erlebte und sich die Philosophie endgültig von der Kirche löste, problematisch. So begann im letzten Viertel des 18. Jahrhunderts, also vor nun 200 Jahren, die historisch-kritische Jesus-Forschung. Damit kommen wir zur zweiten großen Etappe der Forschungsgeschichte.
Im 19. Jahrhundert begann man also historisch nach Jesus zu fragen. Und dazu bediente man sich des Instrumentariums der Historiker. Das bedeutet: Man untersuchte die Quellen, versuchte den historischen Kontext zu erschließen, und wertete die Quellen auf dem Hintergrund dieses Kontextes aus, um eine Biografie Jesu zu schreiben. Dazu wurde viel Arbeit geleistet: Man suchte nach den ältesten Handschriften des Neuen Testaments und versuchte eine kritische Textausgabe herzustellen, die die biblischen Schriften in ihren ursprünglichen Fassungen möglichst nahe kamen, jüdische und griechische Schriften aus dieser Zeit wurden erschlossen und mit den biblischen Schriften verglichen, Wörterbücher und Lexika erarbeitet und die gegenseitige Abhängigkeit der Evangelien geklärt.
Jesus wurde nun als historische Persönlichkeit betrachtet. Die Leben-Jesu-Forschung versuchte eine Biografie über Jesus zu erarbeiten. Dabei wurde in Frage gestellt, ob das christologische Dogma mit dem übereinstimmte, wie Jesus als historische Gestalt erkennbar war und wie er sich selbst sah. Zunehmend setzte sich die Meinung durch, dass Jesus sich selbst nicht als Sohn Gottes oder Messias bezeichnet habe. Die Leben-Jesu-Forscher besaß so einen anti-dogmatischen und anti-kirchlichen Grundzug. Die meisten dieser Forscher fühlten sich aber dem christlichen Glauben durchaus verbunden. Darum versuchten sie Jesus als das Vorbild der Christen zu verstehen: Die historische Persönlichkeit Jesus von Nazareth zeigt uns, wie Glaube an Gott und Liebe zum Nächsten sich im Leben eines Menschen wahrhaft entfalten, wie der Mensch zur sittlichen Vollkommenheit findet.
Im Laufe des 19. Jahrhunderts erschienen so eine ganze Reihe von Jesus-Biografien. Alle unterschieden sie sich jedoch nicht unerheblich. Das lag zum einen daran, dass die historische Forschung sich erst allmählich entwickelte, und noch kaum klar war, wie die Quellen methodisch klar ausgewertet werden könnten, andererseits aber auch daran, dass jeder der Autoren Jesus immer auch so zeichnete, wie sein eigenes Bild vom christlichen Glauben aussah. 1906 stellte Albert Schweitzer (1875-1965) in seinem Buch „Geschichte der Leben-Jesu-Forschung" die verschiedenen Ansätze zusammenfassend nebeneinander und zieht am Ende des Buches eine geradezu vernichtende Bilanz: Die Jesus-Biografien des 19. Jahrhunderts verdanken sich mehr der Fantasie ihrer Autoren als der historischen Person Jesu. Bleibende Erkenntnis Schweitzers war es, dass es historisch unmöglich ist, eine Biografie über Jesus zu schreiben, die seine innere Entwicklung beschreibt und erklärt. Was sich historisch einigermaßen erkennen lässt, sind seine Lehre und sein Verhalten, der zeitliche Rahmen seiner Wirksamkeit sowie sein Tod.
Schweitzers vernichtendes Urteil über die Leben-Jesu-Forschung verband sich in den 20er Jahren des 20. Jahrhunderts mit einem theologischen Neuansatz. Damit wurde eine neue Phase der Forschungsgeschichte eingeleitet.
Aber dies war für Bultmann kein großes Problem. Denn in seinem theologischen Ansatz ist der christliche Glauben nicht auf historische Informationen über Jesus angewiesen, sondern besteht allein im Glauben an das nachösterliche Christuszeugnis, das auf paradoxe Weise besagt, dass der Mensch Jesus der Sohn Gottes ist. Der christliche Glaube lebt nach Bultmann davon, dass er kein Wissen ist, sondern ein Vertrauen auf Gott, das alle Selbstsicherheit fahren lässt. Historische Begründung des christlichen Glaubens sah Bultmann darum immer sehr kritisch. Sie war für ihn der Versuch, aus dem Glauben ein Wissen zu machen.
Bultmanns Ansatz setzte sich in der neutestamentlichen Theologie durch. Bis in die 50er Jahre des 20. Jahrhunderts hinein wurde die historische Jesus-Forschung zu einem kaum betriebenen Nebenfach der Neutestamentlichen Theologie. Doch dann setzte Mitte der 50er Jahre eine Wende ein.
