| Text | Kapitel aus dem Schript "Wer war, wer ist Jesus Christus?"
1999 |
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Der Begriff Gottesherrschaft wird von Jesus nicht erfunden. Er begegnet im Judentum in verschiedenen Traditionen, auch wenn er nirgendwo - wie bei Jesus - im Mittelpunkt steht. Da auch im Urchristentum der Begriff neben anderen Begriffen zurücktritt, können wir ziemlich sicher sein, dass die Rede von der Gottesherrschaft auf Jesus zurückgeht.
Grundsätzlich war im Judentum klar, dass Gott König ist über die ganze Welt. Er herrscht über die Welt und bestimmt den Lauf der Weltgeschichte. Als König wacht er fürsorglich über sein Volk. Alle Mächtigen der Welt können ihm letztlich nur dienen. Diese Rede von der Gottesherrschaft geht auf diesem Hintergrund davon aus, dass letztlich hinter allem, was geschieht, Gottes fürsorgliches Weltregiment am Werke ist, dem man sich anvertrauen kann. Weil Gott König ist über die ganze Welt, kann man vertrauensvoll in die Zukunft blicken. Und weise ist der, der mit der Königsherrschaft Gottes rechnet und sich ihr entsprechend verhält, der also auf Gottes Fürsorge vertraut und sich an seinen Geboten orientiert. Diese Vorstellung von einer zeitlosen Königsherrschaft Gottes über die Welt findet sich darum in Traditionen, die mit dem Etikett „Weisheit" betitelt werden. Bei der jüdischen Weisheit handelt es sich um eine zur Zeit Jesu bereits jahrhundertealte theologische Strömung, die davon ausgeht, dass die Weisen und Gerechten, die sich in rechter Weise einstellen auf die Welt, ein gelingendes Leben führen werden.
Neben dieser weisheitlichen Rede von der Gottesherrschaft steht die sogenannte apokalyptische Tradition. Die Apokalyptik ist eine zweite theologische Strömung, die sich bereits in den drei Jahrhunderten vor Jesus entwickelt. Die Schriften der Apokalyptik sind in der Regel Offenbarungen, die oft ein Gerechter der früheren Heilsgeschichte erfährt und dann verborgen aufgezeichnet hat - daher auch der Name Apokalyptik: von griechisch „apokalyptein" = verbergen. Die Apokalyptik entwirft - oft in symbolischen Visionen - eine Zukunftsschau, die davon spricht, wie die als böse und heillos erlebte Welt durch ein mächtiges Eingreifen Gottes, einen Endkampf mit dem Bösen beendet wird und eine ganz neue, friedvolle Welt von Gott geschaffen wird, die den Gerechten und Frommen, die sich im Endkampf mit dem Bösen bewährt haben, offen steht, während die Bösen und das Böse vernichtet werden. Die apokalyptischen Traditionen verwenden nun den Ausdruck „Gottesherrschaft", um jenes zukünftige Friedensreich zu bezeichnen, das Gott mit der Vernichtung des Bösen, die häufig auch als Strafgericht über das Böse vorgestellt wird, aufrichten wird. Mit der Aufrichtung der Gottesherrschaft wird die Weltgeschichte zum Ende kommen. Die Gottesherrschaft ist darum die erhoffte Endzeit, das Eschaton. In der Apokalyptik wird darum ein eschatologischer Begriff der Gottesherrschaft verwendet. Die Gottesherrschaft ist dort etwas rein zukünftiges. Die gegenwärtige Welt ist völlig heillos, die Gottesherrschaft ist hier nicht erfahrbar. Die Gegenwart ist lediglich Bewährungszeit, in der man sich für eine zukünftige Zugehörigkeit zur Gottesherrschaft qualifizieren kann.
