| Text | Kapitel aus dem Schript "Wer war, wer ist Jesus Christus?"
1999 |
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586 v. Chr. wird Jerusalem von den Neubabyloniern erobert. Der von Salomo gebaute Tempel zerstört, große Teile des Volkes nach Mesopotamien deportiert. Man spricht - etwas beschönigend - von der Zeit des Exils. Knapp 50 Jahre später, das babylonische Reich ist inzwischen von der Persern erobert, erlaubt der Persische Großkönig den Juden die Rückkehr nach Jerusalem. Einige - nicht alle - Juden kehren zurück. Sie bauen in den folgenden Jahrzehnten unter Mühen den Tempel und die Stadt Jerusalem wieder auf. Die Jerusalemer verweigern den Samaritanern, obwohl diese es ausdrücklich anbieten, die Mitarbeit am Wiederaufbau des Tempels, weil diese durch ihre Vermischung mit nichtjüdischer Bevölkerung die notwendige Reinheit nicht aufbringen können.
Jerusalem und das Umland - man spricht jetzt von Judäa - sind eine Provinz des persischen Großreiches. Jerusalem wird als Tempelstaat rekonstituiert und hat eine gewisse Autonomie. Die Führung dieses Tempelstaates liegt in der Hand des Hohepriesters. Nach alter biblischer Tradition soll er ein Nachkomme Aarons sein. Im Ezechiel-Buch und in manchen Kreisen wurde darüber hinaus gefordert, der Hohepriester müsse ein Nachkomme Zadoks sein, der unter König Salomo Hohepriester war. Der Hohepriester wurde auf Lebenszeit von der jeweils herrschenden Großmacht ernannt. Allerdings kam es auch zu Absetzungen von Hohepriestern.
Beginnend in der Exilszeit und dann weitergeführt in der nachexilischen
Zeit bilden sich bis ca. 200 v.Chr. wesentliche Grundkonstanten des
Judentums heraus, die das Judentum bis zur Zeit Jesu und zum Teil noch
heute bestimmen:
- Monotheismus, der exklusiv gedacht wird (andere Götter
werden nicht akzeptiert, auch Götterbilder nicht)
- Der sogenannte Bundesnomismus: Gott hat sich das Volk Israel
als sein Volk auserwählt und mit ihm einen Bund geschlossen. Die Tora
ist das Bundesgesetz. Es regelt, wie sich das Volk verhalten muss, um diesem
Bund treu zu bleiben, und welche Maßnahmen möglich sind, um
Gebotsübertretungen wieder zu sühnen. Der Bund ist ein Geschenk
Gottes, die Tora wurde gegeben, damit das Volk im Bund bleiben kann, nicht
um durch Gebotserfüllung den Bund zu verdienen. Damit gewinnt das
Verhalten - und zwar gerade auch das soziale Verhalten - eine zentrale
religiöse Funktion. Der ganze Lebensalltag wird von der Religion durchdrungen.
- Rituelle Praktiken, die die Abgrenzung von anderen Völkern
und damit auch das Festhalten am Monotheismus sicherstellen: Beschneidung,
Sabbatheiligung, Speisegebote, Reinheitsvorschriften. Ausdrücklich
werden Mischehen verboten. Diese Selbstausgrenzung hat das Judentum über
die Jahrhunderte bis heute hin festgehalten.
- Dem Monotheismus entspricht, dass es nur einen Ort gibt, an dem
der unsichtbare Gott verehrt werden kann: der wiederaufgebaute Tempel
in Jerusalem, der kein Götterbild enthält. Der Tempelkult dort
dient dazu, den Bund immer wieder auf rituelle Art zu bestätigen und
zu erneuern. Im Zentrum stehen verschiedene Feste, in denen fromme Juden
zum Tempel pilgern, und der alljährliche Versöhnungstag, an dem
rituell die Sünden des Volkes gesühnt werden und somit der Bund
erneuert wird.
