Predigten zu verschiedenen Anlässen und Themen des Kirchenjahres
von Matthias Kreplin, Pfarrer in Schmieheim und Dekan des Evang. Kirchenbezirks Lahr


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Markuskirche Schmieheim

Theolmat

Was ist Erfolg? - Predigt über Mt.16,25 im Gottesdienst zur Verabschiedung - Lahr, 18.9.2009


Liebe Schwestern und Brüder,

Seit meiner Wahl zum Oberkirchenrat erhielt ich in den letzten Wochen eine Menge von Glück- und Segenswünschen. An dieser Stelle einmal ein herzliches Dankeschön dafür. Manchmal erreichten mich auch Grüße wie: „Ich gratuliere Ihnen zu diesem Erfolg." - oder „Das ist für Sie sicher ein Aufstieg, ein Sprung auf der Karriereleiter." - oder „Da haben sie ein großes Ziel erreicht." Bei Sätzen dieser Art hatte ich ein komisches Gefühl. Sicher fühle ich mich geehrt, dass man mir dieses Aufgabe des Oberkirchenrats zutraut. Sicher ist das auch eine große persönliche Herausforderung. Aber mit den Begriffen „Erfolg" und „Aufstieg" habe ich so meine Mühe.

Dieses mein Gefühl, dass da etwas nicht stimmt, war für mich der Ausgangspunkt darüber nachzudenken, was ist eigentlich Erfolg? Wie kommen wir eigentlich voran im Leben? Und das lässt sich sofort auch auf die Kirche übertragen: Wie hat die Kirche denn Erfolg? Und wie kommt die Kirche voran mit ihrem Weg in dieser Welt?

Ich denke, in unserer Gesellschaft gibt es eine weit verbreitete Vorstellung von beruflichem oder auch gesellschaftlichem Erfolg, die sich in etwa so umreißen lässt: Erfolg bedeutet einen Zugewinn an Einfluss und Macht, an gesellschaftlicher Anerkennung, das Erreichen einer höheren Position, eines höheren Status. Und damit auch verbunden: Erfolg bedeutet: mehr verdienen, ein höheres Einkommen haben. Voran kommen im Leben heißt in dieser Logik: Aufsteigen. Und unsere Gesellschaft propagiert dementsprechend ja auch als Lebensziel: Karriere machen. Und folglich geht es darum, die eigene Karriere zu planen, sich Ziele zu setzen und dann diesen Zielen nachzustreben. Erfolg heißt dann, die gesetzten Ziele erreichen. Nach diesem Leitbild unserer Gesellschaft mag man meine Berufung zum Oberkirchenrat als Erfolg und Aufstieg betrachten.

Völlig quer zu dieser Auffassung liegt eine Vorstellung vom Lebensgewinn und Lebensglück, die sich in einem Jesuswort findet, das in den Evangelien in verschiedenen Varianten und an verschiedenen Stellen überliefert wird. Im 16. Kapitel des Matthäus-Evangeliums lautet es so: Wer sein Leben erhalten will, der wird es verlieren; wer aber sein Leben verliert um meinetwillen, wird es finden (Mt.16,25).

Unser Streben nach Erfolg - und ich möchte gar nicht behaupten, dass ich das nicht auch tue - wird in diesem Jesuswort als der Versuch bezeichnet, das Leben erhalten zu wollen. Man könnte sogar übersetzen: Das Leben retten wollen. In anderen Varianten dieses Jesuswortes ist vom „Leben gewinnen wollen" die Rede. Diesem Streben werden katastrophale Folgen bescheinigt: Wer so nach Erfolg strebt, der wird das Leben verlieren. Man könnte sogar noch drastischer übersetzen: Der wird das Leben verderben. Wer also gerade das Leben zu gewinnen versucht, in dem er nach Erfolg und Aufstieg strebt, indem er im Leben vorankommen will, der wird am Ende am Leben vorbei gehen, der wird das Leben verderben. Und nicht nur dann, wenn der Erfolg sich nicht einstellt, wenn er scheitert. Sondern gerade auch dann, wenn er erfolgreich ist.

