Text Kapitel aus dem Schript "Wer war, wer ist Jesus Christus?"
1999
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Methoden und Kriterien bei der Rückfrage nach Jesus

Wie der Überblick über die Forschungsgeschichte deutlich machte, können wir nicht einfach davon ausgehen, dass die in den kanonischen Evangelien oder auch dem Thomas-Evangelium enthaltenen Überlieferungen historische Erinnerungen enthalten. So ist denkbar, dass etwa ein überliefertes Jesus-Wort entweder so von Jesus gesagt wurde, oder von Jesus ähnlich gesagt wurde, aber durch Weglassen oder Ergänzung verändert wurde, um es für eine neue Situation anzuwenden, oder gar nicht von Jesus gesagt wurde, sondern erst nach Ostern im Namen Jesu entstanden ist. Veränderung oder auch Neuschöpfung von Jesus-Überlieferung muss dabei nicht selbstverständlich als Verfälschung der Jesus-Überlieferung gewertet werden. So gingen die Christinnen und Christen nach Ostern - und die Kirche bis heute - davon aus, dass Jesus im Geist gegenwärtig sei, und dass es darum möglich sei, in in seinem Namen zu sprechen. Auch Neuschöpfungen von Jesus-Überlieferungen müssen darum nicht theologisch falsch sein, auch wenn sie sich historisch natürlich nicht auf Jesus zurückführen lassen.

Grundsätzlich ist also Zweifel angebracht, ob eine Überlieferung wirklich auf Jesus zurückgeht, ob sie also authentisch ist. Darum kann man nicht davon ausgehen, dass alle Überlieferungen authentisch sind und nur jene nicht, bei denen sich dies nachweisen lässt. Aber auch umgekehrt ist nicht davon auszugehen, dass alle Überlieferungen nach Ostern entstanden sind bis auf jene, bei denen sich der Ursprung bei Jesus erweisen lässt.

Damit ist die Frage gestellt, wie authentische Überlieferungen von nachösterlichen Veränderungen oder Neuschöpfungen zu unterscheiden sind. Um diese Frage nicht dem Geschmack und damit der Beliebigkeit zu überlassen, wurden in der historisch-kritischen Jesus-Forschung eine Reihe von Kriterien entwickelt.

Dabei ist sinnvoller Weise zwischen positiven und negativen Kriterien zu unterscheiden. Wenn positive Kriterien erfüllt sind, dann ist mit der Authentizität einer Überlieferung zu rechnen. Sind negative Kriterien erfüllt, dann ist damit zu rechnen, dass eine Überlieferung nicht authentisch ist, dass sie also nach Ostern sekundär gebildet wurde. Zu den positiven Kriterien gehören:

Die mehrfache Bezeugung

Ein sehr formales und darum gut handhabbares Kriterium ist das Kriterium der mehrfachen Bezeugung. Die Wahrscheinlichkeit, dass eine Überlieferung sich historischer Erinnerung an Jesus verdankt, ist um so größer, je häufiger sich die Überlieferung in voneinander unabhängigen Quellen findet. Oft existieren dabei verschiedene Versionen einer Überlieferung. Dann ist zu fragen, wie wohl die älteste Fassung dieser Überlieferung ausgesehen hat.

Allerdings darf hier nicht - wie bei anderen positiven Kriterien auch - der Umkehrschluss gezogen werden: Eine Überlieferung, die nur einmal bezeugt ist, kann trotzdem auf den historischen Jesus zurückgehen, sie muss also nicht sekundär gebildet sein.

Das Differenzkriterium

Dieses erste Kriterium besagt, dass eine Überlieferung dann auf Jesus zurückgeht, wenn sie sich unterscheidet, von Vorstellungen, die das Judentum und später das Christentum zu der entsprechenden Frage vertritt. Ein Beispiel hierzu ist das Verbot der Ehescheidung. Im Judentum ist die Ehescheidung grundsätzlich erlaubt, strittig ist nur, in welchen Fällen der Ehemann die Scheidung verlangen kann. Da auch die Griechen die Ehescheidung kennen, hatte das Christentum große Probleme dieses Verbot in seiner Eindeutigkeit durchzuhalten. So muss sich schon Paulus in 1.Kor.7 darum bemühen, das Gebot in neuer Situation - der Ehe von Christen mit Nicht-Christen - auszulegen. Auch das Matthäus-Evangelium fügt eine Ausnahme hinzu: Im Falle von Ehebruch ist die Ehescheidung erlaubt (Mt.19,9 vgl. Mk.10,11). Diese Mühe mit dem Verbot der Ehescheidung, die das Urchristentum hatte, zeigt, dass dieses Gebot auf Jesus zurückgeht.