- Wo die Tora als schriftlich fixiertes Bundesgesetz von solch zentraler
Bedeutung ist, entsteht eine Buchreligion. Die heiligen Schriften
müssen ausgelegt werden, neben den schriftlichen Regelungen entstehen
mündliche Traditionen, die dann auch verschriftlicht werden. Das Studium
der heiligen Schriften wird so zu einem Kennzeichen des Judentums, jeder
jüdische Junge lernt, wenn irgend möglich, lesen. Juden erscheinen
in der Antike als „philosophierendes Volk" - auch dies ist bis heute prägend.
- Neben dem Tempelgottesdienst entsteht wohl schon in exilischer Zeit
aus dem Bemühen um die heiligen Schriften der opferlose Synagogengottesdienst.
Er ist geprägt durch das Rezitieren von Gebeten und das Verlesen und
Auslegen der heiligen Schriften. Er zielt darauf, die Tora zu studieren,
um so auch das alltägliche Leben von der Tora her zu gestalten. Je
weiter entfernt vom Tempel Juden lebten, desto wichtiger war diese Form
des Synagogengottesdienstes. Nach der Zerstörung blieb diese Art des
Gottesdienstes allein übrig. Das Judentum trug diese opferlose Form
des Gottesdienstes, in dessen Mittelpunkt Lesungen und Gebet standen, mit
seiner späteren Zerstreuung in die ganze Welt. Und sie gab diesen
Gottesdienst auch an das spätere Christentum weiter.
Die jüdische Oberschicht war zunächst weitgehend vom Hellenismus fasziniert. Es wurden Stadien gebaut, man schulte Leib und Verstand in Gymnasien, man öffnete sich griechischem Denken und Lebensstil. Damit aber entstand die Frage, in wieweit die überkommene jüdische Religion mit dieser hellenistischen Kultur vereinbar sei, ob und wie man sich an diese hellenistische Kultur assimilieren könne. Damit war die Frage gestellt, was das Judentum ausmachte, was sozusagen jüdische Identität begründete. Dies scheint mir die entscheidende Frage zu sein, um die sich die verschiedenen jüdischen Gruppen bis hin zur Zeit Jesu bemühten. Die Auseinandersetzung mit dem Hellenismus verlief dabei in zwei Phasen. Die erste Phase beginnt mit dem Sieg Alexander des Großen, während die zweite Phase mit der Eroberung Palästinas durch die Römer beginnt.
Nach dem Tode Alexander des Großen 323 v.Chr. zerfällt sein Reich. Palästina gerät in die Grenzzone zwischen dem Ptolomäerreich mit seiner Hauptstadt Alexandria in Ägypten und dem Seleukidenreich mit seiner Hauptstadt Antiochien, in der Nord-Ost-Ecke des Mittelmeers gelegen (heute Grenze zwischen Türkei und Syrien). Zunächst regieren die Ptolomäer Palästina, nach einer Reihe von Kriegen fällt Palästina aber um 200 v.Chr. an die Seleukiden. Der Gegensatz zwischen Ptolomäern und Seleukiden führt auch dazu, dass die Jerusalemer Oberschicht in eher proptolomäische und proseleukidische Gruppen zerfällt. Verschiedene Familien konkurrieren miteinander um das Hohepriesteramt und suchen jeweils bei der einen oder anderen Großmacht Hilfe. - genaueres weiß man aber auf Grund der schlechten Quellenlage kaum.