Warum dieses harte Urteil Jesu? Wenn ich es recht verstehe, geht es im Kern der Sache darum, dass wir in unserem Streben nach Erfolg auf uns selbst bezogen bleiben. Wenn wir erfolgreich sein wollen, dann sind wir der Mittelpunkt der Welt, dann wollen wir etwas für uns selbst erreichen, dann dreht sich alles um uns selbst, wir sind der oberste Wert und da höchste Ziel und alles andere sind nur Zwecke zum Erreichen dieses Ziels. Nach Jesu Überzeugung aber finden wir zum wahren Leben nur dadurch, dass wir von dieser Bezogenheit auf uns selbst frei werden, dass wir diese Bezogenheit auf uns selbst loslassen und verlieren. Sich selbst verlieren ist darum das Leitbild Jesu für gelingendes Leben. Und gerade, wenn wir uns selbst verlieren, wenn wir uns selbst vergessen, wenn wir nicht mehr selbst im Mittelpunkt stehen, wenn wir uns hingeben können, finden wir zum Eigentlichen unserer Existenz, finden wir zur Selbstverwirklichung.

All diese Begriffe wie Hingabe, Selbstverleugnung, sich selbst verlieren sind ja für viele von uns sehr problematische Begriffe. Begriffe, die auch missbraucht wurden und missbraucht werden. Weil sie manchmal benutzt werden, um andere zu Werkzeugen eigener Machtansprüche zu machen. Und weil wir diese Begriffe ja manchmal auch benutzen, um unter dem Deckmantel der Selbstverleugnung doch ganz vehement nach unseren eigenen Interessen zu suchen. Gerade bei uns in der Kirche, in der Eigennutz und das Vertreten eigener Interessen ja eher ein Tabu sind, kommt dieser Eigennutz und das Streben nach Erfolg dann oft unterschwellig durch: Wir präsentieren und manchmal als die großen Helfer, aber in Wahrheit suchen wir nur die Anerkennung und Nähe derer, denen wir helfen, oder wollen sogar Macht über sie ausüben. Wir präsentieren uns als die großen Propheten und Prediger, die für die Sache des Reiches Gottes streiten, aber in Wahrheit suchen wir unterschwellig nur danach, uns einen Namen zu machen und groß rauszukommen. Das Streben nach Erfolg gibt es nicht nur bei Bankern und Politikern, diese Bezogenheit auf uns selbst gibt es auch bei uns. Wer wäre denn frei davon? In ihr liegt gerade das, was die dogmatische Tradition als das grundlegende Sünder-Sein des Menschen bezeichnet. Luther spricht davon, dass Menschen in sich selbst hinein verkrümmt sind.

Und die Bezogenheit auf uns selbst hat auch noch eine Kehrseite: Sie besteht in der Angst und Sorge. Wir fürchten darum, dass uns Anerkennung versagt bleibt, wir fürchten darum, dass wir es den anderen nicht recht machen, wir fürchten darum, nicht beachtet zu werden, wir fürchten Leere und Sinnlosigkeit. Die Angst um uns selbst ist die negative Seite der Bezogenheit auf uns selbst. Und solche Ängste sind es ja auch oft, die uns davon abhalten, mutig für das Rechte einzustehen.

Das Leben verlieren, diese Bezogenheit auf sich selbst verlieren - wie könnte das aussehen? Mir kommt ein Bild in den Sinn: Ich denke an Kinder, die im Sommerurlaub zum ersten Mal an den Strand kommen. Sie sind überwältigt von der Menge an Sand, vom Wasser, das in sanften Wellen ans Land spült, von den Muscheln und Krebsschalen, die überall am Strand zu finden sind. Mit großer Begeisterung und ganz selbstvergessen fangen sie an, eine Sandburg zu bauen. Stundenlang graben und schuften sie, reißen wieder ein, bauen neu, verzieren sie die Burg, betrauern, dass die aufsteigende Flut die Mauern wegspült, bauen weiter oben eine neue Burg. Stundenlang spielen sie einfach völlig Daseinsvergessen. Sind einfach nur da in ihrem Spiel. So etwa sieht es aus, wenn Menschen sich selbst vergessen. Und mir scheint es, das Kinder das besser können als Erwachsene. Vielleicht sind deshalb Kinder für Jesus die großen Vorbilder in Hinblick auf das Eingehen ins Reich Gottes.

Um sich so zu verlieren braucht es also auch etwas, woran man sich verlieren kann. Wer das Leben verliert um meinetwillen, sagt Jesus. Wer das Leben verliert an die Bewegung des Reiches Gottes, der kann frei werden von der Bezogenheit auf sich selbst und kann frei werden für das gelingende Leben. Das Reich Gottes ist für Jesus eine große Bewegung, eine Kraft, eine dynamische Entwicklung. Von Gott her kommt in diese Welt hinein eine Kraft, die diese Welt zum Guten verändert. Jesus selbst versteht sich als Repräsentant dieses Reiches Gottes, als Repräsentant dieser Bewegung. Sein Leben um Jesu willen verlieren heißt: Sich dieser Bewegung des Reiches Gottes hinzugeben, sich hineinzugeben in diese Entwicklung, im Vertrauen darauf, dass die Kraft des Reiches Gottes uns trägt. Sich selbst loslassen und sich diesem Strom des Reiches Gottes anvertrauen, sich tragen lassen von diesem Strom, wie ein Schwimmer, der sich in den Fluten eines Flusses tragen und mittreiben lässt.