Käsemann stellte damit neu die Frage, welche Bedeutung die historische Rückfrage nach Jesus für den christlichen Glauben habe. Er wollte historische Jesus-Forschung aber nicht - wie in der Leben-Jesu-Forschung des 19. Jahrhundert - gegen die kirchliche Tradition treiben, sondern wollte den Zusammenhang aufweisen zwischen dem Wirken des historischen Jesus in Wort und Tat und dem, was die christliche Tradition später über Jesus sagte, dem christlichen Bekenntnis also. Historische Jesus-Forschung sollte - soweit als möglich - im Einklang mit dem christlichen Glauben geschehen, ohne dabei aufzuhören historisch-kritisch zu fragen. In der Bultmann-Schule wurde daraufhin eine heftige Auseinandersetzung um die Frage geführt, welche Bedeutung die historische Rückfrage nach Jesus besitzt. Bis heute ist diese Auseinandersetzung noch nicht beendet. Doch hat sich inzwischen durchgesetzt, dass die christliche Theologie nicht ganz auf die historische Rückfrage nach Jesus verzichten kann, umgekehrt aber auch die historische Rückfrage nach Jesus nicht das einzigste Fundament des christlichen Glaubens sein kann.
Nach Käsemanns Vorstoß kam es zunächst im deutschen Sprachraum zu einem Wiederaufblühen der historisch-kritischen Jesus-Forschung. Neue Impulse und methodische Ansätze belebten die Forschung und brachten sie voran. So wurden mit den Rollen von Qumran und mit weiteren antiken Texten neue Quellen erschlossen, die die Geschichte des Urchristentums und der jüdischen wie heidnischen Umwelt besser verständlich machen. Nach dem 2. Vatikanischen Konzil öffnete sich ab den 70er Jahren auch die katholische Theologie der historisch-kritischen Jesus-Forschung. Neue Fragestellungen wie etwa die nach sozialgeschichtlichen Zusammenhängen vertieften das Verständnis. Jesus wurde nun zunehmend nicht im Gegensatz, sondern im Zusammenhang mit dem Judentum gesehen. Interessant ist, dass dabei in der deutschsprachigen Jesus-Forschung der letzten 30 Jahre sich zunehmend Übereinstimmung zwischen den Forschern der verschiedenen Konfessionen und Traditionen feststellen lässt.
Anders stellt sich die Forschungslage dar, wenn man einen Blick auf Amerika wirft. Stellte bis 1970 die deutschsprachige Theologie das Zentrum der internationalen Jesus-Forschung dar, so entwickelten sich im letzten Viertel des 20. Jahrhunderts in USA Neuansätze, die gerne als „Third Quest for the Historical Jesus" bezeichnet werden. Nach der Leben-Jesu-Forschung des 19. Jahrhunderts und der neuen Frage nach Jesus seit den 50er Jahren des 20. Jahrhunderts wird hier also ein eigener, dritter Anlauf der Jesus-Forschung versucht. Er ist weithin gekennzeichnet durch eine grundsätzliche Distanz zur kirchlichen Tradition. Viele amerikanische Jesus-Bücher der letzten beiden Jahrzehnte zeichnen ein bisher ungewohntes Jesus-Bild. Jesus wird zum Beispiel als Wanderphilosoph oder Magier verstanden. Dies hat auch darin seinen Grund, dass man den nicht-biblischen, den sogenannten außerkanonischen Quellen teilweise einen größeren Stellenwert zumisst. Wo sich diese Forschung nicht nur als historische, sondern auch als theologische Forschung begreift, steht sie in der Tradition des 19. Jahrhunderts. Nicht der christliche Glaube an Jesus, sondern der dem Vorbild Jesu nacheifernde Glaube, der wie Jesus glaubt, wird hier zum Ausgangspunkt. Auch die verwirrende Vielfalt der Jesus-Bilder, die der amerikanischen Forschung entspringen, erinnert an das 19. Jahrhundert.
Im folgenden sind einige, für die gegenwärtige deutsche Forschungssituation
repräsentative Bücher, aufgelistet:
- Eduard Schweizer; Jesus, das Gleichnis Gottes. Was wissen wir wirklich
vom Leben Jesu?; Vandenhoeck und Rupprecht; Göttingen; 1995; 120 Seiten.
- Joachim Gnilka; Jesus von Nazareth. Botschaft und Geschichte; Herder-Verlag;
Freiburg, Basel, Wien; 3. Aufl. 1993; 336 Seiten.
- Gerd Theißen und Annette Merz; Der historische Jesus; Vandenhoeck
und Rupprecht; Göttingen; 1996; 557 eng bedruckte Seiten. Dieses Buch
ist ein theologisches Lehrbuch für das Theologie-Studium. Es bietet
sehr viele, gut strukturierte Informationen und Argumente. Dies macht es
zugleich mühsam zu lesen.