Text Kapitel aus dem Schript "Wer war, wer ist Jesus Christus?"
1999
Copyright: M.Kreplin

gewerbliche Nutzung nur nach Zustimmung des Autors

Zur Homepage



 

Die Bedeutung historischer Jesus-Forschung für den christlichen Glauben und die kirchliche Lehre

Die christliche Kirche ging von Anfang an davon aus, dass die Auferweckung Jesu ein objektives Geschehen war und dass darum Jesus nicht nur als vergangene, sondern als lebendig gegenwärtige Person zu verstehen ist. Was uns Jesus zu vermitteln hat, ist darum nicht nur durch Rückgriff auf den historischen Jesus zu erfahren, sondern auch durch Hören auf jene Zeugen, die vom Heiligen Geist begabt im Namen Jesu sprechen. Die Kirche hat sich dabei entschieden, neben der Erinnerung an den historischen Jesus auch die Lehren der ersten Zeugen, der sogenannten Apostel, zum Maßstab für ihre Lehre zu machen. Darum musste auch das Neue Testament entstehen, das beides überliefert: das Wirken Jesu und die apostolische Lehre. Dort wo in Übereinstimmung mit dem Zeugnis des historischen Jesus und dem Zeugnis der apostolischen Zeugen gesprochen und gehandelt wird, sind auch heute noch Menschen im Namen Jesu tätig.

Wenn davon ausgegangen wird, dass nicht nur das Wirken des historischen Jesus, sondern auch das Zeugnis des nachösterlichen Urchristentum, im Namen Jesu abgelegt, als Offenbarung Gottes zu verstehen ist, dann wird eine Jesus-Überlieferung für die kirchliche Lehre und den christlichen Glauben nicht dadurch irrelevant, dass durch die historische Forschung ihre nachösterliche Entstehung erwiesen wird. Die historische Forschung kann also nicht dazu dienen, um gültige von ungültiger Jesus-Überlieferung zu unterscheiden. Nicht der historische Jesus allein, sondern historischer Jesus und nachösterliches Glaubenszeugnis zusammen begründen den christlichen Glauben.

Damit wird aber umgekehrt die historische Rückfrage nach Jesus nicht irrelevant. Denn wer historisch das Neue Testament wahrnimmt, wird erkennen, dass sich in ihm eine Vielzahl sich unterscheidender theologischer Entwürfe enthalten ist, die sich nicht immer alle auf einen Nenner bringen lassen. Darum ist die Frage aufgeworfen, worin die Mitte des Neuen Testaments zu finden ist, die das Zentrum des christlichen Glaubens ausmacht. Von dort aus können dann einzelne Sondertraditionen bewertet und gegebenenfalls auch in ihrer Verbindlichkeit abgewertet werden.

Indem das Christentum von Anfang an daran festgehalten hat, dass in Jesus - und zwar im historischen Jesus wie in der nachösterlichen Verkündigung in seinem Namen - die maßgebliche Offenbarung Gottes erfolgte, ist die Mitte des christlichen Glaubens dort zu finden, wo historischer Jesus und nachösterliche Verkündigung im Namen Jesu sachlich übereinstimmen. Diese Übereinstimmung kann sich dabei verschiedener sprachlicher Ausdrucksformen bedienen, muss aber inhaltlich dasselbe meinen.

Der Rückgriff auf den historischen Jesus geschieht dabei aus nachösterlicher Perspektive auf zweierlei Weise: So wird zunächst seine Lehre weitergeführt. Daneben wird sein Geschick - in erster Linie sein Tod und seine Auferstehung - gedeutet. Weiterführung von Lehre und Deutung von Geschick sind kategorial verschieden. Lehre kann im Prinzip wiederholt werden, wenn sie auch auf neue Situationen angepasst werden muss. Das Geschick Jesu muss gedeutet werden. Dies ist ein grundsätzliches Hinausschreiten über die historischen Fakten, das allerdings auf die Historizität bestimmter Fakten des gedeuteten Geschehens angewiesen ist. Die Deutung eines Geschehens - so auch des Geschicks Jesu - ist außerdem erst richtig möglich im Rückblick auf ein abgeschlossenes Geschehen. Eine Deutung verliert darum noch nicht ihre Legitimität, wenn sie während des Geschehens nicht so ausgesprochen wurde. Deutungen des Todes Jesu sind darum noch nicht falsch, wenn sie sich nicht auf Jesus selbst zurückführen lassen. Darum sind für die Deutungen des Geschicks Jesu vor allem die nachösterlichen Deutungsmodelle relevant.