Die Aristokratie Jerusalems öffnete sich dem Hellenismus und versuchte eine hellenistische Reform des Judentums von oben her. Allerdings entstand recht bald eine Spaltung in der Aristokratie. Radikale Reformer versuchten den Tempelkult einzugliedern in die internationale Religiosität. Auf alle abgrenzenden Kultpraktiken wie Beschneidung, Sabbat und Speisegebote wollten sie verzichten. Der jüdische Monotheismus wurde dabei wohl so gedacht, dass er nicht mehr in Konkurrenz zu anderen Kulten (unser Gott ist der einzige Gott), sondern entsprechend hellenistischer Überzeugung, als eine Art der Gottesverehrung neben anderen verstanden wurde. Dementsprechend gibt es ebenfalls nur einen Gott, der allerdings auf verschiedene Weise und nach verschiedenen Traditionen angebetet und verehrt wird. Neben dieser radikalen Reformpartei entwickelte sich eine gemäßigtere Reformpartei, die dem Hellenismus gegenüber zwar aufgeschlossen war, aber an bestimmten Traditionen festhalten wollte. So verlangten die gemäßigten Reformer auch weiterhin eine zadokidische Abstammung des Hohepriesters. Als sich die gemäßigten Reformer im Machtkampf durchsetzen, greift der seleukidischen Großkönig, Antiochos IV. zugunsten der radikale Reformer ein. Er erobert Jerusalem, betritt das Allerheiligste des Tempels und lässt vor dem Tempel einen Altar des olympischen Zeus errichten. Der Gott Israels wird dabei einfach gleichgesetzt mit dem Herr der Himmel, den die Griechen als Zeus verehren. Antiochos verbietet die Ausübung der Sabbatheiligung und der Beschneidung. Außerdem plündert er die Tempelkasse aus. Damit kompromittiert er in den Augen des Volkes auch die gemäßigten Reformer.
Das Volk ist in seiner großen Mehrheit antihellenistisch gesinnt. Es ist konservativ geprägt und will an den alten jüdischen Traditionen festhalten. Als Antiochos den Tempel entweiht kommt es zum Aufstand der Makkabäer. Dieser Aufstand wird geführt von einer Familie, die sich auf einen Ahnherrn Hasmon zurückführt. Darum nennt man die makkabäischen Führer auch Hasmonäer. Der Ausdruck Makkabäer lehnt sich an den Beinamen an, den Judas, einer der Führer des Aufstandes erhielt. Er wurde als Makkabäus bezeichnet, das ist hebräisch und heißt: der Hammer. Die Makkabäer waren der politische und militärische Arm der Opposition gegen den Hellenismus. 164 v. Chr. gelingt Judas Makkabäus die Eroberung Jerusalems. Bei der anschließenden Tempelweihe ereignet sich - der Überlieferung nach - ein Wunder. Obwohl nur für einen Tag geweihtes Öl vorhanden ist, brennt der achtarmige Leuchter sieben Tage lang bis neues geweihtes Öl zur Verfügung steht. Im Judentum gedenkt man dieser Tempelweihe darum bis auf den heutigen Tag mit dem Chanukafest. Bei diesem Fest wird der besondere Chanuka-Leuchter entzündet.
Das geistig-religiöse Zentrum der Opposition gegen den Hellenismus bilden die sogenannten Chasidim. Hinter diesem Namen steht das hebräische Wort chäsäd, das soviel wie Liebe und Treue zu Gott heißt. Auch im heutigen Judentum gibt es sehr torafromme, orthodoxe Gruppen, die sich wieder als Chasidim bezeichnen. Die Chasidim versuchten gegen den Hellenismus konservativ an den Bestimmungen der Tora festzuhalten. Sie gingen bei der Verfolgung der jüdischen Religion durch Antiochos entweder ins Exil oder in den Untergrund. Ein Teil schloss sich auch dem Makkabäeraufstand an.
Mit dem Sieg der Makkabäer und der Tempelweihe schien es zunächst so, als sei der Hellenismus abgewehrt. Doch jetzt kommt es in den folgenden 100 Jahren zu einer komplizierten Aufsplitterung der antihellenistischen Opposition. Neue Fronten entstehen.
