| Text | Kapitel aus dem Schript "Wer war, wer ist Jesus Christus?"
1999 |
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Mehr über Jesus berichten dagegen die vier Evangelien. Matthäus, Markus, Lukas und Johannes. Weil die ersten drei sehr ähnlich im Aufbau und Inhalt sind und sie sich so gut miteinander vergleichen lassen, nennt man sie auch die synoptischen Evangelien oder kurz die Synoptiker (von griech. synoptein = zusammenschauen).
Die Entstehung der Evangelien muss man sich als einen komplizierten Prozess vorstellen. Er wurde von der historischen Jesus-Forschung inzwischen relativ gut aufgehellt. So wurden zunächst Erinnerungen daran, was Jesus getan und gesagt hatte, weitererzählt. Um diese Überlieferungen im Gottesdienst, im Unterricht und in der Mission verfügbar zu haben, wurden wahrscheinlich schon einige Jahre nach Jesu Tod erste Überlieferungen aufgeschrieben. So dürften Sammlungen von Aussprüchen Jesu oder ein Bericht von Jesu Verurteilung, Leiden und Tod schon einige Jahre nach Jesu Tod entstanden sein. Daneben gab es aber immer noch einen Strom der mündlichen Überlieferung. Erst in der zweiten und dritten Generation entstand das Bedürfnis, diese mündlichen und schriftlichen Überlieferungen zu einer Gesamtdarstellung des Wirkens Jesu zu vereinen. So wurde um das Jahr 70 herum, also etwa 40 Jahre nach Jesu Tod, als erstes das Markus-Evangelium verfasst. Es ist das kürzeste der biblischen Evangelien. In den folgenden zwei oder drei Jahrzehnten entstanden dann unabhängig voneinander das Matthäus-Evangelium und das Lukas-Evangelium. Beide verwendeten das Markus-Evangelium als Vorlage. Außerdem greifen sie, wie ihre wörtliche Übereinstimmung in Texten, die nicht aus dem Markus-Evangelium stammen, auf eine schriftlich vorliegende Sammlung von Aussprüchen Jesu zurück. Diese Spruchquelle, oder mit dem gleichbedeutenden Fremdwort auch Logienquelle genannt und in der Regel einfach mit Q abgekürzt, dürfte schon in den 40er Jahren entstanden sein, ist aber verloren gegangen. Wir können sie nur durch Vergleich der Evangelien rekonstruieren. Matthäus und Lukas verwenden darüber hinaus auch weitere mündliche oder auch schriftlich vorliegende Überlieferungen zurück. Man bezeichnet sie, weil sie nur bei dem entsprechenden Evangelisten tradiert sind, als Sondergut. So stammt zum Beispiel das Gleichnis vom Verlorenen Sohn aus dem Sondergut des Lukas-Evangeliums. Diese Erklärung der Entstehung der Evangelien, die - mit kleinen Abweichungen im Detail - in der internationalen Jesus-Forschung weitgehend akzeptiert ist, wird als Zwei-Quellen-Theorie bezeichnet.
Das Johannes-Evangelium unterscheidet sich in Stil und Aufbau von den synoptischen Evangelien. Auch dieses Evangelium greift wohl auf schriftliche Quellen zurück und wurde wohl später auch ergänzt und überarbeitet. Es dürfte gegen Ende des 1. Jahrhunderts entstanden sein. Ob der Verfasser bzw. die Bearbeiter die synoptischen Evangelien kannten, ist umstritten. Auf jeden Fall greift das Johannes-Evangelium nicht auf sie zurück. Schon im 19. Jahrhundert wurde klar, dass die synoptischen Evangelien als Quelle dem Johannes-Evangelium vorzuziehen sind. Bieten sie überwiegend knappe Erzählungen und höchsten kurze Dialoge, so finden sich im Johannes-Evangelium häufig lange Monologe Jesu, die theologisch durchkomponiert sind und sich weniger dem historischen Jesus als vielmehr dem Verfasser des Johannes-Evangeliums verdanken. Doch schließt dies nicht aus, dass auch das Johannes-Evangelium historisch Zutreffendes über Jesus überliefert.
Quellenkritisch betrachtet lassen sich aus den vier Evangelien fünf
unabhängige Quellen ermitteln:
- die Logienquelle
- das Markusevangelium
- das Sondergut des Matthäus-Evangeliums
- das Sondergut des Lukas-Evangeliums
- das Johannes-Evangelium
Der größte Teil der außerkanonischen Literatur entstand erst im 2. und 3. Jahrhundert. Ein Teil dieser außerkanonischen Texte, die von Jesus erzählen, steigern Jesu Wirken ins absolut Wunderbare. Sie schmücken zum Beispiel die Kindheitsgeschichte mit frommer Fantasie aus. Sie haben darum für die historische Rückfrage nach Jesus kaum eine große Bedeutung.
