Seht auf und erhebt eure Häupter, weil sich eure Erlösung
naht - Pfarrer-Hauser-Predigt über Lk.21,25-31 - Schmieheim, 2.
Advent, 7.12.2008
Seht auf und erhebt eure Häupter, weil sich eure Erlösung naht
Es war Montag nach dem 1. Advent.
Pfarrer Manfred Hauser hatte gerade einen ersten Blick in den
Predigttext des nächsten Sonntags geworfen und war dann zur
Tür gegangen, weil der Briefträger geklingelt hatte. Mit
einem Stapel von Briefen, Zeitschriften und Drucksachen kehrte er in
sein Arbeitszimmer zurück. Als er den Stapel sortierte, fiel sein
Blick auf eine Postwurfsendung. Die Bilder, die dort abgedruckt waren,
erinnerten ihn an zwei Katastrophenfilme. Zunächst an „The
Day after Tomorrow", ein Film, der schildert, wie durch eine
Klimakatastrophe in kurzer Zeit eine Eiszeit ausbricht und New York
zunächst im Meer versinkt und dann unter Eismassen begaben wird.
Und an einen anderen Film, der von der Kollision eines riesigen
Meteoriten mit der Erde erzählt und davon, dass damit fast alles
Leben auf der Erde ausgelöscht wird. Mit großen Lettern
stand dann quer über diesen Bildern geschrieben: „Das Ende
ist nahe! Kehre um! Das ist deine letzte Chance." Und dann folgte auf
dem Blatt eine lange Litanei von Bibelstellen. Sie sollten als Belege
dienen, dass die Katastrophen der letzten Jahre eindeutige Hinweise
darauf seien, dass der Weltuntergang und der Jüngste Tag mit dem
Endgericht Gottes unmittelbar bevorstünden. Die
Terroranschläge vom 11. September 2001, der Tsunami an Weihnachten
2004, der Klimawandel, die Finanzkrise und manches mehr wurden in
diesem Faltblatt als Erfüllung biblischer Prophezeiungen auf den
Jüngsten Tag gedeutet. Das ganze mündete dann in einen Aufruf
zur Bekehrung zum einzigen Retter Jesus Christus. Ganz unten war dann
schließlich eine Adresse in Bayern angegeben.
Manfred Hauser hätte den Zettel gleich in den Papierkorb geworfen,
wenn er nicht beim Überfliegen an einigen Worten hängen
geblieben wäre, die er gerade einige Minuten zuvor in seiner Bibel
gelesen hatte. Teile aus dem Predigttext für den 2. Advent waren
nämlich auf diesem Faltblatt auch abgedruckt. Manfred Hauser
setzte sich daraufhin an seinen Schreibtisch, schlug seine Bibel noch
einmal auf und las diese Worte aus dem 21. Kapitel des
Lukas-Evangeliums ein weiteres Mal:
Und es werden Zeichen geschehen an Sonne und Mond und Sternen, und auf
Erden wird den Völkern bange sein, und sie werden verzagen vor dem
Brausen und Wogen des Meeres, und die Menschen werden vergehen vor
Furcht und in Erwartung der Dinge, die kommen sollen über die
ganze Erde; denn die Kräfte des Himmels werden ins Wanken kommen.
Und alsdann werden sie sehen den Menschensohn kommen in einer Wolke mit
großer Kraft und Herrlichkeit. Wenn aber dieses anfängt zu
geschehen, dann seht auf und erhebt eure Häupter, weil sich eure
Erlösung naht. Und er sagte ihnen ein Gleichnis: Seht den
Feigenbaum und alle Bäume an: wenn sie jetzt ausschlagen und ihr
seht es, so wisst ihr selber, dass jetzt der Sommer nahe ist. So auch
ihr: wenn ihr seht, dass dies alles geschieht, so wisst, dass das Reich
Gottes nahe ist. (Lk.21,25-31)
Manfred Hauser schüttelte den Kopf: „Nein, es war nicht
sinnvoll diese biblischen Texte als Prophezeiungen auf die Gegenwart zu
beziehen. Schon viele Jahrhunderte lang hatten Menschen das immer
wieder getan: Als im Mittelalter die Pest ausbrach und ein Drittel der
Menschen starben, als der 30-jährige Krieg weite Landschaften
verwüstete und manche Gegenden danach fast menschenleer waren,
nach den großen Erdbeben von 1755, in dem Lissabon dem Erdboden
gleich gemacht wurde. Oder auch nach der Explosion des Vulkans Krakatau
1883 in Indonesien, deren Knall noch 3000 Kilometer entfernt zu
hören war und dessen Asche den Himmel auf der ganzen Welt
eintrübte, so dass es auch in Europa eine ganze Weile zu ganz
ungewöhnlich roten Sonnenuntergängen kam. Von den
großen Kriegen und ihren Zerstörungen nicht zu reden. All
diese Katastrophen wurden immer wieder mit diesen biblischen Texten in
Zusammenhang gebracht und als Vorboten des Weltuntergangs verstanden.