Im 19. Jahrhundert - und bei einigen amerikanischen Autoren heute wieder - wird Jesu Rede von der Gottesherrschaft vor allem auf dem Hintergrund weisheitlicher Traditionen interpretiert. Jesus habe dann mit seiner Verkündigung der Gottesherrschaft die Menschen zum Vertrauen auf Gottes Fürsorge führen wollen. Die entscheidende Belegstelle für diese Interpretation stellt Mt.6,25-33 dar: „Sorgt euch nicht um euer Leben und darum, dass ihr etwas zu essen habt, noch um euren Leib und darum, dass ihr etwas anzuziehen habt! ... Euer himmlischer Vater weiß, dass ihr das alles braucht. Euch muss es zuerst um sein Reich und seine Gerechtigkeit gehen; dann wird euch alles andere dazugegeben." Die Gottesherrschaft ist dann eine Welt der Gerechtigkeit und Liebe, die die Menschen durch ihr tätiges Vertrauen auf Gott in der Nachfolge Jesu verwirklichen sollen.
Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurde entdeckt, dass Jesu Rede von der Gottesherrschaft auf dem Hintergrund der apokalyptischen Tradition zu verstehen ist. Man verstand Jesus dabei als einen Endzeitprediger, wie ähnlich auch Johannes der Täufer einer gewesen war. Johannes verkündete, dass das Endgericht unmittelbar bevorstünde. Da keiner sich in diesem Endgericht auf seine Abstammung von Abraham berufen könne und alle gesündigt hätten, würde nur eine sofortige Umkehr, die mit der Taufe besiegelt wurde, vor der Vernichtung des Endgerichts bewahren. In dieser Tradition stehend habe auch Jesus das unmittelbar bevorstehende Weltende erwartet. So betrachtet zum Beispiel Albert Schweitzer Jesus als einen Endzeitpropheten, der darum, weil er mit der unmittelbar bevorstehenden Verwirklichung der Gottesherrschaft rechnet, darauf verzichten kann, Vorsorge für das Morgen zu treffen, und darum die ungesicherte Existenz eines Wanderpredigers führen kann. Da Jesus sich aber über den Anbruch der Endzeit geirrt habe, können seine radikalen Forderungen heute nicht mehr Gültigkeit beanspruchen.
Richtig an diesem eschatologischen Jesus-Bild ist, dass Jesus eine eschatologische Erwartung hatte. Er erwartete für die Zukunft die Aufrichtung der Gottesherrschaft und ging auch davon aus, dass dies ein Gericht mit sich bringen würde. Die Gottesherrschaft ist auch für Jesus eine Größe, die in der Zukunft liegt. Doch ist dies nicht alles. Anders als die apokalyptische Tradition und sein Lehrer Johannes geht Jesus davon aus, dass der entscheidende Umbruch zur Gottesherrschaft bereits geschehen war. Der Satan, der große Gegenspieler Gottes, war bereits grundsätzlich besiegt. Bereits in der Gegenwart war die Gottesherrschaft erfahrbar - erfahrbar in geschehen Heilungen, in der Integration von Ausgegrenzten, in der fröhlichen Tischgemeinschaft, in der Versöhnung zwischen Feinden und in vielem anderen mehr. Die Gottesherrschaft war für Jesus also nicht nur eine zukünftige, sondern auch eine gegenwärtige Größe. Allerdings war die gegenwärtige Erfahrung der Gottesherrschaft noch unvollkommen, fragmentarisch.
Dass die Gottesherrschaft nicht eine zeitlose Größe ist, sondern eine gegenwärtige und eine eschatologische Dimension hat, ist in der deutschen Forschung und auch in weiten Teilen der amerikanischen Forschung nicht umstritten. Allerdings ist die Frage, wie die zukünftige eschatologische Gottesherrschaft und die gegenwärtig bereits erfahrbare Gottesherrschaft aufeinander zu beziehen sind, nach wie vor umstritten. Häufig wird das Interpretationsmodell, das vom „Anbruch der Gottesherrschaft" spricht, verwendet. Demnach sei Jesus mit weiten Kreisen der Apokalyptik davon ausgegangen, dass die Aufrichtung der Gottesherrschaft am Ende der Zeit nicht in einem plötzlichen Augenblick, sondern in einem längeren Entwicklungsprozess geschehe. Er sei sich sicher gewesen, dass dieser Prozess angefangen habe und in näherer Zukunft zum Abschluss kommen werde. Die Gottesherrschaft sei also unaufhaltsam auf dem Vormarsch. Zwar erlebe man jetzt erst ihre Vorboten. Aber sie sei bereits angebrochen, wie der beim Sonnenaufgang der Tag angebrochen und die Nacht zu Ende ist. Die Aussage „die Gottesherrschaft ist nahe herbeigekommen", mit der die Evangelisten Jesu Botschaft von der Gottesherrschaft zusammenfassen (vgl. Mk.1,14 / vgl. Mt.4,17; Mt.10,7 / Lk.10,9 [Q]), bedeutet also: Der Prozess der Aufrichtung der eschatologischen Gottesherrschaft ist angebrochen und kommt bald zu seinem Abschluss.