Bedeutsamer für die historische Rückfrage nach Jesus sind Überlieferungen von Jesus-Worten. Sie finden sich auf einigen Papyrus-Bruchstücken, die zu Schriften gehören, die den Evangelien ähnlich scheinen. Und sie finden sich in Briefen und theologischen Werken der sogenannten Kirchenväter: Theologen des 2. bis 4. Jahrhunderts. Wichtig sind hier die Schriften des 2. Jahrhunderts, die als Apostolische Väter bezeichnet werden. Diese Jesus-Überlieferungen können durchaus noch historische Erinnerungen enthalten, da damit zu rechnen ist, dass bis ins 2. Jahrhundert hinein historische Erinnerungen an Jesus auch mündlich weitergegeben wurden. Allerdings sind auch hier Prozesse der Bearbeitung, Veränderung und auch Neubildung von Jesus-Überlieferung festzustellen.
Einen besondere Rolle in der außerkanonischen Literatur nimmt das sogenannte Thomas-Evangelium ein. Es ist eine Sammlung von 114 Aussprüchen Jesu, die ohne erzählerischen Rahmen einfach hintereinander aufgereiht wurden. Etwa die Hälfte dieser Aussprüche hat Parallelen in den kanonischen Evangelien. 1945 wurde eine koptische Übersetzung des Thomas-Evangeliums in Ägypten bei einer archäologischen Grabung entdeckt. Sie stimmen mit griechischen Bruchstücken überein, die schon um die Jahrhundertwende entdeckt wurden.
Das Thomas-Evangelium ist von einer Theologie geprägt, die der Gnosis nahesteht. Die Gnosis ist eine Weltanschauung, die im Umfeld des Christentums aber auch unabhängig davon bezeugt ist. Sie geht davon aus, dass die Welt unter der Herrschaft finsterer Mächte steht, dass aber der Mensch in sich einen Funken des himmlischen Lichtes trage. In der christlichen Gnosis wird Jesus als der göttliche Bote verstanden, der das göttliche Licht zu den Menschen bringt und in ihnen entfacht und ihnen somit wieder den Zugang zum himmlischen Licht verschafft. Durch ein asketisches Leben, das der Welt entsagt, kann nun der Mensch in der Nachfolge Jesu selbst Anteil an der göttlichen Lichtwelt gewinnen.
Zur Zeit ist umstritten, wie alt das Thomas-Evangelium ist. Wahrscheinlich entstand es schon im 1. Jahrhundert. Einige Forscher nehmen an, dass es älter sei, als die synoptischen Evangelien, andere gehen davon aus, dass der Verfasser die Synoptiker benutzt habe und dass das Thomas-Evangelium darum jünger ist. Es ist sinnvoll, das Thomas-Evangelium als eigene Quelle für die historische Rückfrage nach Jesus zu verwenden. Jedoch sollte man - wie auch beim Johannes-Evangelium - diese Quelle zurückhaltender verwenden als die synoptischen Evangelien.
Auf eine besondere Problematik der kanonischen wie außerkanonischen Quellen sei hier noch einmal hingewiesen: Sie sind alle nicht in der Sprache überliefert, die Jesus selbst sprach. Das neue Testament ist in griechisch überliefert, das Thomas-Evangelium gar in den größten teilen als koptische Übersetzung der griechischen Version. Aramäische Aufzeichnungen, die es höchstwahrscheinlich auch gab, sind nicht mehr erhalten.
Wichtiger für die historisch-kritische Jesus-Forschung sind jene
Texte, aus denen sich Informationen über das religiöse, soziale,
politische und wirtschaftliche Leben zur Zeit Jesu gewinnen lassen. Hier
sind besonders wichtig:
- die Schriften des jüdischen Historikers Josephus, der
am Ende des 1. Jahrhunderts zwei ausführliche Darstellungen der jüdischen
Geschichte verfasst.
- jüdische Schriften, die keinen Eingang mehr in das Alte Testament
fanden, die sogenannten Apokryphen des Alten Testaments. Hier gibt
es eine große Zahl von verschiedenartigen Schriften. Sie sind teilweise
mit der Bibel überliefert worden. Einige wurden auch erst in jüngerer
Zeit entdeckt.
- die Schriften, die in der 40er und 50er Jahren in den Höhlen
von Qumran gefunden wurden. Hierbei handelt es sich um die religiöse
Überlieferung einer jüdischen Gruppierung, die in Opposition
zum Jerusalemer Tempel stand, ihre eigne Art der Schriftauslegung praktizierte
und eine Endzeiterwartung teilte. Entgegen aller in jüngster Zeit
auflagenstark erschienenen pseudowissenschaftlichen Enthüllungen lässt
sich klar die seriöse wissenschaftliche Position festhalten: Die Schriften
von Qumran sind erstens bis auf kleine Fragmente - es handelt sich um kleine,
nur schwer zu identifizierende Bruchstücke - alle wissenschaftlich
erschlossen und werden nicht unter Verschluss gehalten. Und zweitens findet
sich in den Schriften von Qumran kein direkter Hinweis auf Jesus oder das
Urchristentum. Dennoch sind sie wichtig für die historische Jesus-Forschung,
da sie zeigen, was und wie zur Zeit Jesu gedacht werden konnte.
- weitere jüdische Schriften, wie zum Beispiel die des jüdischen
Gelehrten Philo von Alexandrien, der im 1. Jahrhundert in Ägypten
lebte, oder Schriften, die zum Teil erst später entstanden, wie die
Mischna und der Talmud, die aber auch Vorstellungen und Bibelauslegungen
enthalten, die bis auf die Zeit Jesu zurückreichen.