Die von der antihellenistischen Strömung im Volk zunächst getragenen Hasmonäer entwickeln sich zu machtgierigen Herrschern. Das Regierungsamt wechselt zunächst von Bruder zu Bruder und wird dann auf die Söhne weitervererbt. Es entsteht die Dynastie der Hasmonäer, die bis auf Herodes und seine Söhne reicht, die zur Zeit Jesu regieren. Den Hasmonäern gelingt es in einem jahrzehntelangen Kampf und oft mit wechselnden Verbündeten - zwischendurch arbeiten sie sogar wieder mit den Seleukiden zusammen - ein von den Seleukiden zunehmend unabhängiges, selbständiges Königreich zu schaffen. Dazu verleiben sie sich griechische Städte und Nachbarterritorien ein. In diesem Unabhängigkeitskampf entfernen sie sich jedoch immer mehr von der Basis ihrer Macht, dem Volk und der Bewegung der Chasidim. Die Hasmonäer entwickeln sich zunehmend zu typisch hellenistischen Herrschern. Sie pflegen einen hellenistischen Lebensstil und beanspruchten zeitweise auch das Amt des Hohepriesters. Damit mussten sie in Konflikt geraten mit chassidischen Kreisen. Und je mehr Ansehen sie im Volk verloren, desto mehr suchten sie halt in der hellenistischen Kultur. Diese Linie reicht bis zu Herodes dem Großen, der von 37 bis 4 v.Chr. regierte. Er ließ prächtige hellenistische Bauten errichten und verschanzte sich zugleich in Festungen vor dem Volk. Herodessöhne regieren in Palästina bis in die Zeit des Urchristentums.
Als 164 v.Chr. Judas Makkabäus Jerusalem erobert und den Tempel wieder geweiht hatte, setzte er einen Hohepriester namens Alkimos ein. Dieser Alkimos war zwar aaronitischer, nicht aber davidischer Abstammung. Er knüpfte in vielen Dingen offenbar an die gemäßigten Reformer an, die sich dem Hellenismus vorsichtig öffneten. Aus diesen Kreisen der gemäßigten Reformer, die ja Angehörige der Oberschicht waren, entstand die Partei der Sadduzäer. Sie unterstützten die Hasmonäer und ihre Entwicklung zur hellenistischen Monarchie. Damit sicherten sich die Sadduzäer immer eine einflussreiche Position. In späteren Jahrzehnten und zur Zeit Jesu stellen sie den Hohepriester.
Neben den gemäßigten Reformern gab es auch noch konservative Kreise in der priesterlichen Oberschicht. Einige dieser konservativen Priester, die ohnehin mit den ägyptischen Ptolomäern sympathisierten, spalteten sich um 150 v. Chr. an und gingen nach Ägypten ins Exil. Dort bauten sie in Leontopolis am Ostrande des Nildeltas einen zweiten jüdischen Tempel als Konkurrenzheiligtum zum Jerusalemer Heiligtum. Er existierte bis zum Jahr 73 v.Chr., als ihn die Römer zerstörten.
Auch die Chasidim entwickeln sich nach der Rückeroberung des Tempels weiter. Zunächst gibt es auch unter ihnen gemäßigte Gruppierungen, die Alkimos als Hohepriester und anerkennen. Im Laufe der Zeit entsteht aus dieser gemäßigten Gruppe der Chasidim die Gruppe der Pharisäer. Doch auch sie geraten zunehmend mit den Hasmonäern in Konflikt. Erst um 70 v.Chr. gelingt es den Pharisäern zeitweise maßgeblich die Politik zu beeinflussen. Auf jeden Fall erhalten sie seit dieser Zeit Sitz und Stimme im Synhedrium, dem sogenannten Hohen Rat, der zusammen mit dem Hohepriester den Tempelstaat Juda leitet.
Doch auch bei den Chasidim gibt es radikalere Gruppen. Auch nach der Wiedereinweihung des Tempels bleiben sie im Exil und in Opposition gegen den nicht-zadokidischen Hohepriester Alkimos. Sie leben, organisiert in verschiedenen Gruppen und Zirkeln, vor allem außerhalb Judäas. 152 v. Chr. nun reist der Makkabäer Jonathan das Hohepriesteramt an sich. Damit verdrängt er einen zadokidischen Hohepriester, der offenbar zwischenzeitlich an die Macht gelangt war. Dieser Mann, sein Name ist uns nicht bekannt, geht ins Exil und versucht die anderen chassidischen Exilsgruppen zu einigen. Als der sogenannte „Lehrer der Gerechtigkeit" wird er der Begründer der Essener. Die Essener werden so zu einer Sammlungsbewegung von Chassidim und zadokidischen Priestern in Opposition zu den Hasmonäern und zum Jerusalemer Tempel.