Dieses Modell geht davon aus, dass Jesus mit einem fortschreitenden Entwicklungsprozess gerechnet habe, der irgendwann in die eschatologische Gottesherrschaft münden würde. Daneben gibt es ein Verständnismodell, das von zwei Stufen ausgeht. Mit Jesu Gegenwart habe Gott ein neues Kapitel der Weltgeschichte eingeleitet. Er eröffnet eine Zeit, in der die eschatologische Gottesherrschaft bereits erfahrbar ist: Das eschatologische Gottesverhältnis, in dem sich die Menschen ihres Gottes gewiss sein können, ist jetzt möglich: Die Menschen können Gott als Vater anreden, ihre Sünden sind vergeben. In Heilungen, die Jesus vollzieht und zu denen er auch seine Jünger ermächtigt, wird Gottes Liebe jetzt schon erfahrbar. Die zukünftige Gottesherrschaft blitzt also jetzt bereits auf. Irgendwann in der Zukunft, vielleicht morgen, vielleicht auch erst in langer, langer Zeit - Jesus legt sich dabei nicht fest - wird Gott in einem plötzlichen Akt seine Gottesherrschaft aufrichten. Dann wird, wie in der Apokalyptik erwartet die neue Welt geschaffen und Gottes endgültiger Frieden hergestellt. Entscheidend für Jesus ist nach diesem Interpretationsansatz, dass wir uns der Gottesherrschaft gewiss sein können. Sie ist bereits jetzt die wahrhaft die Weltgeschichte bestimmende Größe und sie ist zugleich die Zukunft der Welt. Man könnte damit sagen, dass dieser Interpretationsansatz versucht, eine Verbindung zwischen weisheitlichem und apokalyptischem Denken herzustellen. Die Aussage „die Gottesherrschaft ist nahe herbeigekommen" wird bei diesem Interpretationsansatz so verstanden: Die Gottesherrschaft ist uns gewiss: sie ist jetzt schon erfahrbar und zukünftig wird sie vollendet werden. Wir können darum davon ausgehen, dass sie die Gegenwart allein wirklich bestimmende Größe ist.
Damit versteht Jesus die gegenwärtig erfahrbare wie auch die zukünftige Gottesherrschaft als ein Geschenk, das von Gott auf die Menschen zukommt. Jetzt liegt es daran, sich auf dieses Geschenk einzulassen, die Gottesherrschaft also anzunehmen und das Leben auf sie hin auszurichten. Aber der Mensch muss die Gottesherrschaft nicht verdienen, sie nicht durch sein Handeln aufrichten und verwirklichen. Die Gottesherrschaft ist eine Kraft, die von Gott her ausgeht und auf die der Mensch sich nur vertrauend und darum auch handelnd einlassen kann. Darum kann Jesus auch auf Gewalt und Macht verzichten, um die Gottesherrschaft gegen Widerstände zu verwirklichen.
Weil die Gottesherrschaft nicht in einer irgendwie gearteten Qualität des Menschen gründet, sei es nun in seiner Frömmigkeit oder seinen guten Werken, sondern allein in Gottes Gnade, gilt Jesu Verkündigung der Gottesherrschaft allen Menschen, gerade auch denen, die sich nach Vorstellung der verschiedenen religiösen Gruppierungen des Judentums aus dem Bund mit Gott durch Gebotsübertretungen ausgegrenzt haben. Jesus spricht darum v.a. religiös und sozial Ausgegrenzte an: Zöllner, die als Diebe und Betrüger galten, Prostituierte, Aussätzige und andere chronisch Kranken, Sünder. Alle diese Personen galten als unrein und daher vom Kult, der die Versöhnung mit Gott bringen kann, ausgeschlossen. Sie hatten sich - nach dem Verständnis der Frommen - selbst aus dem Gottesvolk ausgeschlossen.