Aber bis auf den heutigen Tag hatte Gott diesen Jüngsten Tag nicht
herbeigeführt - wenn auch die Welt immer wieder an den Rand des
Untergangs gekommen war. Wer die biblischen Texte als Prophezeiungen
auf den Weltuntergang liest, die in der Gegenwart sich erfüllen,
der landet schnell auf Glatteis. Wie zum Beispiel die Zeugen Jehovas,
die schon mehrmals den errechneten Termin für den jüngsten
Tag verschoben hatten.
Wenn diese biblischen Texte, die vom Weltuntergang und Jüngsten
Tag reden, also nicht als Prophezeiung zu lesen sind - wie sind sie
dann zu verstehen? Und" - ging es Manfred Hauser durch den Kopf:
„Was soll ich darüber predigen?"
Noch einmal las er den Text. Dabei blieb er bei einem Vers hängen,
der eine Erinnerung weckte: Seht auf und erhebt eure Häupter, weil
sich eure Erlösung naht. - Manfred Hauser schlug sein Gesangbuch
auf. Ja, unter der Nummer 21 stand eine Vertonung dieses Verses. Leise
summte Manfred Hauser die Melodie.
Gemeinde singt: EG 21 (Seht auf und erhebt eure Häupter)
Am Dienstag Nachmittag machte sich Manfred Hauser auf den Weg, um
Eberhard Vogel zu besuchen. Eberhard Vogel war Ende vierzig und
arbeitete in leitender Position bei der Volksbank-Zentrale in der
nächst größeren Stadt. Er war verheiratet und hatte
eine sechszehnjährige Tochter. Er war lange Zeit Mitglied des
Kirchenchores gewesen, dann aber seit einem halben Jahr nicht mehr zu
den Proben gekommen. Keiner wusste so richtig, warum. Dann hatte
Manfred Hauser vor einigen Tagen gerüchteweise erfahren, dass
Eberhard Vogel bei der Volksbank fristlos gekündigt worden war. Es
wurde etwas von Unterschlagung gemunkelt.
Manfred Hauser war nicht wohl in seiner Haut. Sollte er Eberhard Vogel
auf die Gerüchte hin ansprechen? War das nicht unverschämt?
Andererseits: Wenn an den Gerüchten etwas dran war, brauchte er
vielleicht gerade jetzt jemand, der ihm beistand. Also war es sinnvoll,
einen Besuch zu machen. Aber wie den Anfang finden?
Sehr unsicher klingelte Manfred Hauser an der Tür des
Einfamilienhauses von Familie Vogel. Als sich die Tür
öffnete, stand Eberhard Vogel darin. „Das ist aber
schön, dass Sie kommen, Herr Hauser" - sagte er gerade heraus.
„Und ich hab schon gedacht, jetzt wo die Sache geplatzt ist,
werde ich von allen geschnitten werden." Und mit diesen Worten
führte er Manfred Hauser ins Wohnzimmer und bot ihm einen Platz an
auf der großen Couch-Garnitur.
Nach einem Moment peinlicher Stille fing Manfred Hauser vorsichtig an:
„Wollen Sie mir von der ganzen Sache erzählen?" - Eberhard
Vogel nickte mehrmals stumm mit dem Kopf, wie wenn er sich Mut machen
wollte, und sagte dann: „Ja, das wird wohl das Beste sein." Und
dann fing er nach einem weiteren Moment des Zögerns langsam an:
„In der vorletzten Woche wurde mir bei der Volksbank fristlos
gekündigt, weil bei einer Überprüfung der Buchhaltung
festgestellt wurde, dass ich gut 50.000 Euro unterschlagen habe. Das
sind die Fakten. Und ich bin irgendwie froh, dass es jetzt rausgekommen
ist."
Nach einer Pause fuhr er fort, wie um zu erklären: „Sie
müssen wissen: Wenn Sie jeden Tag mit Beträgen zu tun haben,
die in die Hundertausende und Millionen gehen, dann ist die Versuchung
groß. Also habe ich mir mal für zwei Tage 100.000 Euro
ausgeliehen, gerade so lange, wie die Umbuchung von einem Konto zum
anderen Konto dauert, so dass es nicht auffällt. Und dann
spekulierte ich an der Börse damit. Einige Zeit ging das ganz
prima und ich habe einiges verdient damit. Und es hat ja auch niemand
geschadet. Das ausgeliehene Geld habe ich immer wieder
zurückbezahlt. Aber seit vor einigen Monaten die Börsenkurse
fast nur noch nach unten gingen, habe ich immer nur Verluste gemacht.