Aus dem antihellenistischen Abwehrkampf gehen also vier verschiedene Gruppierungen hervor: die Herrscherdynastie der Hasmonäer, die aristokratisch geprägte Partei der Sadduzäer, die eher aus dem einfachen Volk sich rekrutierende Partei der Pharisäer und die aus Priestern und Nichtpriestern chassidischer Denkweise sich sammelnde Gruppe der Essener.
Die Essener wurden gegründet von einem Priester, der von den Essenern als „Lehrer der Gerechtigkeit" bezeichnet wird. Er war wohl zunächst Hohepriester und wurde im Jahr 152 v.Chr. abgesetzt. Er ging in Opposition zu den Hasmonäern und versuchte, weitere Chasidim für seine Bewegung zu gewinnen. Nach einigen Jahren entsteht so die fest strukturierte Gemeinschaft der Essener. Sie ist zunächst gekennzeichnet durch eine möglichst strikte Befolgung der Tora. Die Essener bilden die Gruppe, die am striktesten und konservativsten Bestimmungen der Tora einzuhalten versucht.
Dies führt für sie zur Ablehnung des Tempelkultes in Jerusalem. Dies gründet zum einen in der Ablehnung des illegitimen Hohepriesters (er ist kein Zadokide), zum anderen in der Kalenderreform, die dieser Hohepriester am Tempel durchsetzt. Der alte jüdische Kalender, der starr an der Sieben-Tage-Woche ausgerichtet ist und das Jahr in 4mal 13 Wochen einteilte und so auf 364 Tage kam, wurde ersetzt durch einen Kalender, der am Naturjahr orientiert war. Der alte Kalender sorgte dafür, dass Feiertage nie auf einen Sabbat fielen, der neue Kalender ermöglichte, dass Feiertage in etwa immer zur selben Jahreszeit gefeiert wurden. Der neue, von den Essenern abgelehnte Kalender, gilt im Judentum noch bis heute.
Da die Essener den Tempelkult ablehnten, der Tempelkult für das priesterliche Denken der Essener aber von zentraler Bedeutung war, versuchten sie in ihren Gemeinschaftsmahlzeiten einen Ersatz für den Tempelkult zu schaffen. Die Vorschriften der Tora für den priesterlichen Dienst galten nun auch für diese Gemeinschaftsmahlzeiten. Um daran teilnehmen zu können, mussten die essenischen Männer - es waren nur Männer! - kultisch rein sein. Deswegen spielten Reinigungsrituale eine große Rolle. Mitten in der Wüste unterhielten sie darum in Qumran die notwendigen Reinigungsbäder.
Neben der strikten Orientierung an der Tora kommt ein zweiter theologischer Impuls bei den Essenern hinzu. Sie haben ein ausgesprochenes Endzeitdenken. Sie gehen davon aus, dass die Zukunftsankündigungen der Prophetenschriften des Alten Testaments in ihrer Gegenwart in Erfüllung gehen würden. Sie erwarteten darum unmittelbar das Weltende. Nachdem ein erster Termin, den sie berechneten, verstrichen war und der Lehrer der Gerechtigkeit gestorben war, errechneten sie den Termin für das Weltende neu auf das Jahr 70 n.Chr.
Für das Weltende erwarteten sie den Kampf der Söhne des Lichts - das waren die Essener selbst - gegen die Söhne der Finsternis - das waren allen voran die heidnischen Römer, aber auch jene Juden, die auf Distanz zu den Essenern gingen. Bis dorthin distanzierten sich die Essener von anderen jüdischen Gruppen oder Nichtjuden, übten aber keine Gewalt aus. Für das Ende der Zeit erwarteten die Essener einen priesterlichen und einen königlichen Messias.
In Qumran hatten die Essener wohl eine Art Verlagshaus, das Schriftrollen für die essenischen Gemeinschaften in den verschiedenen jüdischen Ortschaften herstellte. Gelegentlich wird von einem Kloster gesprochen. Die Essener lebten aber nicht grundsätzlich zölibatär. Allerdings kannten sie die lebenslange Einehe. Eine Wiederverheiratung war nicht möglich. Auch eine besondere Art der Gütergemeinschaft kannten die Essener.