Weil Jesus die Gottesherrschaft als ein Geschenk betrachtete, die von Gott her allen Menschen entgegengebracht wird, verloren für ihn der Tempelkult und der Gehorsam gegenüber der Tora ihre hervorgehobene Rolle. Für die Essener, die Sadduzäer und auch die Pharisäer stellte der Kult die Möglichkeit dar, Verfehlungen gegenüber den Geboten und Verboten Gottes, wie sie in den fünf Büchern Mose, der Tora, gesammelt waren, zu sühnen und somit wieder in den Bund mit Gott und das Gottesvolk zurückzukehren. Die Tora selbst zeigte auf, wie das menschliche Leben gestaltet werden musste, damit die Menschen dem Bund mit Gott treu blieben. Bund, Tora und Kult waren so die gemeinsamen Kennzeichen des wichtigsten religiösen Gruppierungen des Judentums, auch wenn sich Essener, Sadduzäer und Pharisäer darin unterschieden, wie sie diese drei Größen genau bestimmten. Jesus liegt hier quer zu diesem Hauptstrom der jüdischen Tradition. Die Gottesherrschaft war für ihn ein Neuanfang. Bund, Kult und Tora wurden von Jesus zwar nicht aufgehoben oder für ungültig erklärt, aber sie verloren für Jesu ihre zentrale Bedeutung. „Die Tora und die Propheten reichen bis Johannes dem Täufer, von da ab beginnt die Zeit der Gottesherrschaft", so in etwa konnte Jesus formulieren (vgl. Lk.16,16 / Mt.11,12f). Zentral war für Jesus, dass jetzt die Gottesherrschaft nahegekommen war. Damit war eine neue Wirklichkeit gesetzt, neben der Tora und Kult sekundär wurden.
Jesus wandte sich zwar in seiner Verkündigung nur Juden zu, aber dennoch war seine Vorstellung von der Gottesherrschaft nicht nationalistisch bestimmt. In manchen apokalyptischen Traditionen wird die Gottesherrschaft als Vernichtung oder Unterwerfung der Heiden erhofft. Jesus dagegen sieht die Gottesherrschaft für die Heiden offen. Eher sind es seine jüdischen Brüder und Schwestern, die - weil sie sich seiner Verkündigung verschließen - sich selbst aus der Gottesherrschaft ausschließen. Mit anderen prophetischen Traditionen dürfte Jesus darum für die Vollendung der Gottesherrschaft die Völkerwallfahrt zum Zion erwartet haben: Am Ende der Zeit kommen alle Völker von ganz allein nach Jerusalem, zum Berg Zion, um dort Gott anzubeten (vgl. Jes.2,1ff). Nur das Gottesvolk braucht darum die Verkündigung der Gottesherrschaft. Darum wendet sich Jesus ausschließlich den Juden zu.
Im Gegensatz zu anderen religiösen Gruppierungen verzichtet Jesus darauf, seine Anhängerschaft klar abzugrenzen. Er bemüht sich um Integration, nicht um Ab- oder gar Ausgrenzung. Zwar schart Jesus einige Männer und Frauen um sich, die als seine Schüler mit ihm das unstete Wanderleben teilen, ihm also im wörtlichen Sinne nachfolgen, und er verfügt über ortsansässige Sympathisanten, aber er baut keine durchstrukturierte Organisation auf. Seine Anhänger entstammen verschiedenen Traditionen und Denkweisen - weshalb das spätere Urchristentum auch von Anfang an verschiedene Richtungen aufweist. Jesus überlässt die Scheidung zwischen wahren Anhängern, heuchlerischen Mitläufern und Sündern dem zukünftigen Gericht. Er verkündigt allen die gnädige Zuwendung Gottes.