Und dann bin ich unter immer größeren Druck gekommen. Ich
musste mit neuem Geld spekulieren, um die alten Verluste auszugleichen,
und habe noch mehr verloren. Vor zwei Wochen konnte ich dann nicht mehr
schnell genug die Verluste ausgleichen, und da ist dann der Fehlbetrag
aufgeflogen. Jetzt bin ich meinen Job los, habe 50.000 Euro Schulden
und eine Anzeige wegen Untreue am Hals. Ich werde wohl nicht ins
Gefängnis kommen, aber auf eine Bewährung werde ich wohl
verurteilt. Das meint jedenfalls mein Anwalt." Die ganze Zeit hatte
Eberhard Vogel völlig sachlich über die ganze Sache
berichtet; jetzt nahm er aber den Kopf in die Hände. Manfred
Hauser glaubte, ein leises Schluchzen zu hören.
Während Manfred Hauser noch überlegte, wie er reagieren
sollte, kam plötzlich Frau Vogel ins Wohnzimmer herein. Sie
begrüßte kurz Manfred Hauser, setzte sich dann zu ihrem Mann
aufs Sofa und legte ihm die Hand auf den Rücken. „Es ist
gut, dass es rausgekommen ist", sagte sie. Und dann zu ihrem Mann:
„Wir werden das schon gemeinsam schaffen! - Weißt du: In
den letzten Monaten habe ich mir solche Sorgen gemacht. Du warst immer
bedrückter, immer abweisender. Ich wusste, dass etwas nicht mit
dir stimmt, aber ich wusste nicht was. Und du wolltest auch nicht
darüber sprechen. Ich hab mir tausend Gedanken gemacht. Jetzt ist
es raus, und du hast einen Fehler gemacht. Aber ich lasse dich deshalb
nicht im Stich."
Eberhard Vogel setzte sich wieder auf. In seinen Augenwinkeln
glitzerten Tränen. „Ja, es ist gut, dass es raus ist. Ich
habe es in den letzten Wochen ja selbst nicht mehr ausgehalten. Ich
konnte meinem Chef und meiner Frau nicht mehr in die Augen schauen. Ich
war die ganze Zeit unruhig und nervös. Ich hatte solche Angst,
dass alles aufliegt, solche Angst... Aber jetzt, wo es aufgeflogen ist,
da kann ich jetzt wieder ein aufrechter Mensch sein... Ich habe einen
großen Fehler gemacht! Aber jetzt - wo dich diesen Fehler nicht
mehr verstecken muss - kann ich erhobenen Hauptes allen wieder entgegen
treten. Ich kann jetzt versuchen den Schaden wieder gut zu machen. Ich
muss jetzt eine neue Arbeit suchen. Und ich kann hoffen, dass das
Gericht mit mir milde umgeht. Und ich weiß, dass meine Frau zu
mir hält. Obwohl ich einen solchen Fehler gemacht habe. Und das
tut gut. Wissen Sie, was das Beste ist: Ich schäme mich, aber ich
kann wieder aufrecht gehen."
Als Manfred Hauser an diesem Nachmittag nach Hause ging, lag ihm wieder
ein Lied auf den Lippen: Seht auf und erhebt eure Häupter, denn
eure Erlösung ist nah.
Gemeinde singt: EG 21 (Seht auf und erhebt eure Häupter)
Am Freitag dieser Woche machte sich Manfred Hauser nun daran, seine
Predigt zu schreiben. Und noch einmal las er diesen Predigttext aus dem
Lukas-Evangelium: Und es werden Zeichen geschehen an Sonne und Mond und
Sternen, und auf Erden wird den Völkern bange sein, und sie werden
verzagen vor dem Brausen und Wogen des Meeres, und die Menschen werden
vergehen vor Furcht und in Erwartung der Dinge, die kommen sollen
über die ganze Erde; denn die Kräfte des Himmels werden ins
Wanken kommen.
„Krise" - dieser Begriff war plötzlich in seinen Gedanken.