Die Schriften der Essener sind wichtig für die Theologie geworden, weil sie deutlich machen, was innerhalb des Judentums dieser Zeit alles denkbar war. Viele essenische Ideen begegnen auch im Neuen Testament wieder. Dies heißt aber nicht, dass Jesus oder die ersten Christen Essener gewesen sind, sondern dass die Essener uns Anschauungen überliefern, die auch von anderen jüdischen Gruppen vertreten wurden.
Die Essener sind so als die jüdische Religionsgruppe zu verstehen, die sich am radikalsten gegen den Hellenismus abgrenzte. Unterschiede zwischen den Essenern und der Jesusbewegung gibt es vor allem im priesterlichen Elitedenken. Jesus unterschied nicht zwischen Priestern und Nichtpriestern, er grenzte auch nicht seine Anhänger als die Söhne des Lichtes von den Söhnen der Finsternis ab. Auch seine Zeitvorstellung war anders - dazu später mehr.
Die Siedlung in Qumran wurde im Jahre 70 n.Chr. von den Römern zerstört. Vorher hatten die Bewohner noch eilig ihre wertvollen Schriftrollen versteckt, die in diesem Jahrhundert wieder gefunden wurden. Das Ausbleiben des erwarteten Weltendes - eingetroffen war mit der Zerstörung von Qumran und des Tempels ja geradezu das Gegenteil des Erhofften - dürfte die Auflösung dieser Gruppe zusätzlich beschleunigt haben. Dennoch dürfte vieles essenische Gedankengut auch weiter im Judentum gewirkt haben und in das rabbinische Denken späterer Zeit, das sich dann im Talmud niederschlug, eingewandert sein.
Zusammenfassend lässt sich sagen: Die Essener sehen das Gottesvolk reduziert auf ihre Gruppe. Jüdische Identität ist Gruppenidentität. Diejenigen Juden, die außerhalb der Essener oder ihnen gar feindlich gegenüberstehen, gehören nicht zum Gottesvolk, sie sind Söhne der Finsternis.
Auch den Pharisäern geht es vor allem um das Leben nach der Tora. Doch sind sie in dieser Hinsicht nicht so streng konservativ wie die Essener. Sie sind bereit, die Gebote der Tora durch weitere - zunächst mündlich überlieferte - Traditionen zu ergänzen, die die Tora unter veränderten Bedingungen einhaltbar machen. Dazu gehen sie auch in engen Grenzen Kompromisse mit dem Hellenismus ein.
Wie andere jüdische Gruppen auch, warteten den Pharisäer auf einen neuen Himmel und eine neue Erde. Auch sie kannten wohl die Hoffnung auf einen Messias, der diese neue Zeit einleiten würde und damit auch das Ende der Römerherrschaft bringen würde. Eine ausgesprochene Naherwartung wurde jedoch nicht von allen vertreten.
Ziel der Pharisäer ist es, den ganzen Lebensalltag von der Tora her zu gestalten. Den Pharisäern wird dabei in der christlichen Tradition Gesetzlichkeit unterstellt. Es ist wichtig, dies differenzierter zu betrachten. Die Pharisäer sahen es keineswegs als ihren Verdienst an, zum Gottesvolk zu gehören und darum die Hoffnung zu haben, zum auserwählten Volk der zukünftigen Heilszeit hinzuzugehören. Es war reine Gnade, dass Gott mit seinem Volk seinen Bund geschlossen hatte. Hoffnung für die zukünftige Heilszeit konnte haben, wer in diesem Bund blieb. Indem er genau die Gebote und Verbote der Tora beachtete und Übertretungen der Tora auf die in der Tora gebotene Art und Weise sühnte. Für Pharisäer war das Leben nach der Tora also ein Leben zur Ehre Gottes, das zugleich die Hoffnung auf eine heilvolle Zukunft eröffnete. Diese Zukunft lag in der Treue Gottes begründet und nicht in den verdienstvollen Werken.