So ergeben sich für die Grundlegung der kirchlichen Lehre drei Überlieferungsstränge:

- die Verkündigung des historischen Jesus, die durch die historisch-kritische Jesus-Forschung zu rekonstruieren ist.
- die nachösterliche Lehre der apostolischen Zeugen.
- die Deutung des Geschicks Jesu aus nachösterlicher Perspektive. Dabei ist zu fragen, ob die Historizität von Fakten, die in den Deutungen vorausgesetzt werden, gegeben ist. Hier zeigt sich jedoch recht schnell: Alle Punkte, die für die christliche Deutung des Wirkens Jesu von Relevanz sind (seine historische Existenz, das Sammeln von Jüngern, sein freiwilliges Gehen in den Tod, seine Kreuzigung) sind historisch unstrittig oder - wie die Auferstehung - historischer Forschung unerreichbar. Historische Forschung kann hier allerdings dazu dienen, weitere Details aus dem leben Jesu zugänglich zu machen und so eventuell die Voraussetzung für neue Deutungen seines Geschicks zu liefern. So wäre zum Beispiel die Zurückhaltung, mit der Jesus sein sehr anspruchsvolles Selbstverständnis zum Ausdruck bringt, als Modell christlicher Existenz zu deuten.

Christlicher Glaube hat dort seine Mitte, wo diese drei Überlieferungsstränge sachlich zusammenstimmen. In wenigen Strichen skizziert wäre hier anzuführen:
- Jesus verkündigte die nahegekommene Gottesherrschaft, der alle gewiss sein können. Das Urchristentum verkündigte Jesu Tod und seine Auferstehung als Grund der Versöhnung mit Gott. Christen können darum der Güte Gottes gewiss sein, können ihn als barmherzigen Vater anreden.
- Jesus verkündigte, dass die Gottesherrschaft ein Geschenk ist, das nicht verdient werden kann, dass Gott uns vielmehr trotz unserer Verfehlungen anbietet. Paulus spricht später von der Rechtfertigung im Glauben und nicht auf Grund von Werken. Christen gehen darum davon aus, dass die Beziehung zu Gott sich dessen Gnade und nicht menschlicher Leistung verdankt.
- Jesus verkündigte, dass das Annehmen der Gottesherrschaft sich in tätiger Liebe vollzieht, die keine Grenzen kennt, sondern auch den Feind einschließt. Für das nachösterliche Urchristentum war das Liebesgebot die Zusammenfassung des Gesetzes. Christen gehen darum davon aus, dass von ihnen unbedingte Liebe zu allen Menschen gefordert ist, die die unbegrenzte und unbegründete Liebe Gottes zu ihnen widerspiegelt.
- Jesus sammelte Jünger und gründete den Zwölferkreis als Repräsentation des eschatologischen Gottesvolkes. Für das Urchristentum war die Kirche der Ort, an dem Gottes Geist in der Welt am Wirken war. Christen gehen darum davon aus, dass die Kirche eine Gemeinschaft ist, in der Gottes Geist am Wirken ist und immer wieder wirken soll, auch wenn sie als menschliche Gemeinschaft unlösbar der Sünde verhaftet bleibt.
- Jesus verkündigte die in der Zukunft sich vollendende Gottesherrschaft. Das Urchristentum verkündete Jesus als den Auferstandenen und als den kommenden Richter. Christen gehen darum davon aus, dass die Geschichte der Welt und der Menschen ein Ziel hat: Gott wird diese Welt einmal zurechtbringen. Damit gibt es eine kollektive Hoffnung auf eine friedvolle Welt als auch eine individuelle Hoffnung auf ein Leben nach dem Tod.

So zeigt sich, dass gerade die historische Rückfrage nach Jesus den christlichen Glauben zwar nicht beweisen kann, ihm aber zu einer inhaltlichen Klärung verhelfen kann und muss.

Zum Seitenanfang