Das Differenzkriterium ist nicht ohne Problematik. So ist zunächst davon auszugehen, dass Jesus sich nicht in allem, was er sagte und tat, vom Judentum unterschied bzw. sich abgrenzen wollte. Auch ist es irrig anzunehmen, das Christentum habe sich später in allen Dingen von der Lehre Jesu abgewandt. Erarbeitet man also eine Jesus-Darstellung nur aus Jesus-Überlieferungen, die mit dem Differenz-Kriterium gewonnen wurden, so erhält man einen sehr un-jüdischen und un-christlichen Jesus, der sicher nicht mit der historischen Wirklichkeit übereinstimmt. Hinzu kommt, dass wir keine vollständige Kenntnis des Judentums zur Zeit Jesu haben. Zwar wissen wir vieles, aber wie die Funde von Qumran, die vorher bislang nicht Gekanntes ans Licht brachten, zeigten, sicher nicht alles. Das Differenzkriterium muss darum vorsichtig und zurückhaltend angewandt werden. So ist nur dann davon auszugehen, dass historische Jesus-Überlieferung vorliegt, wo Jesus sich explizit vom Hauptstrom jüdischen Denkens abgrenzt und diese Überlieferung auch nicht von nachösterlichen Interessen und Bedürfnissen her zu erklären ist. Auch dort, wo Jesus-Überlieferungen im Kontrast zu christlichen Konzeptionen stehen, ist davon auszugehen, dass sie historische Erinnerungen wiedergeben.

Das Plausibilitätskriterium

Dieses Kriterium spricht Überlieferungen Authentizität zu, wenn die Bestreitung ihrer Authentizität eine plausible Erklärung der Geschichte der Jesus-Bewegung oder des Urchristentums unmöglich machen würde. So wäre es zum Beispiel nicht mehr plausibel erklärbar, warum von Jesus mehr Heilungs- und Wundergeschichten erzählt werden, als von jeder andere Person der nahöstlichen Antike, wenn behauptet würde, Jesus habe keine Heilungen vollzogen. Auch wäre es nicht verständlich zu machen, warum Jesus als der Gekreuzigte verkündet wurde - nach Paulus für die Juden ein Ärgernis und die Griechen eine Torheit (1.Kor.1,23) - wenn Jesus nicht am Kreuz hingerichtet worden wäre.

Das Kohärenzkriterium

Dieses Kriterium besagt, dass Überlieferungen, die inhaltlich und formal mit dem zusammenstimmen, was anderweitig als authentisch erwiesen ist, mit großer Wahrscheinlichkeit auch von Jesus stammen. Bei diesem Kriterium ist die Gefahr eines Zirkelschlusses sehr groß: Ein bestimmtes Jesus-Bild entscheidet darüber, welche Überlieferungen als authentisch betrachtet werden. Diese Überlieferungen bestätigen dann wiederum das vorausgesetzte Jesus-Bild. Dieses Kriterium kann darum nur in Verbindung mit und aufbauend auf die anderen Kriterien sinnvoll angewandt werden.

Bei den negativen Kriterien sind zwei von großer Bedeutung:

Kriterium des hellenistischen Einflusses

Jesus stammte aus Galiläa, sprach aramäisch, las das Alte Testament in hebräischer Sprache. Offenbar hielt er sich von den hellenistisch geprägten Städten fern. Ob er griechisch sprach oder verstand, ist zwar nicht auszuschließen, aber auch nicht zu beweisen. Wenn darum eine Überlieferung durch hellenistisches Gedankengut und griechischer Begrifflichkeit geprägt ist, das dem hebräisch-aramäischen Denken und Sprechen fremd ist, oder wenn die Septuaginta (die im griechisch sprechenden Judentum und auch im griechisch sprechenden Urchristentum verwendete Übersetzung des Alten Testament) zitiert wird, dann ist von der nachösterlichen Entstehung einer Überlieferung auszugehen.

Auch hier gilt nicht der Umkehrschluss. Texte, die sich unproblematisch ins Aramäische zurückübersetzen lassen oder in denen sich Spuren aramäischer Sprache finden (z.B. in ungewöhnlichen griechischen Formulierungen, die sich jedoch gut als wörtliche Übertragung aramäischer Ausdrücke verstehen lassen), müssen noch nicht selbstverständlich auf Jesus zurückgehen. Denn auch die urchristlichen Gemeinde in Palästina sprachen zunächst aramäisch.

Verdacht christlicher Prägung

Überlieferungen, die dazu dienen, eine umstrittene urchristliche Lehre oder Praxis zu legitimieren, stehen in starkem Verdacht, nicht auf den historischen Jesus zurückzugehen. Dieses Kriterium ist somit eine Umkehrung des Differenzkriteriums. Nach diesem Kriterium steht z.B. die Überlieferung, dass Jesus in Bethlehem geboren sei, stark unter dem Verdacht, eine christliche Legende zu sein, die Jesu Messianität begründet, da nach jüdischer Tradition (Micha 5,1; vgl. Joh.7,42+52) der Messias in Bethlehem geboren werden soll. Da weder Paulus noch das Markus-Evangelium etwas von einer Geburt in Bethlehem wissen und das Johannes-Evangelium selbstverständlich davon ausgeht, dass Jesus aus Nazareth stammt (Joh.1,45f; 7,42), ist davon auszugehen, dass die Geburt Jesu in Bethlehem, wie sie Matthäus und Lukas überliefern, eine urchristliche Legendenbildung ist.

Alle diese Kriterien können sinnvoll nur im Verbund miteinander angewandt werden. Wenn ein historisches Urteil auf mehrere Kriterien abgestützt ist, dann ist es sicherer, als wenn es nur auf ein Kriterium zurückgreifen kann. Historische Konzeptionen sind darum zunächst auf die Überlieferungen zu stützen, für die sich sehr sichere Authentizitätsurteile treffen lassen, und sollten nicht von Überlieferungen ausgehen, die in ihrer Authentizität stark umstritten sind.

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