Allerdings, und hier spielte das eigene Verhalten eine entscheidende Rolle, war - nach Ansicht der Pharisäer - von den Juden ein toratreues, also ein bundestreues Verhalten gefordert. Wer sich anders verhielt, schloss sich aus dem Gottesvolk aus. Und dann konnte es schon vorkommen, dass Pharisäer stolz waren auf ihre Gesetzesfrömmigkeit - die ihnen auch einiges abverlangte. Dieser Stolz mündete sicher auch manches Mal in Überheblichkeit gegenüber Menschen, deren Leben der Tora an einigen Stellen widersprach. Jedoch konnte diese Überheblichkeit auch von pharisäischer Seite kritisiert werden.
Die Pharisäer waren vor allem in der Mittelschicht präsent. Sie bildeten keine abgeschlossenen Gruppen und prägten vor allem das religiöse Leben auf dem Lande. Sie nahmen am Tempelgottesdienst teil, pflegten aber vor allem auch den Synagogengottesdienst. Sie kannten Schriftgelehrte und Laien. Wichtig war ihnen vor allem das Studium der Tora. Nachdem sie lange in Opposition zu den Makkabäern standen, gelang es ihnen um 70 v.Chr. auch Machtpositionen im Staat zu besetzen. Seitdem hatten Pharisäer Sitz und Stimme im Synhedrium.
Die Pharisäer lehnten die Römerherrschaft zwar ab und mieden den Kontakt mit Römern, übten andererseits auch keine Gewalt gegen Römer aus. Nach den jüdischen Krieg waren sie als einzige Religionspartei noch einigermaßen intakt. Sie konnten so das spätere Judentum maßgeblich prägen. Ihre mündlichen Traditionen fanden so später zum Teil Eingang in den Talmud, ihre Torafrömmigkeit prägt das Judentum bis heute.
So lässt sich sagen: Die Pharisäer verstehen jüdische Identität als Toragehorsam des Bundesvolkes. Worin der Toragehorsam im Einzelfall besteht, ist innerhalb gewisser Grenzen diskutabel. Da diese Grenzen nicht genau gezogen werden, wird auch - im Gegensatz zu den Essenern - die Grenze des Gottesvolkes nicht genau definiert.
Für die Sadduzäer war das Zentrum des Judentums der Tempel. Der ordnungsgemäß durchgeführte Kult sollte das Wohlergehen Israels sichern. Deshalb war jedes Vorgehen gegen den Tempel - auch Jesu Tempelprotest zum Beispiel - ein direkter Angriff gegen sie.
Die Sadduzäer bezogen sich nur auf den Pentateuch, die prophetische Literatur galt bei ihnen nicht als heilige Schrift. Auch die mündlich tradierten Traditionen der Pharisäer lehnten sie ab. In der Folge hatten eine minimalistische Theologie: Eine eschatologische Zukunftserwartung, also die Erwartung, dass das Ende der Welt oder eine grundsätzliche Zeitenwende bevorstünde, lehnten sie ab, ebenso die Vorstellung einer individuellen Totenauferweckung. - Denn beide Themenkomplexe finden sich nicht in der Tora.
Im jüdischen Krieg, in dem zunächst die Zeloten, die den Aufstand gegen die Römer führten, den Tempel besetzten und in dem dann der Tempel von den Römern zerstört wurde, wurden die Sadduzäer zwischen den Fronten zerrieben.
Zusammenfassend lässt sich sagen: Die Sadduzäer definierten jüdische Identität primär über den Tempel. Das Gottesvolk ist das Volk, das den Tempelkult vertreten durch seine Priester ordnungsgemäß - und das heißt: toragemäß - vollzieht.
Die Zeloten definieren jüdische Identität als Toragehorsam, der aggressiv gegen die hellenistisch-römische Kultur und Fremdherrschaft durchgesetzt werden muss.
Johannes teilte die Meinung der Essener und anderer Gruppen, dass das Ende dieser Weltzeit zu ihrem Ende gekommen sei und das endzeitliche Gericht unmittelbar bevorstünde. Johannes war also ein Endzeitprophet.
