Methoden und Kriterien bei der Rückfrage nach Jesus
Wie der Überblick über die Forschungsgeschichte deutlich machte,
können wir nicht einfach davon ausgehen, dass die in den kanonischen
Evangelien oder auch dem Thomas-Evangelium enthaltenen Überlieferungen
historische Erinnerungen enthalten. So ist denkbar, dass etwa ein überliefertes
Jesus-Wort entweder so von Jesus gesagt wurde, oder von Jesus ähnlich
gesagt wurde, aber durch Weglassen oder Ergänzung verändert wurde,
um es für eine neue Situation anzuwenden, oder gar nicht von Jesus
gesagt wurde, sondern erst nach Ostern im Namen Jesu entstanden ist.
Veränderung oder auch Neuschöpfung von Jesus-Überlieferung
muss dabei nicht selbstverständlich als Verfälschung der Jesus-Überlieferung
gewertet werden. So gingen die Christinnen und Christen nach Ostern - und
die Kirche bis heute - davon aus, dass Jesus im Geist gegenwärtig
sei, und dass es darum möglich sei, in in seinem Namen zu sprechen.
Auch Neuschöpfungen von Jesus-Überlieferungen müssen darum
nicht theologisch falsch sein, auch wenn sie sich historisch natürlich
nicht auf Jesus zurückführen lassen.
Grundsätzlich ist also Zweifel angebracht, ob eine Überlieferung
wirklich auf Jesus zurückgeht, ob sie also authentisch ist.
Darum kann man nicht davon ausgehen, dass alle Überlieferungen authentisch
sind und nur jene nicht, bei denen sich dies nachweisen lässt. Aber
auch umgekehrt ist nicht davon auszugehen, dass alle Überlieferungen
nach Ostern entstanden sind bis auf jene, bei denen sich der Ursprung bei
Jesus erweisen lässt.
Damit ist die Frage gestellt, wie authentische Überlieferungen
von nachösterlichen Veränderungen oder Neuschöpfungen zu
unterscheiden sind. Um diese Frage nicht dem Geschmack und damit der Beliebigkeit
zu überlassen, wurden in der historisch-kritischen Jesus-Forschung
eine Reihe von Kriterien entwickelt.
Dabei ist sinnvoller Weise zwischen positiven und negativen Kriterien
zu unterscheiden. Wenn positive Kriterien erfüllt sind, dann ist mit
der Authentizität einer Überlieferung zu rechnen. Sind negative
Kriterien erfüllt, dann ist damit zu rechnen, dass eine Überlieferung
nicht authentisch ist, dass sie also nach Ostern sekundär gebildet
wurde. Zu den positiven Kriterien gehören:
Die mehrfache Bezeugung
Ein sehr formales und darum gut handhabbares Kriterium ist das Kriterium
der mehrfachen Bezeugung. Die Wahrscheinlichkeit, dass eine Überlieferung
sich historischer Erinnerung an Jesus verdankt, ist um so größer,
je häufiger sich die Überlieferung in voneinander unabhängigen
Quellen findet. Oft existieren dabei verschiedene Versionen einer Überlieferung.
Dann ist zu fragen, wie wohl die älteste Fassung dieser Überlieferung
ausgesehen hat.
Allerdings darf hier nicht - wie bei anderen positiven Kriterien auch
- der Umkehrschluss gezogen werden: Eine Überlieferung, die nur einmal
bezeugt ist, kann trotzdem auf den historischen Jesus zurückgehen,
sie muss also nicht sekundär gebildet sein.
Das Differenzkriterium
Dieses erste Kriterium besagt, dass eine Überlieferung dann auf Jesus
zurückgeht, wenn sie sich unterscheidet, von Vorstellungen, die das
Judentum und später das Christentum zu der entsprechenden Frage vertritt.
Ein Beispiel hierzu ist das Verbot der Ehescheidung. Im Judentum ist die
Ehescheidung grundsätzlich erlaubt, strittig ist nur, in welchen Fällen
der Ehemann die Scheidung verlangen kann. Da auch die Griechen die Ehescheidung
kennen, hatte das Christentum große Probleme dieses Verbot in seiner
Eindeutigkeit durchzuhalten. So muss sich schon Paulus in 1.Kor.7 darum
bemühen, das Gebot in neuer Situation - der Ehe von Christen mit Nicht-Christen
- auszulegen. Auch das Matthäus-Evangelium fügt eine Ausnahme
hinzu: Im Falle von Ehebruch ist die Ehescheidung erlaubt (Mt.19,9 vgl.
Mk.10,11). Diese Mühe mit dem Verbot der Ehescheidung, die das Urchristentum
hatte, zeigt, dass dieses Gebot auf Jesus zurückgeht.
Das Differenzkriterium ist nicht ohne Problematik. So ist zunächst
davon auszugehen, dass Jesus sich nicht in allem, was er sagte und tat,
vom Judentum unterschied bzw. sich abgrenzen wollte. Auch ist es irrig
anzunehmen, das Christentum habe sich später in allen Dingen von der
Lehre Jesu abgewandt. Erarbeitet man also eine Jesus-Darstellung nur aus
Jesus-Überlieferungen, die mit dem Differenz-Kriterium gewonnen wurden,
so erhält man einen sehr un-jüdischen und un-christlichen Jesus,
der sicher nicht mit der historischen Wirklichkeit übereinstimmt.