Diese Worte schildern eine Krise, in der alles immer
beängstigender wird. Und dabei fiel ihm ein, dass das deutsche
Wort Krise vom griechischen Wort krisis kommt. Und dieses Wort bedeutet
auch Gericht. Der Jüngste Tag ist der Tag der Krise, an dem alles
ans Licht kommt. Manfred Hauser musste an Eberhard Vogel denken. Er
hatte einen solchen Tag der Krise hinter sich. Alles, was er gerne
verheimlicht hätte, war ans Licht gekommen. Wenn die Bibel vom
Jüngsten Tag redet, dann spricht sie von einem solchen Prozess,
bei dem alles ans Licht kommt; ein schmerzhafter Prozess, der viel
Angst auslöst. Die Menschen werden vergehen vor Furcht und in
Erwartung der Dinge, die kommen sollen - heißt es ja im
Lukas-Evangelium. Aber offenbar ist das kein Prozess, der
ausschließlich mit Vernichtung und Zerstörung endet, sondern
bei dem gute Dinge am Ende stehen: Jesus, der Menschensohn wird kommen;
das Reich Gottes, Gottes neue Welt, wird nahe sein.
Plötzlich war Manfred Hauser klar, was die Botschaft dieses Textes
war, die Botschaft über den Jüngsten Tag genauso wie für
alle anderen Krisen und auch solche Krisen, wie sie Eberhard Vogel
durchgemacht hatte: Es kommen Krisen auf uns zu, immer wieder werden
Krisen kommen bis zu jener letzten und endgültigen Krise. Sie alle
machen offenbar, was verborgen war, sie bringen unsere Fehler und
Versäumnisse ans Licht, in ihnen fällt das auf uns
zurück, was wir falsch gemacht haben. Deshalb haben wir ja auch
solche Angst davor. Krisen machen offenbar, wo Menschen Fehler gemacht
haben. Aber in diesen Krisen steckt auch etwas Heilsames, in diesen
Krisen kommt uns nämlich Christus selbst entgegen. Er kommt uns
entgegen als der, der alles aufdeckt und offenbar macht, als der
Richter; aber er kommt auch als derjenige, der zu uns steht, der uns
nicht fallen lässt. Er ist eben nicht nur der unabhängige und
neutrale Richter, der alles nach Recht und Gesetz beurteilt, sondern
dieser Richter ist der Menschensohn, der einer von uns ist, der
weiß, was alles auf uns einwirkt, der selbst Unrecht erlitten
hat, der uns kennt und uns versteht. Da kommt der barmherzige Richter
auf uns zu. Wo Menschen das wissen, brauchen sie nicht zu erschrecken,
sondern können aufsehen und aufstehen und diesem Richter entgegen
gehen. Sie können mitten in der Krise die Hoffnung haben, dass
sich alles zum Guten entwickeln wird. So wie Eberhard Vogel jetzt die
Gewissheit hat, dass sich alles zum Guten wendet; weil eben jetzt alles
offenbar ist und er sich nicht mehr länger verstecken muss.
In diesen biblischen Texten vom Jüngsten Tag geht es also nicht um
die Frage, wann das alles geschieht. Sondern es wird uns eine
große Zusage gemacht: Wenn sich eine Krise zuspitzt, dann steht
nicht der Untergang bevor, dann steht das Kommen des Menschensohns
bevor, dann kommt Gottes Reich in unsere Welt. Deshalb der sonderbare
Vergleich mit dem Feigenbaum: Seht den Feigenbaum und alle Bäume
an: wenn sie jetzt ausschlagen und ihr seht es, so wisst ihr selber,
dass jetzt der Sommer nahe ist. So auch ihr: wenn ihr seht, dass dies
alles geschieht - wenn ihr erleiden müsst, dass eine Krise sich
zuspitzt, wenn alles immer Schlimmer zu werden droht, dann wisst: ihr
geht nicht auf den Untergang zu, sondern in aller Krise, in allem, was
euch Angst und Schrecken macht, kommt der Sommer, wird Christus, der
Menschensohn, auf euch zukommen, werdet ihr erfahren: das Reich Gottes
nahe ist.
Das meint Gottes Gericht: Christus kommt, deckt alles Verborgene auf,
bringt alles zurecht. Ein schmerzhafter Prozess, aber ein Prozess, der
heilsam ist. Eberhard Vogel hat diesen Prozess bereits durchlitten -
auch wenn ihm sein Prozess vor einem irdischen Gericht noch bevor
steht. Und wir alle werden eine solche Krise einmal am Jüngsten
Tag durchmachen. Aber wir brauchen uns davor nicht nur zu
fürchten; wir haben eine Hoffnung. Und deshalb gilt für uns -
gerade auch mitten in der Krise: Seht auf und erhebt eure Häupter,
denn eure Erlösung ist nah. Amen.
Gemeinde singt: EG 21 (Seht auf und erhebt eure Häupter)
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