Dabei ging er offenbar von einer entscheidenden Annahme aus. Im nahe bevorstehenden Gericht werden sich die Israeliten nicht mehr auf ihre Abrahamskindschaft, also auf den geschlossenen Bund berufen können. Sie sind alle diesem Gericht verfallen, es sei denn, sie kehren radikal um und lassen sich von Johannes taufen. Nur so werden sie dem kommenden Gericht entgehen. Umkehr vollzieht sich dabei auf dem Gebiet des konkreten Verhaltens. Inwiefern Johannes dieses geforderte Verhalten mit der Tora in Beziehung setzte, ist nicht mehr genau zu erkennen. Offenbar hatte auch er dabei einen antihellenistischen Zug. Johannes definiert damit die Zugehörigkeit zum Gottesvolk nicht mehr durch Abstammung, sondern durch vollzogene Umkehr und Taufe. Der Bund der Vergangenheit wird dadurch entwertet.
Relativ bald nach Jesu Tod und den Auferstehungserfahrungen der Jünger verbreitete sich diese neuen jüdische Bewegung unter den griechisch sprechenden Juden, die es in Jerusalem gab. Nach ersten Auseinandersetzungen mit Sadduzäern und Pharisäern flohen diese griechisch sprechenden Juden aus Jerusalem. Ihr Zentrum wurde bald Antiochia. Dort schlossen sich der jungen christlichen Gemeinde zum ersten Mal Nichtjuden an. Es entstand nun die Frage, ob es notwendig ist Jude zu sein und damit die Ritualgebote der Tora wie z.B. das Beschneidungsgebot einzuhalten, um Christ werden zu können. Das Urchristentum diskutierte diese Frage intensiv und entschied schließlich, dass ein gesetzesfreies Heidenchristentum, also ein Heidenchristentum ohne Einhaltung des jüdischen Ritualgesetzes möglich sei. Es blieb auch hier in der Spur Jesu, der die Ritualgesetze ebenfalls in ihrer Bedeutung relativiert hatte. Weil diese Entscheidung damals so getroffen wurde, kennen wir im Christentum die jüdischen Ritualgesetze bis heute nicht. Unsere Jungen werden nicht beschnitten, Reinheitsgebote spielen bei uns keine Rolle usw.
Für die verschiedenen jüdischen Gruppierungen brachte den entscheidenden Einschnitt der sog. erste jüdische Krieg. Von den Zeloten initiiert brachte dieser Aufstand gegen die Römer, der zunächst erfolgreich verlief, eine wichtige Zäsur. Der Tempel wurde zerstört und somit den Sadduzäern ihre geistige und finanzielle Grundlage entzogen. Diese Gruppe hörte auf zu existieren. Die Zeloten wurden von den Römern niedergemetzelt. Ihre begeisterte und fanatische Naherwartung hatte nach der Katastrophe ihre Glaubwürdigkeit verloren. Theologische Traditionen, die eine solche Naherwartung nährten und den militärischen Widerstand gegen die Fremdherrscher betonten wurden fortan im jüdischen Denken an den Rand gedrängt. Das zeigt sich z.B. daran, dass die entsprechenden Schriften nicht in die hebräische Bibel aufgenommen wurden. Die Spuren der Essener verlieren sich auch mit dem Jüdischen Krieg. Auch ihre Naherwartung war ja enttäuscht worden. Übrig blieben vor allem die Pharisäer. Ihre Traditionen prägten das Judentum weiter.
Gegen Ende des Jahrhunderts kommt es nun zu der Situation, dass das Judenchristentum zwischen dem immer stärker werdenden Heidenchristentum und dem Judentum zerrieben wird. Das Judentum schließt die judenchristlichen Gemeinden aus Synagogenverband aus. Damit wurde das Judenchristentum von jüdischer Seite nicht mehr als jüdisch anerkannt. Dem Heidenchristentum andererseits war die Gesetzesobervanz der Judenchristen suspekt. So kommt es gegen Ende des 1. Jahrhunderts zu einer schmerzhaften Trennung zwischen Judentum und Christentum. In dieser Zeit werden auch die meisten antijudaistische Äußerungen, die im Neuen Testament ihren Niederschlag gefunden haben, formuliert, die im Laufe der Jahrhunderte dann so verheerende Auswirkungen hatten.