Wo unser Vertrauen groß wird, dass die Kraft des Reiches Gottes am Wirken ist, dass der Strom des Gottesreiches uns trägt, da können wir uns selbst loslassen, da können wir diese Bezogenheit auf uns selbst hinter uns lassen. Sicher gelingt uns das Loslassen nicht immer, sicher halten unsere Ängste und auch unsere Schielen nach Erfolg uns immer wieder fest, aber im Vertrauen auf Gott und seine Kraft wird uns auch das Loslassen immer wieder gelingen.

Wenn dieses Leben aus dem Vertrauen, wenn dieses Loslassen der Ichbezogenheit uns gelingt, dann wird unser Leben nicht immer nur einfach und glücklich, erfolgreich und unbeschwert sein. Aber es wird ein Leben sein, in dem sich jetzt schon etwas spiegelt vom Reich Gottes, in dem sich jetzt schon etwas spiegelt vom ewigen Leben. Und damit wird es mehr ein gelingendes Leben sein, als ein erfolgreiches Leben es je sein könnte.

Wo das Loslassen der Bezogenheit auf uns selbst, die Hingabe und Selbstvergessenheit auch unser Handeln in der Kirche prägen, leuchtet in der Kirche selbst etwas vom Reich Gottes auf. Ich möchte das an einigen Phänomen konkretisieren:

Wenn wir die Arbeit in unseren Gemeinde, in der Diakonie, in den verschiedenen kirchlichen Werken und Diensten aus einer Haltung der Bezogenheit auf uns selbst leisten, dann werden die Menschen, mit denen wir zu tun haben, letztlich für uns nur Mittel zum Zweck. Wenn unsere Gemeindeaufbaustrategien und Neuerungen, unser Engagement und unser Einsatz letztlich dazu dienen, dass wir selbst groß herauskommen oder dass wir als Kirche unsere gesellschaftliche Position erhalten wollen, dann werden die Menschen für uns nur Objekte unserer Planungen. Und das werden die Menschen letztlich auch spüren und sich zurückziehen. Wenn unsere Arbeit Erfolg haben will - gerade auch messbaren Erfolg - dann darf sie nicht um dieses Erfolges willen, sondern muss um der Menschen willen geschehen. Denn es gilt genauso paradox für die Kirche wie für das Leben: Wer die Kirche erhalten will, der wird sie verderben; wer aber die Kirche um des Reiches Gottes hingibt, der wird sie erhalten.

Wie das konkret aussehen kann, können wir ein Stück weit von Jesus lernen. Jesus zielte nicht auf die große Massen. In vielen Geschichten, die uns überliefert werden, geht es um die Begegnung mit Einzelnen. Um Begegnungen, die diese einzelnen berührten. Und gerade daraus entstand eine Massenbewegung. Weil Jesus der einzelne Mensch wichtig war und er nicht strategisch eine Massenbewegung ins Leben rufen wollte, deshalb entstand in der Folge seines Wirkens eine Massenbewegung. Sich hingeben an das Wirken des Reiches Gottes heißt darum: sich den Menschen, den einzelnen und konkreten Menschen, mit denen wir es zu tun haben, hingeben. Diese in den Mittelpunkt stellen. Wir denken dagegen oft: Wir müssen so und so viele andere erreichen, dabei ist dieser eine Mensch, mit dem wir es gerade zu tun haben, der Wichtigste.

Vorankommen im Leben der Kirche heißt darum: Die Menschen in den Mittelpunkt stellen, nicht uns so sehr um uns selbst, sondern um die Menschen sorgen. Das heißt nicht, dass wir das strategische Planen in der Kirche, das zielorientierte Handeln aufgeben müssten. Aber es kommt auf die Haltung an, aus der heraus alles geschieht. Ist es eine Haltung der Selbstbezogenheit oder eine Haltung des Vertrauens auf das Wirken des Reiches Gottes.

Denn für unser persönliches Leben - genauso wie für das Leben der Kirche - gilt: Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes und seiner Gerechtigkeit, so wird euch alles andere zufallen.


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