Hinzu kommt, dass wir keine vollständige Kenntnis des Judentums zur
Zeit Jesu haben. Zwar wissen wir vieles, aber wie die Funde von Qumran,
die vorher bislang nicht Gekanntes ans Licht brachten, zeigten, sicher
nicht alles. Das Differenzkriterium muss darum vorsichtig und zurückhaltend
angewandt werden. So ist nur dann davon auszugehen, dass historische Jesus-Überlieferung
vorliegt, wo Jesus sich explizit vom Hauptstrom jüdischen Denkens
abgrenzt und diese Überlieferung auch nicht von nachösterlichen
Interessen und Bedürfnissen her zu erklären ist. Auch dort, wo
Jesus-Überlieferungen im Kontrast zu christlichen Konzeptionen stehen,
ist davon auszugehen, dass sie historische Erinnerungen wiedergeben.
Das Plausibilitätskriterium
Dieses Kriterium spricht Überlieferungen Authentizität zu, wenn
die Bestreitung ihrer Authentizität eine plausible Erklärung
der Geschichte der Jesus-Bewegung oder des Urchristentums unmöglich
machen würde. So wäre es zum Beispiel nicht mehr plausibel erklärbar,
warum von Jesus mehr Heilungs- und Wundergeschichten erzählt werden,
als von jeder andere Person der nahöstlichen Antike, wenn behauptet
würde, Jesus habe keine Heilungen vollzogen. Auch wäre es nicht
verständlich zu machen, warum Jesus als der Gekreuzigte verkündet
wurde - nach Paulus für die Juden ein Ärgernis und die Griechen
eine Torheit (1.Kor.1,23) - wenn Jesus nicht am Kreuz hingerichtet worden
wäre.
Das Kohärenzkriterium
Dieses Kriterium besagt, dass Überlieferungen, die inhaltlich und
formal mit dem zusammenstimmen, was anderweitig als authentisch erwiesen
ist, mit großer Wahrscheinlichkeit auch von Jesus stammen. Bei diesem
Kriterium ist die Gefahr eines Zirkelschlusses sehr groß: Ein bestimmtes
Jesus-Bild entscheidet darüber, welche Überlieferungen als authentisch
betrachtet werden. Diese Überlieferungen bestätigen dann wiederum
das vorausgesetzte Jesus-Bild. Dieses Kriterium kann darum nur in Verbindung
mit und aufbauend auf die anderen Kriterien sinnvoll angewandt werden.
Bei den negativen Kriterien sind zwei von großer Bedeutung:
Kriterium des hellenistischen Einflusses
Jesus stammte aus Galiläa, sprach aramäisch, las das Alte Testament
in hebräischer Sprache. Offenbar hielt er sich von den hellenistisch
geprägten Städten fern. Ob er griechisch sprach oder verstand,
ist zwar nicht auszuschließen, aber auch nicht zu beweisen. Wenn
darum eine Überlieferung durch hellenistisches Gedankengut und griechischer
Begrifflichkeit geprägt ist, das dem hebräisch-aramäischen
Denken und Sprechen fremd ist, oder wenn die Septuaginta (die im griechisch
sprechenden Judentum und auch im griechisch sprechenden Urchristentum verwendete
Übersetzung des Alten Testament) zitiert wird, dann ist von der nachösterlichen
Entstehung einer Überlieferung auszugehen.
Auch hier gilt nicht der Umkehrschluss. Texte, die sich unproblematisch
ins Aramäische zurückübersetzen lassen oder in denen sich
Spuren aramäischer Sprache finden (z.B. in ungewöhnlichen griechischen
Formulierungen, die sich jedoch gut als wörtliche Übertragung
aramäischer Ausdrücke verstehen lassen), müssen noch nicht
selbstverständlich auf Jesus zurückgehen. Denn auch die urchristlichen
Gemeinde in Palästina sprachen zunächst aramäisch.
Verdacht christlicher Prägung
Überlieferungen, die dazu dienen, eine umstrittene urchristliche Lehre
oder Praxis zu legitimieren, stehen in starkem Verdacht, nicht auf den
historischen Jesus zurückzugehen. Dieses Kriterium ist somit eine
Umkehrung des Differenzkriteriums. Nach diesem Kriterium steht z.B. die
Überlieferung, dass Jesus in Bethlehem geboren sei, stark unter dem
Verdacht, eine christliche Legende zu sein, die Jesu Messianität begründet,
da nach jüdischer Tradition (Micha 5,1; vgl. Joh.7,42+52) der Messias
in Bethlehem geboren werden soll. Da weder Paulus noch das Markus-Evangelium
etwas von einer Geburt in Bethlehem wissen und das Johannes-Evangelium
selbstverständlich davon ausgeht, dass Jesus aus Nazareth stammt (Joh.1,45f;
7,42), ist davon auszugehen, dass die Geburt Jesu in Bethlehem, wie sie
Matthäus und Lukas überliefern, eine urchristliche Legendenbildung
ist.
Alle diese Kriterien können sinnvoll nur im Verbund miteinander
angewandt werden. Wenn ein historisches Urteil auf mehrere Kriterien abgestützt
ist, dann ist es sicherer, als wenn es nur auf ein Kriterium zurückgreifen
kann. Historische Konzeptionen sind darum zunächst auf die Überlieferungen
zu stützen, für die sich sehr sichere Authentizitätsurteile
treffen lassen, und sollten nicht von Überlieferungen ausgehen, die
in ihrer Authentizität stark umstritten sind.
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